Alois Schöpf
Was tun nach der missglückten ESC-Bewerbung?
Ganz einfach:
Die Tiroler Landestheater und Orchester GmbH retten!
Notizen

Dass der European Song Contest nicht an Innsbruck vergeben wurde, ist mit erstaunlicher Nüchternheit aufgenommen worden. Patriotisches bzw. tirol-tribalistisches Geschwafel köchelte nur am medialen Narrensaum. Wahrscheinlich hat sich doch bis in die hintersten Redaktionsblasen herumgesprochen, dass ein nicht unwesentlicher Teil der Bevölkerung erleichtert darüber ist, dass das Geschäft mit massenmedialer Schrottmusik an uns vorübergegangen ist.

Erstaunlich ist nur, zu welcher Aufbruchsstimmung und zu welchem Mut der Größenwahn unsere Stadtführung beflügelte. Eigenschaften, die sonst, wenn es nicht gerade um einen Song Contest, um Olympische Spiele oder Europameisterschaften geht, in der Kulturarbeit vor Ort fehlt. Mit einer Ausnahme, an der sich die gewählten Herrscher unserer Landeshauptstadt immerhin motivationstechnisch aufrichten können: das neue Pflaster in der Altstadt und die Neugestaltung des Boznerplatzes dürfen jetzt schon als architektonisch mutig und einer Stadt würdig eingestuft werden, deren Politiker sich nach überregionaler Aufmerksamkeit sehnen.

Als ich bei den heurigen Promenadenkonzerten den für die Kultur zuständigen Vizebürgermeister Georg Willi fragte, ob er mit mir nicht einmal ein hartes, sprich offenes Gespräch über die desaströse Entwicklung am Tiroler Landestheater führen wolle, lehnte er ab. Neben der Freude darüber, sich an der Seite von Frau Palfrader und zur Freude seiner Gattin durch die Bestellung von Frau Girkinger als Feminist profiliert zu haben, spielt offenbar das gerade an die Wand fahrende Tiroler Landestheater nur eine untergeordnete Rolle.

Ideologisch unbeschwerter geht es da bei Herrn Anzengruber zu, der neben unserer großen deutschen Intendantin der Innsbrucker Festwochen auf Schloss Ambras den verkleideten Kasperl spielte und sich als solcher auf der mit Wein- und Sektgläsern überfüllten Adabeiseite der Tiroler Tageszeitung abbilden ließ. 

Und natürlich gab es in völliger Blauäugigkeit auch von seiner Seite keinerlei Kritik daran, dass in den Medien betrügerisch behauptet wird, die Innsbrucker Festwochen, die längst jegliche überregionale Bedeutung verloren haben, könnten auf ein Publikum von 20.000 Personen verweisen. Die Hälfte davon ist nämlich nur bei Gratisauftritten irgendwelcher Ensembles vorbeispaziert oder hat, wie Anzengruber, das Fest auf Schloss Ambras besucht, aber auf jeden Fall keine Karten gekauft, auf die im Theater der großzügige Staat dann pro Platz noch 300 Euro drauflegen muss, damit sich das überalterte Bürgertum der Inntalfurche beim irrelevanten Gejodel von Countertenören noch einmal so richtig weltoffen fühlen kann.

Die beiden für die Kultur in Innsbruck maßgeblichen Herren lassen nicht den Ansatz jener Reflexionsfähigkeit und jenes sicheren Geschmacks erkennen, aufgrund derer die Tiroler Festspiele Erl bravourös davonziehen und die altehrwürdige Landestheater und Orchester GmbH im eigenen Land zur Provinz degradieren.

Unfreiwilliger Teil dieser Degradierung ist auch das an sich leistungsfähige Orchester, das nun seit Jahren führungslos dahin sumpert, über keine Marke und kein Alleinstellungsmerkmal verfügt, von dem es keine CD und keine Konzertmitschnitte auf DVD gibt, geschweige denn Auftritte auf Youtube oder in einem anderen Streaming Dienst.

Dass sich seit undenklichen Zeiten daran nichts geändert hat, ist auch Journalisten zu verdanken, die in friedlicher Koexistenz mit dem Mittelmaß leben oder die aufgrund erfolgreichen Bussi-Bussi-Verhaltens fallweise von genau jenem Theater angestellt werden, das sie eigentlich hätten kritisieren sollen.

Im Großen Haus, und nur dieses rechtfertigt die hohen Subventionen, die das Landestheater erhält, werden aufgrund von Geldmangel immer weniger Stücke immer weniger oft aufgeführt. Dies gilt vor allem für Opern, deren Aufführungen mit Abstand am meisten kosten, die jedoch bisher dem Tiroler Landestehater das höchste Renommee und den höchsten Publikumszuspruch einbrachten. Und wenn dann noch aufgrund des glücklosen, da ideologisch unbeholfenen Händchens der Intendantin davon die verbliebene Hälfte aufgrund unerträglicher Inszenierungen auf die nachhaltige Verärgerung des Publikums trifft, stellt sich selbst für den begeistertsten Fan des Musiktheaters die Frage, ob die Aufrechterhaltung eines solch auch künstlerisch defizitären Betriebes noch zu rechtfertigen ist.

Das Schlimmste an der ganzen Sache ist zuletzt, dass in Tirol noch kein Politiker wegen seiner dilettantischen Kulturpolitik abgewählt wurde, woraus leider folgt, dass selbige die Regel und nicht die Ausnahme bildet. Das ist hart für jeden Kulturschaffenden, der, obgleich künstlerisch heimatlos, im Lande bleiben und nicht auswandern möchte, weil er hier geboren wurde.

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

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