Alois Schöpf
Jury oder Kunst?
Wohin geht die Blasmusik?
1. Teil:
Über den Unsinn von Wertungsspielen
am Beispiel des Deutschen Musikfests
in Ulm
Analyse
Ende Mai besuchte ich die Konzertwertungsspiele der Höchstklassenorchester im Edwin-Scharff-Haus in Neu Ulm, malerisch an der ruhig vorbei fließenden Donau gelegen, wie sich ja die ganze Stadt an diesem ersten sommerlichen Wochenende als ein geradezu südländisches Ferienparadies erwies.
Überall Flanierende, locker gewandete hübsche Frauen, am Flussufer Familien um kleine hölzerne Tische versammelt oder im Gras sitzend, die vielen Kaffeehäuser übervoll, lange Schlangen vor den Eisdielen und dazwischen immer die zum Deutschen Musikfest angereisten Bläsergruppen mit ihren Konzerten und Auftritten.
Zu den Konzertwertungen der Kategorie 5 und 6 traten 12 Orchester an, von denen ich mit meinen Kollegen, dem Intendanten der Innsbrucker Promenadenkonzerte Bernhard Schlögl und dem Dirigenten der Bläserphilharmonie Osttirol Lukas Hofmann, sieben Aufführungen besuchte. Dabei stellte sich spätestens nach dem fünften Mal, wenn das nachhaltig spannende Pflichtstück des französischen Komponisten Alexandre Kosmicki Turbulences verklungen war, Ratlosigkeit ein.
Denn natürlich spielten die Orchester, wenn man genau hinhörte, unterschiedlich gut. Wenn man es jedoch nicht so genau nahm, spielten sie alle fantastisch bzw. jedes Orchester brachte seine je eigenen Vorzüge mit ein.
Etwa das Jugendorchester der 12.000-Einwohnergemeinde Havixbeck, das dadurch begeisterte, dass hier sichtlich junge Schülerinnen und Schüler bereit waren, am Instrument weit Überdurchschnittliches zu leisten. Aber auch unsere Tiroler Landsleute aus Landeck, die sich in uriger Tracht wacker durch die Partituren komplexer zeitgenössischer Musik kämpften. Und vor allem das siegreiche Orchester aus Kreuzlingen in der Schweiz, das seine besondere Klasse weniger beim Pflichtstück von Rolf Rudin Bacchanale bewies als vielmehr bei der Symphonie for Band Wine-Dark Sea von John Mackey, der das 60-köpfige Blasorchester durch einen Strudel rhythmischer Ausbrüche jagte.
Angesichts dieser Leistungen, die im Durchschnitt vor etwa 120 Zuhörern über die Bühne gingen, wurde die Frage unabweisbar, was dafür verantwortlich ist, Unmengen an Reise- und Aufenthaltskosten und noch mehr Mühen in langwierige Probenarbeit zu stecken, um zuletzt von fünf Juroren eine paar Zehntelpunkte mehr oder weniger zu kassieren als die Konkurrenz?
Vor Juroren übrigens, die, wie ich aus Österreich weiß, als Dirigenten oftmals nicht einmal selbst in der Lage sind, ein leistungsstarkes Orchester zu leiten. Das hindert sie jedoch nicht daran, mit Aufwandsentschädigungen etwas nebenher zu verdienen und sich mit behaupteter Expertise wichtig zu machen. Da ich die Juroren in Ulm nicht kannte, möchte ich festhalten, dass all dies für sie nicht gelten muss.
Nach den Zweiten Weltkrieg, als die Blasmusik als politisch besonders missbrauchtes Genre künstlerisch darniederlag, mag es sinnvoll gewesen sein, über Wertungsspiele wertvolle Literatur und Qualitätsbewusstsein bis in die kleinsten Gemeinden hinaus zu vermitteln. Dass dieser hehre pädagogische Ansatz von vielen führenden Funktionären dazu missbraucht wurde und bis heute in verfeinerter Netzwerkpflege weiterhin missbraucht wird, eigene, meist öde Machwerke unter die Leute zu bringen, ruinierte das Ansehen einer Bemühung, die sich durch die Entwicklung der Tonträgerindustrie, der Verlage und der Medien ohnehin als überflüssig erwies. Denn alle, die sich heute tatsächlich fortbilden wollen, können dies, auch vor dem Hintergrund eines großzügig ausgebauten Musikschulwesens, ohne die Hilfe ihrer Verbände tun.
Der Endpunkt dieser Entwicklung besteht inzwischen darin, dass etwa am landesweiten Wertungsspiel der Südtiroler Musikkapellen von 209 Vereinen 7 teilnahmen. In Nordtirol waren es unlängst von 300 Kapellen 37, in Salzburg 18 von 148, in Oberösterreich 24 von 479 (siehe PS). Die Quoten sind nirgendwo, auch nicht in Deutschland, besser. Dieses Faktum hat selbstverständlich auch die Organisatoren des Deutschen Musikfestes nicht daran gehindert, in typischer Funktionärsträgheit so zu tun, als gäbe es da nichts zu reformieren.
Dabei wäre es höchste Zeit, endlich einzusehen, dass sich die ursprüngliche Funktion von Konzertwertungsspielen erübrigt hat und das Angebot von den Vereinen de facto boykottiert wird.
Entscheidender noch als dieser Umstand ist die Tatsache, dass Kunst sehr wohl etwas mit Können zu tun hat, dieses Können aber nie die Kunst selbst ist, sondern lediglich ihre Voraussetzung, woraus folgt, dass der Triumph, sich vor einer Jury erfolgreich an die 100 Punkte heran zu spielen, ein unkünstlerischer, tief im benotenden Schulunterricht befangener, narzisstischer Ehrgeiz ist, der mit Kunst, mit der Fähigkeit also, die Herzen der Menschen zu erreichen, sie mit wertvoller Musik emotional zu bewegen und ihnen darüber ihre edelsten Gefühle und ihre Begeisterung für das Schöne in Erinnerung zu rufen, absolut nichts zu tun hat.
Gerne hätte ich dem Dirigenten des Symphonischen Blasorchesters Kreuzlingen Stefan Roth nach seinem Auftritt noch drei Stücke zur Auswahl aufs Pult gelegt und ihm dafür 60 Minuten Probezeit eingeräumt: Die Ouvertüre für Harmoniemusik von Mendelssohn-Bartholdy im Arrangement von John Boyd, Presentation of the Silver Rose aus der Oper Der Rosenkavalier von Richard Strauss in einem Arrangement von Alfred Reed oder Geschichten aus dem Wienerwald von Johann Strauß in einem Arrangement von Albert Schwarzmann.
Ziel des Versuchs wäre es gewesen, zu überprüfen, ob das auf höchstem technischen Niveau operierende Orchester auch in der Lage ist, auf Basis hochemotionaler Weltliteratur künstlerisch etwas zu sagen zu haben.
Wenn dem so wäre, was ich hoffen und erwarten würde, frage ich mich, weshalb das Orchester auf seiner Homepage derart mit Rängen bei allen nur möglichen Wertungsspielen prunkt, um nicht zu sagen protzt. Mit seinem Können, aber auch mit dem Können aller anderen so hervorragend spielenden Spitzenorchester wäre es doch viel wichtiger, mit unverwechselbaren Programmen und Auftritten abseits von Verwandten und Bekannten im Saal ein anonymes und überregionales Publikum zu begeistern.
Denn nicht fünf Lehrer, sondern nur dieses Publikum inklusive einer wohlwollenden, jedoch stets kritischen Wahrnehmung durch die Medien ist die wahre Jury, vor der aufzutreten es sich lohnt. Und nur solche Auftritte sind auch geeignet, den oft fragwürdigen Ruf der Bläsermusik zu verbessern. Konzertwertungsspiele vor wenig Publikum sind es nicht.
PS: Der vorliegende Artikel erschien bereits in der deutschen Musikzeitschrift „Brawoo“ und hatte eine vehemente Reaktion des stellvertretenden Landeskapellmeisters von Oberösterreich Thomas Asanger zur Folge. Er warf mir vor, mit falschen Zahlen zu operieren, da ich die Anzahl der auf Landesebene antretenden Musikkapellen in Oberösterreich mit lediglich 24 angegeben habe, diese Zahl jedoch daraus resultiere, dass überhaupt nur auf Bezirksebene erfolgreiche Musikkapellen zum Landeswertungsspiel zugelassen würden. Da ich von dieser Vorauswahl nichts wusste, entschuldige ich mich für eine vor diesem Hintergrund nicht korrekte Zahlenangabe. Das in Oberösterreich offensichtlich weitverbreitete und erfolgreiche Abhalten von Wertungsspielen ist jedoch aufgrund meiner hier entwickelten Überlegungen umso bedenklicher. Dies auch deshalb, weil ausgerechnet im selben Bundesland mit „Woodstock der Blasmusik“ eine Veranstaltung entwickelt wurde, die, vehement verbreitet vom gewissenlosen staatlichen Fernsehen, sämtliche Bemühungen um hochwertige Programme in der blasmusikalischen Breitenkultur zur Illusion werden lässt.
Nächste Woche:
2. Teil: Der Gemischtwarenladen. Oder: Das Interesse an den Konzerten traditioneller Musikkapellen ist im Verhältnis zu Brass Bands und Bigbands gering. Analyse der Ticketnachfrage bei den Innsbrucker Promenadenkonzerten 2025
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