Alois Schöpf
Wozu das Theater?
Zur langfristigen Entwicklung
des Tiroler Landestheaters
Analyse

Als die erste massive Kritik an der neuen Intendantin des Tiroler Landestheaters laut wurde und von einer durchwegs wohlmeinenden, da woken Berichterstattung nicht mehr unter den Tisch geschrieben werden konnte, meinte der inzwischen abgewählte und nunmehr in der Kultur gelandete ehemalige Bürgermeister der Landeshauptstadt Innsbruck Georg Willi großzügig, man möge Irene Girkinger doch bitte drei Jahre Zeit lassen, bis sie sich in ihre Rolle eingelebt habe.

Das Tiroler Landestheater verfügt über ein Budget von 36 Millionen Euro, von denen 32 Millionen aus öffentlichen Haushalten stammen. Somit dürfte die dreijährige Learning-by-doing-Schulung der neuen Intendantin wohl die teuerste Einzel-Fortbildungsmaßnahme in der Geschichte Tirols sein.


Das dritte Jahr hat begonnen

Inwieweit Girkinger in ihre Rolle tatsächlich hineingewachsen ist, wird im nunmehrigen dritten Jahr die heurige Saison zeigen. Dabei sollte sich im Falle einer negativen Beurteilung die Kritik mitnichten nur auf sie konzentrieren. Sie ist nämlich die Persönlichkeit, die sie ist und bleiben wird, und es kann, ja muss sogar davon ausgegangen werden, dass sie sich bei ihrer Bewerbung nicht lügnerisch verstellt, sondern genau jene Pläne präsentiert hat, mit denen sie in den vergangenen zwei Jahren das Publikum konsequent zu verärgern in der Lage war. Derlei war aber offenbar nicht so wichtig wie die Tatsache, dass unbedingt einer Person weiblichen Geschlechts die neue Position zugesprochen werden sollte.


Aber nicht nur das Publikum, sondern auch viele Komponisten, Schriftsteller und Regisseure im Lande hat Girkinger inzwischen gegen sich aufgebracht, indem sie ihnen zu erkennen gab, dass kein Interesse an ihren Projekten besteht. Dabei betraf Letzteres mitnichten nur den ehemaligen Ballettchef des Hauses, der für volle Ränge und einen guten Kontakt zum jugendlichen Publikum gesorgt hatte, sondern auch viele andere Kreative, für die bisher das Tiroler Landestheater eine künstlerische Heimat gewesen war.


Missachtung einer zentralen Aufgabe

Letzteres erinnert an Leoš Janáček und die Karriere des großen mährischen Komponisten, dessen Werke über viele Jahre lediglich an der Oper in Brünn aufgeführt wurden, bis endlich auch die, wie üblich, zu Arroganz neigende Leitung des Prager Nationaltheaters und der Wiener Staatsoper auf den Komponisten aufmerksam wurden. Wenn Janáček damals nicht seine heimatliche Bühne gehabt hätte, wäre er niemals der große und bedeutende Opernkomponist geworden, als der er heute auf allen Bühnen der Welt gehandelt wird. Denn es ist nahezu auszuschließen, dass Erstlingswerke von Komponisten, Schriftstellern, aber auch von Filmregisseuren bereits Meisterwerke sind, die aus dem Stand eine kontinuierliche Weiterarbeit ermöglichen.

Der Mangel an brauchbarem Musiktheater, aber auch an Theaterstücken ist zweifelsfrei auch darauf zurückzuführen, dass jungen Kreativen selten die Chance geboten wird, Erfahrungen zu sammeln und sich zu entwickeln. Die Nonchalance, mit der Girkinger auf diese zentrale Aufgabe eines regionalen Theaterbetriebs vergisst, hat sie bei ihrer Berufung sicherlich nicht verheimlicht. Darüber können auch die paar modischen und politisch stromlinienförmigen Petitessen nicht hinwegtäuschen, mit denen sie das Publikum zur höheren Ehre der tirolstämmigen Autorenschaft abfüttert.


Zahlen, woker Blödsinn und Schließtage

Wie massiv die Krise des Landestheaters längst ist, ergibt sich aus den nackten Zahlen und einem Spielplan, der den bildungsbürgerlichen Mythos Theater als moralische Anstalt aufrecht zu erhalten versucht, indem linker, feministischer Wokeness gehuldigt wird. Tirol verfügt somit folgerichtig über einen Musentempel, der aufgrund mangelnden Zuspruchs durch das Publikum und aufgrund einer sich dem Zeitgeist anbiedernden Programm- und Kulturpolitik über die Jahre hinweg immer mehr zur fassadenartigen Fiktion eines Theaterbetriebs eingedampft wird, dessen wichtigstes Stück Schließtag heißt.

Um einen beliebigen Vergleich anzustellen: 2007/08 wurden im Großen Haus 6 Opern, 3 Wiederaufnahmen von Opern, insgesamt also 78 Aufführungen von Opern, 2 Operetten, 1 Musical, insgesamt 36 Aufführungen dieser Genres, 3 Schauspiele und 1 Wiederaufnahme, insgesamt 52 Aufführungen und 2 Tanztheater mit insgesamt 16 Aufführungen präsentiert. Dies ergibt eine Auslastung des Großen Hauses mit 182 Aufführungen im Jahr.

Im Gegensatz dazu wurde das Große Haus 22/23 mit 161 Vorstellungen, 23/24 mit 137 Vorstellungen und 24/25 mit 147 Vorstellungen bespielt. Dies ergibt eine Reduktion im Verhältnis zu 2007/08 von bis zu 25 Prozent. Hinzu kommt eine Auslastung von nur 71 Prozent, woraus sich, auf Sitzplätze umgelegt, ableiten lässt, dass das Große Haus, und nur dieses rechtfertigt, wie schon mehrfach betont, einen Staatszuschuss von 32 Millionen, nur im Maßstab von 90 bis 100 Vorstellungen im Jahr voll ausgelastet ist.

In welchem Ausmaß hier einem bildungsbürgerlichen Phantom, einem potemkinschen Theaterdorf gehuldigt wird, ergibt sich auch aus den Vergleichszahlen etwa mit der Wiener Staatsoper und oder der Wiener Volksoper, die über jeweils 300 Spieltage verfügen, aber auch, auf Tirol bezogen, im Vergleich mit dem Innsbrucker Treibhaus, dessen öffentliche Zuschüsse im Vergleich zum Landestheater geradezu lächerlich sind, dessen Verwaltung minimal ausfällt und das dennoch an 350 Tagen Programme anbietet.


Verlogenes Spiel mit den Auslastungszahlen

Womit auch angedeutet werden soll, dass von einem Landestheater nicht nur Opernaufführungen zu erwarten sind, sondern die drei Bühnen und das unter der Leitung von Wolfgang Laubichler vorbildlich florierende Haus der Musik im Sinne neuer Publikumsschichten Kabarett, Lesungen, Vorträge, Film, Diskussionen, Konzerte und Gastspiele Freier Theatergruppen anzubieten hätten.

Ganz abgesehen von einer engen Kooperation mit dem Tourismus, für den in Verbindung von Natur und Kultur ein abendlicher Theaterbesuch mit zum Image des Landes passenden Produktionen als eigenes Package durchaus interessant sein könnte. Hier sei nur an die Oper in Dresden erinnert, die einen wesentlichen Teil ihrer Einnahmen über solche touristische Kooperationen einspielt.

Alle diese Möglichkeiten werden naturgemäß bei der Berechnung von Auslastungszahlen tunlichst verschwiegen, was vergleichsweise darauf hinausläuft, dass eine Fabrik 4 bis 5 Tage in der Woche geschlossen bleibt und nur 2 bis 3 Tage im Vollbetrieb geführt wird, die verantwortlichen Manager jedoch ungeniert, lediglich auf diese 2 oder 3 Tage bezogen, von hoher Auslastung sprechen, obgleich selbige auf das Jahr berechnet mit maximal 30% bis 40 % zu veranschlagen ist.

Um über die Tatsache zusätzlich hinwegzutäuschen, wird auf der Programm-Webseite des Landestheaters jedes noch so kleine Event groß aufgelistet und die Darbietungen des Hauses der Musik miteinbezogen, sodass sich ein Wust an Daten ergibt, hinter dem nur der genau analysierende Leser die Dürftigkeit des Angebots zu erkennen vermag.


Die Messlatte für Girkinger und Kulturpolitik

Die derzeitige Intendanz wird also daran zu messen sein, ob es ihr gelingt, mit dem vorhandenen Budget die Anzahl der Vorstellungen wieder auf das Niveau etwa der angeführten Saison 2007/08 zu bringen und zugleich die derzeit unverantwortlich niedrigen Ticketpreise zu erhöhen. 

Beste Plätze für eine Oper von Richard Strauss um 59 Euro sind nur noch als zynische Unterstützung einer Bildungselite einzustufen, die sich ihre kulturellen Lüste vom Staat finanzieren lässt. Mit hochkarätigem Musiktheater, zu dem man, wie es seit der Ära Fassbaender hinreichend bewiesen wurde, am Landestheater durchaus in der Lage wäre, müssen 20 Prozent Eigenertrag erwirtschaftet werden können, wie es auch die Oper in Linz schafft. 

An der Kulturpolitik wiederum wird es liegen, eine über das Bisherige hinausgehende Auslastung von etwa 300 Aufführungen im Großen Haus pro Jahr einzufordern und durch Synergien unter Einbindung, wie schon gesagt, des Tourismus, der Freien Szene und eventuell auch Südtirols zusätzlich und ausreichend zu finanzieren. 

Das Ziel muss ein mit all seinen Spielstätten täglich volles Haus als Zentrum des Kulturschaffens in Tirol sein.


Bilanz

Faktum ist derzeit, dass die Musikbegeisterten des Landes in Zukunft glücklich sein müssen, wenn sie bald nur noch vier Opern im Jahr präsentiert bekommen, was im Bereich des klassischen Theaters gleichgültig ist, da allfällige Stücke von größenwahnsinnigen Regisseurinnen ohnehin umgedichtet und damit zerstört werden. Eine Ausnahme in der laufenden Saison bildet natürlich Heldenplatz von Thomas Bernhard, eine langweilige Klischee-Orgie, die der diesjährigen Bestätigung garantiert antifaschistischer Gesinnung geschuldet ist.

Statt freie Orchester, freie Theater oder freie Tanzkompanien in eine technisch hochwertige Infrastruktur einzubinden und aus oft schäbigsten Undergroundhöhlen zu befreien, statt also das große Haus am Rennweg radikal zu öffnen, herrscht die gepflegte Arroganz der geschützten Werkstätte vor. Man will in Ruhe gelassen werden und würde in Vollendung sogar ein Theater ohne Vorstellungen akzeptieren, solange zumindest das gesicherte Einkommen des Kunstbeamtentums garantiert bleibt.

In der jetzigen zusammengeschrumpften Form ist das Tiroler Landestheater, mit oder ohne den Brandbeschleuniger Irene Girkinger, am besten Weg, seine Daseinsberechtigung zu verlieren. Und das wäre für jeden und jede, die meinen, dass unsere bürgerliche Hochkultur der unverzichtbare Bestandteil eines gelungenen Lebens ist, die blanke Katastrophe. 

Für immer mehr vor allem jugendliche Mitbürger und Mitbürgerinnen wäre es das leider überhaupt nicht.

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Edith Kluibenschädl

    Unverständlich, dass für Mediation noch Geld nachgeschoben wird, anstatt Girkinger abzulösen. Aber anscheinend darf sie bis zum Ende weiterwursteln.

  2. e. Staudinger

    Das kommt davon, wenn ein Chordirigent, gescheiterter und unfähiger Bürgermeister versucht als Vizebürgermeister Kulturpolitik zu machen. Die Politik lässt die Dame ungeniert weiterwursteln und zahlt hohe Millionenbeträge für ein Theater, das die Menschen in Innsbruck nicht wollen.

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