Alois Schöpf
Was erwarte ich?
Was befürchte ich?
Vor-Kritik
zu den Konzerten der zweiten Woche
der Innsbrucker Promenadenkonzerte
Vorrede und Vor-Kritik zur ersten Woche: https://schoepfblog.at/alois-schopf-vor-kritik-zu-deninnsbrucker-promenadenkonzerte/
Freitag 11. Juli 2025, 19:30 Uhr
Orchester der Französischen Marine
unter der Leitung von Alexandre Kosmicki
Die Dramaturgie von Konzerten wird selbst von weltbekannten Orchestern meist unterschätzt. Dies betrifft sogar die Wiener Philharmoniker mit ihrem Neujahrskonzert, das auf eine CD-Aufnahme hin und weniger darauf ausgerichtet ist, das physisch anwesende Publikum in Spannung zu versetzen. Dieses beschafft sich im Kampf gegen die Langeweile des immer Gleichen aus der Kompositionsfabrik Strauss sein Vergnügen durch den Distinktionsgewinn, bei einem Weltereignis dabei zu sein.
Aber auch in der Blasmusikszene ist Dramaturgie, also die Fähigkeit, das Publikum für sich zu gewinnen, auf eine Reise ins Unbekannte mitzunehmen und zuletzt wieder beglückt in den Alltag zu entlassen, für die allermeisten Orchester ein Fremdwort.
Umso erfreulicher und vorbildlicher ist das Programm des Orchesters der Französischen Marine unter Alexandre Kosmicki, der auch ein hervorragender Komponist ist und für Blasorchester schwierige und an den französischen Impressionismus erinnernde, komplexe Werke geschaffen hat.
So eröffnet Kosmicki das Konzert mit dem Hauptwerk der traditionellen französischen Original-Blasmusikliteratur, mit Dionysiaques von Florent Schmitt, wie der erste Teil des Programms ja überhaupt im geradezu peinlichen Gegensatz zu vielen Auftritten österreichischer Blasorchester selbstbewusst der französischen Musiktradition mit Camille Saint-Saens und Claude Debussy treu bleibt. Ergänzt werden diese klassischen Werke durch eine Komposition des Dirigenten selbst: Danse Satanique.
Der zweite Teil des Konzerts ist sodann unter dem Motto Versöhnen der leichten Muse gewidmet, einmal mit der symphonischen Dichtung Ein Amerikaner in Paris von George Gershwin und einmal mit zwei großen musikalischen Verbeugungen vor dem französischen Chanson und der französischen Unterhaltungsmusik des 20. Jahrhunderts.
Dieses dramaturgisch hervorragend abgestimmte Programm, aufgeführt von professionellen Künstlern, geleitet von einem renommierten Komponisten und dargeboten im spezifischen Klanggewand französischer Blasmusikkultur sollte man sich nicht entgehen lassen.
Samstag 12. Juli 2025, 18:00 Uhr
Konzerte der Brassband Fröschl Hall
unter der Leitung von Corsin Tuor
und
50 Jahre German Brass
Dieses im Sitzplatzbereich bereits ausverkaufte Doppelkonzert ist ein Pflichttermin für all jene, die ein eher leichtathletisches Verhältnis zur Musik pflegen und die Kunst von Blechbläsern bewundern, virtuos die höchsten Höhen, die tiefsten Tiefen, die wahnwitzigsten Tempi und die herausforderndste Dynamik zu bewältigen.
Dass diese Zielsetzung leider sehr oft mit spätromantischen und epigonalen Kompositionen einhergeht, ist ein Makel, den German Brass durch eine Ausweitung der Programmatik von Johann Sebastian Bach über Georg Philipp Telemann bis hin zu George Gershwin und Chuck Mangione zu unterlaufen versucht. Aber auch Corsin Tuor von der Brassband Fröschl Hall versucht, die Eintönigkeit der Brassband-Kompositionen durch Programm-Impulse aus Barock, Volkslied oder amerikanischer Unterhaltungsmusik aufzubrechen.
Für alle Zuhörer besonders interessant wird an diesem Doppelkonzert sein, wie sich der Vergleich zwischen ausgezeichneten Amateuren und hochprofessionellen Musikern ausnimmt. Gerade in der Musik ist nämlich der Standesdünkel einer professionellen Ausbildung meist zurecht, zuweilen aber auch nur angemaßt besonders ausgeprägt. Es wird am kundigen Publikum liegen, die Fallhöhe zwischen den einen, den Amateuren, und den anderen, den Berufsmusikern, zu beurteilen und sich in Erinnerung zu rufen, dass zum Beispiel ein Franz Schubert fast 60 % seiner Werke für sogenannte Amateure geschrieben hat.
Sonntag 13. Juli 2025, 19:30 Uhr
Niederländisches Zollorchester
unter der Leitung von Björn Bus
Auf den Zuspruch zum Konzert des Niederländischen Zollorchesters bin ich wirklich gespannt, bestes Wetter natürlich vorausgesetzt. Es fängt schon damit an, dass, ganz persönlich gesprochen, ein Zollorchester marketingmäßig vor dem Hintergrund, dass uns durch den Beitritt zur EU Zölle und Zöllner endlich erspart bleiben, ein Zollorchester nicht gerade die sympathischsten Assoziationen hervorruft.
Dem entgegen wiederum wirkt der Name des Dirigenten, der als Vorsitzender des weltweit wichtigsten Blasmusikwettbewerbs in Kerkrade einer der profiliertesten Dirigenten-Persönlichkeiten der Niederlande ist.
Eher wieder als abträglich kann die kompositorische Qualität eines Programm eingestuft werden, bei dem die dramaturgischen und inhaltlichen Wünsche der Innsbrucker Promenadenkonzerte (wieder einmal) ignoriert wurden und dem Publikum etwa der Paradeepigone Alfred Reed zugemutet wird bzw. nach einem bedeutenden Werk von Leonard Bernstein das Programm in triviale Unterhaltungsmusik ausfließt.
Diese skeptische Einschätzung wird übrigens ergänzt durch Berichte niederländischer Freunde, dass das Blasmusikwesen sich in den Niederlanden in einer rasanten Abwärtsbewegung befindet, weil sich immer weniger Musikerinnen und Musiker fix an einen Verein binden wollen.
Provokante Frage: Resultiert diese Bindungsunlust eventuell daraus, dass nur eine spirituell wirkmächtige, also große Musik Menschen zu einem nachhaltigen Engagement bewegt und flache Werke langfristig die Motivation versiegen lassen? Ich wünsche dem Niederländischen Zollorchester ein großes Publikum, das mit gebotener Klarheit alle hier vorgetragenen kritischen Anmerkungen zurückweist.
Montag 14. Juli 2025, 19:30 Uhr
Philharmonic Generations Vienna
unter der Leitung von Friedrich Pfeiffer
Renommierte Musiker aus großen Orchestern Wiens und ihre Schüler, die in diese Orchester hineinwachsen sollen, haben sich zusammengeschlossen, um neben dem wichtigsten ausschließlich für Bläser geschriebenen Werk von Ludwig van Beethoven, dem Oktett in Es-Dur, das zentrale Bläserwerk der Wiener Klassik aufzuführen, die insgesamt 45 Minuten dauernde Gran Partita von Wolfgang Amadeus Mozart.
Dieses herausragende Werk, das triumphal am Beginn der altösterreichischen Blas- und Bläsermusik steht und nicht mehr nur Auszüge aus bekannten Opern und Orchesterwerken wiedergibt, sondern mit 13 Instrumentalisten zum ersten Mal den großen Bogen symphonischer Bläsermusik aufspannt, ist auch das klassische Vorbild für die Innsbrucker Promenadenkonzerte, die es sich zum Ziel gesetzt haben, Kunst und Unterhaltung bei niederschwelligem Zugang zu verbinden.
Prüfstein eines jeden Bläserensembles, ob es nun aus nur 3 Musikern besteht oder aus 13, ist die Frage, ob es sich intern auf einen künstlerischen Leiter geeinigt oder einen eigenen Dirigenten engagiert hat, der oder die den Werken eine interpretatorische Gestalt verleiht. Ohne eine solche Leistung kann es nämlich leicht geschehen, und viele CD-Einspielungen beweisen es, dass allzu oft hochvirtuose Musikerinnen und Musiker aneinander vorbei musizieren und gerade bei einem Werk wie der Gran Partita, die auch als große Symphonie gelesen werden kann, die architektonische Struktur und die übergreifende Dramaturgie außer Acht lassen.
Dem Ensemble, das aus der Hauptstadt der klassischen Musik kommt und daher weiß, wie man solche Werke spielt, sind für diese fein gesponnene Kammermusik beste Wetterbedingungen zu wünschen. Dann steht der Überbringung reichlicher Seelennahrung nichts im Wege.
Dienstag 15. Juli 2025, 19:30 Uhr
Musikverein Nidarholm, Norwegen
unter der Leitung von Björn Sagstad
Im Gegensatz zu niederländischen Blasorchestern, deren beliebteste Komponisten hierzulande sehr oft, man könnte auch sagen – zu oft gespielt werden, ist Norwegen für das mitteleuropäische Publikum in gleicher Weise ein fremder Kontinent wie es im letzten Jahr bereits ein Orchester aus Barcelona war, das in hervorragender Qualität katalanische Kompositionen zu Gehör brachte und das Publikum in seine spezifische nationale Musikwelt mitnahm.
So ähnlich wird es auch bei den Blasorchestereuropameistern aus Norwegen sein, dem Musikverein Nidarholm, der zwar mit Werken von Mozart , Bruckner und Edward Grieg die Zugangspforten für die einheimischen Freunde der klassischen Musik öffnet, zugleich jedoch einige nationale und hierzulande unbekannte Werke aus Skandinavien mitbringt. Eine spannende Reise in Länder also, die sonst gerade für Österreich in vielen Bereichen immer wieder als Vorbild dienen.
Intendant Bernhard Schlögl lernte den Musikverein Nidarholm bei einem Wettbewerb in Oslo kennen und war von seiner Qualität so hingerissen, dass er ihn umgehend nach Innsbruck einlud. Wenn sich, wie bereits erwähnt, die Qualität eines Konzertes aus drei Momenten ergibt, der Qualität des Orchesters, der Qualität des Dirigenten und der Qualität des Programms, so ist letzteres für die Besucher der Innsbrucker Promenadenkonzerte die große Unbekannte, von der jedoch angenommen werden kann, dass sie in Anbetracht der beiden anderen Qualitäten zu einem überzeugenden Konzertabend beiträgt.
Mittwoch 16. Juli 20 Jahr 25 Uhr, 19:30 Uhr
Thomas Gansch und Blasmusik Supergroup
Die überaus erfolgreiche blasmusikalische Großveranstaltung aus Oberösterreich unter dem unsäglichen Titel Woodstock der Blasmusik (so etwas kann wirklich nur einem Marketingmenschen einfallen, dessen musikgeschichtliche Bildung mit Limes gegen Null geht), kann dennoch auf ein großes Verdienst verweisen: Sie hat mit ihrem Polka-Zauber, ihrer Biermusik und ihrem Gemeinschaftsgefühl unter Abertausenden die Blasmusik in die Popmusik hereingeholt und somit vor dem unter der gestrengen Aufsicht von Lehrern vorangetriebenen endgültigen Verschwinden aus der relevanten Musikszene bewahrt.
Eine dieser Parade-Bands, deren Musiker zum Teil Positionen in renommierten Orchestern besetzen, ist die Blasmusik Supergroup unter dem Trompeter Thomas Gansch, ein Ensemble, das es sich zum Ziel gesetzt hat, die Blasmusik von ihrem verstaubten militaristischen Erbe zu befreien und als integrative, gesellschaftlich relevante Kunstform unter dem Motto Zwischen Egerland und Hollywood neu aufleben zu lassen.
Dies geschieht durch Programme, die von reiner Partymusik bis hin zu virtuoser Kunstmusik reichen. Dass dieses Konzept aufgeht, beweist die Tatsache, dass das Konzert von Thomas Gansch und seiner Blasmusik Supergroup im Sitzplatzbereich rasch ausverkauft war.
Ob die Musik, die dabei präsentiert wird, tatsächlich etwas taugt: diese Beurteilung ist spannend und kann getrost dem in Innsbruck sehr wissenden und erfahrenen Publikum überlassen bleiben. Berichte darüber sind erbeten!
Fotorechte: Amir Kaufmann
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