Andreas Braun
Mutig in die Zukunft
Eine restaurative Seilbahnwirtschaft
sollte neu bilanzieren.
Rede an die Seilbahnwirtschaft
Mit gut drei Jahren erhielt ich in Reith bei Kitzbühel vom örtlichen Wagnermeister meine ersten Schier ohne Stahlkanten. Zu jenem trugen wir dieselben oftmals zurück, um sie wieder nach Stürzen über unsere selbstgebauten Schanzen zusammenscheften zu lassen.
Erst mit neun Jahren, erinnere ich mich, empfand ich zum erstenmal das stolze Gefühl, mit einem Schlittenlift am Ganslernhang in Kitzbühel mechanisch nach oben zu gleiten. Mit nunmehr über 80 Jahren genieße ich wöchentlich den Luxus von Lans aus auf den Patscherkofel zu spazieren, um sodann in einer zu Tale schwebenden Gondel einerseits Knie- und Hüftgelenk-schonend das Gesundheitssystem zu entlasten und andererseits – die Nordkette im Blick – mit der Frau Hitt einen kontroversiellen Dialog über die Zukunft der alpinen Seilbahnwirtschaft zu führen.
Der Sage zufolge hatte die geizige Dame nämlich das Gemeinwohl aus dem Auge verloren und wurde sodann zur Strafe versteinert.
Diese kleine nostalgische tour d‘horizon unterstreicht meine biografische Affinität zur technischen Eroberung der alpinen Schieflagen, welche bis heute den zentralen und wirkmächtigsten Inkubator des alpinen Tourismus bildet. Ich durfte als Zeitzeuge die neue Erleichterung der Bereisung des romantischen Sehnsuchts – Topos Alpen ( siehe Gründungsmanifest des Österr. Alpenvereins 1862 ) beruflich und bergsteigerisch aus vielen Perspektiven begleiten und bedenken.

Autor Andreas Braun mit seiner Tochter Verena auf Skitour
Innerhalb eines Jahrzehnts von 1970 bis 1980 verhandelte ich im Bezirk Kitzbühel zahllose Schlepplift-Projekte von der Resterhöhe in Jochberg bis zum Kammerkör in Waidring. Anfang der 1980-er Jahre besuchte mich der Ischgler Seilbahnpionier Erwin Aloys in meinem Büro als Tiroler Fremdenverkehrsdirektor am Boznerplatz zu Innsbruck. Er schwärmte von der gewaltigen logistischen und technologischen Herausforderung des Seilbahnbaus. Nachdenklich und prophetisch fügte er hinzu: Iatz kemman halt a no die Fremden….die soziokulturelle Dimension der erleichterten Bereisung der Idalpe dämmerte offenbar dem braungebrannten weißhaarigen Herrn mit dem kühnen Gesichtsausdruck sehr präzise.
Ende der 90-er Jahre pilgerte ich wiederum mit Gernot Langes Swarovski nach Flims/ Laax in die Weiße Arena, um dort von Reto Gurtner hinsichtlich seines holistischen Gesamtkunstwerks Ökosystem Seilbahn Inspirationen abzuholen. Aktuell realisierte die Weiße Arena seit 2010 unter dem Motto Greenstyle etwa 200 Nachhaltigkeits-Projekte und verwandelt sich derzeit vom Energieverbraucher zum Energieproduzenten.
Stichwort Verbrauch: der World Overshoot Day ( Weltüberlastungstag ) in Österreich fiel heuer auf den 2. April: man bräuchte vier Planeten Erde, würden alle seine Bewohner so viele Ressourcen wie wir verbrauchen. Man nennt diese Form des Wirtschaftens extraktiv, das heißt die fatale Bilanz von Nehmen und Geben klafft weit auseinander.
Insbesondere in unserem vulnerablen, ökologisch und sozial sensiblen Alpenraum müssen wir die Entwicklung diametral umkehren. High Value, Low Impact lautet das Modell: ökonomischen Ertrag steigern sowie ökologische und kulturelle Schäden verringern. Die Alpen wären prädestiniert, sich zu einem weltweit paradigmatischen und pionierhaften Möglichkeitsraum für eine Abkehr von einem extraktiven und für eine Rückkehr zu einem restaurativen Modus des Wirtschaftens zu profilieren.
Nichts von dem, was ich hier erzähle, ist allen in der Seilbahnwirtschaft tätigen Menschen neu! Allenthalben finden auf örtlicher und regionaler Ebene substantielle Bemühungen, wie etwa Fortschritte bei Wasser- und Energieverbrauch, bei innovativen Mobilitätslösungen, bei der Reduktion von Bodenversiegelung , der regionalen Lebensmittelproduktion, Ganzjahres- Attraktivität, Land- Art-Initiativen, Kooperationen mit Gemeinden und Tourismusverbänden statt. Die Prinzipien von reduce, reuse und recycle sind allgemeines Wissensgut!
Vor diesem Hintergrund fällt mir allerdings seit langem auf, dass die Seilbahnwirtschaft von der breiten Öffentlichkeit keineswegs als Avantgarde einer restaurativen alpinen Wirtschaft wahrgenommen wird, sondern eher als selbstbewusste Verkünder kategorischer Superlative und Rekorde. Beförderungszahlen und Umsätze werden in stereotyper Phantasielosigkeit immer wieder und wieder hinausposaunt, während Kennzahlen und Bilanzen über Erfolge bei restaurativen Initiativen nur mühsam aus den einzelnen Geschäftsberichten und Websites zusammengesucht werden müssen.
Fazit: Bottom-up gäbe es viel spannenden Stoff zum Erzählen, Top-down wird diese Chance einer neuen Positionierung nicht oder viel zu wenig genutzt.
Eine neue, angemessene und holistische – auf Landes- und Bundesebene erfolgende – Bilanzierung der umfassenden nicht nur ökonomischen, sondern auch ökologischen und sozialen Leistungen der Seilbahnwirtschaft wäre ebenso dringlich erforderlich wie eine Gewissenserforschung der Tourismuswirtschaft, was die stumpfsinnigen Nächtigungszahlen anlangt.
Factum sequitur verbum, meinten die alten Römer…die Tat folgt dem Wort! Gesetzt den Fall, dass die Seilbahnwirtschaft neue ökonomische , ökologische und soziologische Rechenschaftsberichte über die vielfältigen Innovationen der Branche im Interesse einer restaurativen Zukunft verlautbaren würde, wäre solche Publizität ein veritabler Booster für die allgemeine Akzeptanz von Seilbahnen sowie ein gewaltiger Ansporn für alle Stakeholder, sich im Wettbewerb einer restaurativen Wirtschaft noch mehr anzustrengen.
So Gott will, hoffe ich in einem neuerlichen Gespräch der versteinerten Dame im Karwendel berichten zu können, dass sich die Seilbahnen von rein ökonomischen auch zu kulturellen Heilsbringern ihrer Kommunen und Regionen fortentwickelt haben!
Herr Dr. Andreas Braun,
es war eine besondere Auszeichnung, dieses hoch informative Fachgespräch mit ihnen führen zu können. Sie haben mit ihren sehr inspirierenden, sicherlich nicht ganz konfliktfreien, aber stets sehr vorausblickenden Aussagen ihrem Ruf als Avantgarde-Touristiker mit philosophischem Tiefgang alle Ehre gemacht und einen wichtigen Gedankenanstoß von „More of the Same“ hin zu „Something New“ für die Formulierung einer zukunftsorientierten Tourismusstrategie gegeben. Nochmals vielen herzlichen Dank für ihre Gesprächsbereitschaft.
Ad multos annos!
Josef Burger, scheidender Vorstand bzw. Vorstandsvorsitzender der Bergbahn AG Kitzbühel
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