Alois Schöpf
Von den Amerikanern lernen.
Die "U.S. Army Europe and Africa Concert Band"
bei den Innsbrucker Promenadenkonzerten
Notizen.
Offenbar litten ziemlich viele Kollegen und Kolleginnen aus der Blasmusik-Szene noch unter den Nachwirkungen ihrer eigenen musikalischen Einsätze bei etwaigen Feuerwehr-, Blasmusik- und Schützenfesten, sodass ihre Kräfte nicht ausreichten, am vergangenen Sonntagabend bei den Innsbrucker Promenadenkonzerten auch noch das Konzert U.S. Army Europe and Africa Concert Band anzuhören.
Macht nix, der Innenhof der kaiserlichen Hofburg war trotzdem voll. Lernen hätte man von den Gästen aus Übersee dennoch viel können. Was hier schriftlich nachgeholt wird, kann das Live-Erlebnis allerdings nicht ersetzen.
1.
Was man derzeit von den USA hört, ist unerfreulich bis irritierend. Drei Begriffe reichen vollkommen aus: Iran, Trump und die Einwanderungsbehörde ICE. Umso interessanter ist die Frage, wie eigentlich ein Konzert beschaffen sein muss, nach dessen Ende man ernsthaft die Sehnsucht verspürt, dieses Amerika, das sich als ein Land sympathischer Lockerheit und authentischen Freiheitsstrebens präsentiert, endlich selbst zu bereisen.
Hollywood beweist zudem seit Jahrzehnten, wie man es anstellt, erfolgreich ein Publikum zu unterhalten und am Schluss bestens gelaunt wieder zu entlassen. Die Musikerinnen und Musiker der U.S. Army Europe and Africa Concert Band gestalteten ihr Konzert ganz in diesem Sinne: niemals belehrend , nie kulturell hochnäsig, sondern humorvoll und voll Wertschätzung: folgerichtig begannen die Darbietungen daher mit der Österreichischen und Amerikanischen Bundeshymne und gegen Schluss erklangen als Referenz dem Gastland gegenüber die Märsche Unter dem Doppeladler und der Radetzky Marsch.

Der Innenhof der kaiserlichen Hofburg ist wieder voll besetzt.
2.
In der stets kurzen, doppelsprachigen, prägnanten mit angenehmer Stimme vorgetragenen Moderation war denn auch nie die Rede von einem Konzert, sondern immer nur von einer Show. Das Programm wurde zügig durchgezogen, null Leerlauf, null Sich-sonnen im Applaus, abwechselnd das Orchester allein, dann mit Sologesang, mit Chorus, mit Tanz, mit einem Ausschnitt aus einem Konzert für Bassposaune, zwei Dirigenten, beide vollkommen uneitel, aber energisch.
Schon allein durch diese straffe Dramaturgie hatte das Publikum keine Chance, jemals Langeweile aufkommen zu lassen. Und dabei ist noch nicht einmal die Rede von den konkreten Stücken und der Qualität ihrer Aufführung.
3.
Hierzulande sind die Konzertprogramme sehr oft Ausdruck dirigentischer Eitelkeit. Seht her, was wir alles können! Das Konzert der U.S. Army Concert Band wollte das Publikum schlicht und einfach nur unterhalten: ihm nichts auf die Ohren drücken, sondern ihm dienen. Dies bedeutete: kein Stück war länger als zehn Minuten und – ein gelernter Wiener würde sagen – durchwegs alte Hadern. Unvergessliche Hits also aus dem Land, aus dem Musiker und Musikerinnen kommen, amerikanische Unterhaltungsmusik bis hin zur Kunstmusik eines Aaron Copland oder George Gershwin. Filmmusik des Weltstars John Williams und hinreißende Songs wie What a Wonderful World von Louis Armstrong. Und natürlich John Phillips Sousas Stars and Stripes Forever.
Wie gestalten eigentlich unsere heimischen Trachtenkapellen ihre Platzkonzerte, auf dass unsere Gäste, sofern sie überhaupt etwas von dem Konzert erfahren, zuletzt begeistert sind vom Charme und der Eigenart der Einwohner jenes Landes, das sie sich als Urlaubsdestination ausgesucht haben?
Sind die Platzkonzerte unserer heimischen Musikkapellen eine dramaturgisch straff durchkomponierte Show oder nicht vielmehr eine nach dem Zufallsprinzip zusammengestellte Abfolge von Stücken ohne dramaturgischen Zusammenhang, mit ewig langen Pausen dazwischen und zuletzt: Wie kommt es, dass die Amerikaner das Beste aus ihrer eigenen Literatur und Musiktradition spielen, wir Tiroler und Österreicher hingegen um diese Werke einen weiten Bogen schlagen, als wären sie Gift?
Wo in Tirol bzw. in Österreich werden Konzerte angeboten, welche die kulturelle und musikalische Eigenart unserer von sämtlichen Politikern hochgepriesenen sogenannten unverwechselbaren Heimat sympathisch und niveauvoll wiedergeben? Wo wird Musik gemacht, die zu unserer wunderschönen Landschaft und zu unserem großartigen kulturellen Erbe passt?

Das Konzert der „U.S. Army Europe and Africa Concert Band“
4.
Auch besetzungstechnisch konnten die Amerikaner durchaus Anregungen bieten. So verfügt die U.S. Army Concert Band über sämtliche Instrumente und Stimmen, über die ein modernes Blasorchester verfügen sollte, allerdings nie chorisch, sondern immer solistisch und gleichsam als Ensemble besetzt.
Um die dadurch auftretenden klanglichen Kräfteverhältnisse zwischen den eher leisen Holzregistern und den lauten Blechregistern auszugleichen, wurde das Konzert durchwegs über Mikrofone aufgenommen und ausgesteuert, sodass die drei Klarinetten oder die Oboe gut hörbar blieben und somit insgesamt über das Mischpult ein opulenter Orchesterklang entstand.
Für viele heimischen Musikkapellen, die sich oft durch den Mangel von Instrumenten auf der einen Seite (z.B. Klarinetten) und den Überhang von Instrumenten auf der anderen Seite (z.B. Flügelhörner und Trompeten) auszeichnen und dadurch schwer einen befriedigenden Orchesterklang zustande bringen, wäre ein solcher Einsatz von Technik in Zukunft durchaus eine überlegenswerte Variante.

Der künstlerische Leiter Bernhard Schlögl ist zufrieden mit dem Publikumszuspruch.
5.
Nicht vergessen werden sollte zuletzt das kundige Innsbrucker Publikum im Innenhof der kaiserlichen Hofburg, das die Darbietungen des Orchesters konzentriert mitverfolgte und mit Begeisterung aufnahm. Nicht nur die außerordentliche Akustik des Innenhofs, die wunderbare und elegante Architektur der barocken Residenz, eine Tatsache, auf die schon Christian Thielemann bei seinem Konzert mit Genugtuung hingewiesen hat, begeisterten zuletzt auch die Dirigenten, Sänger und das Orchester der U.S. Army Concert Band. Auch die mehrfach von ihren Sitzen aufspringende Zuhörerschaft veranlasste die beiden Dirigenten zur Feststellung gegenüber dem künstlerischen Leiter Bernhard Schlögl, dass der Abend für sie unvergesslich ausgefallen sei und sie die Innsbrucker Promenadenkonzerte unter ihren Kollegen gern weiterempfehlen werden. Wir können uns also heute schon auf den nächsten Auftritt eines renommierten amerikanischen Militärorchesters freuen.
Trotz solch positiver Gefühle sollte nicht unerwähnt bleiben, dass der Auftritt eines Orchesters aus jenem Land, das uns unter großen Opfern von der schrecklichen Nazi-Diktatur befreit hat, weder von den offiziellen Vertretern der Blasmusik, noch von den Vertretern des heimischen Militärs, noch von jenen des Landes Tirol wahrgenommen wurde, eine Schande mangelnder Sensibilität und Dankbarkeit, die sich nach dem Konzert des Orchesters des Amerikanischen Präsidenten The President’s Own. United States Marine Band bei den Innsbrucker Promenadenkonzerten nun neuerlich wiederholt hat.
Fotorechte: privat
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Sehr geehrter Herr Schöpf,
Einige persönliche Bemerkungen meinerseits zu Ihrem Artikel bzw. dem Konzert der U.S. Army Europe and Africa Concert Band:
Trotz meiner Einsätze mit unserer Blaskapelle bei diversen Platzkonzerten fand ich wie viele KollegInnen auch den Weg zum Konzert der U.S. Army Europe and Africa Concert Band.
Ich finde es im Hinblick auf die gegenwärtige amerikanische Politik zumindest befremdlich, dass in den Ansagen immer wieder von Offenheit, Freiheit und dergleichen die Rede war, obwohl derzeit in den USA mit Donald Trump genau das Gegenteil regiert. Das klingt für mich eher nach Hohn gegenüber allen, die unter der aktuellen Politik leiden.
Musikalisch hätte ich mir von diesem Berufsorchester ehrlich gesagt mehr erwartet.
Von einem Konzert im Rahmen der Promenadenkonzerte erwarte ich mir persönlich auch mehr Konzert als Show. Natürlich kann (und soll) man beides verbinden, aber in diesem Fall kam mir das „Konzert“ einfach zu kurz.
Ein Konzertprogramm sollte meines Erachtens mehrere Facetten eines Blasorchesters zeigen (wobei die Show natürlich nicht fehlen darf!). Herzuzeigen, was man als Kapelle „draufhat“, hat für mich nicht unbedingt etwas mit „dirigentischer Eitelkeit“ zu tun. Es darf natürlich nicht zum Selbstzweck mutieren!
Wenn ein Berufsorchester mit einer Besetzung auftritt, die nur mit Verstärkung einen ausgewogenen Klang zulässt, finde ich das ebenfalls schade. Ich erwarte mir bei einem Konzert echten Klang von der Bühne und nicht einen CD-Klang aus den Boxen in einer Lautstärke, die so manchen Zuhörer nach der Pause veranlasste, statt seinem Sitzplatz in vorderer Reihe einen Stehplatz hinten zu bevorzugen. Aber die Technik ist natürlich billiger als 20 MusikerInnen, die für einen ausgeglichenen Klang erforderlich wären. Den echten Klang kann die Technik aber nicht ersetzen.
Wenn ich als Dorfkapelle keine ausgewogene Besetzung habe, kann natürlich auf technische Mittel zurückgegriffen werden.
Als positives Beispiel möchte ich das heutige Konzert der Royal Band of the Belgian Airforce anführen.
– Musikalisch meiner Ansicht nach um Welten besser, was sich sowohl in der Zuschauerzahl als auch am Applaus mit mehrfachen Standing Ovations widerspiegelte,
– ein anspruchsvolles Programm, das viele Facetten eines Blasorchesters zeigte, und trotzdem sehr unterhaltsam war,
– kurze, in sehr gutem Deutsch gehaltene Ansagen zu den Werken und dem Orchester bzw. Dirigenten.