Alois Schöpf
Vom Umgang mit Kritik
Die Reaktionen auf Albert Schwarzmanns Konzertbesprechung
sind unverständlich und unfair!
Notizen

Albert Schwarzmanns Kritik:
https://schoepfblog.at/albert-schwarzmann-konzert-der-burgerkapelle-gries/

Über eine gute Kritik freut man sich, über eine schlechte Kritik ärgert man sich. Als Autor von 26 Büchern und 6 Theater- bzw. Musiktheaterwerken weiß ich, wovon ich spreche.

In einer Musikszene allerdings, in der Konzerte, bei denen Landeshauptmänner, Bürgermeister, Bischöfe und Polizeipräsidenten aus allfälligen Adabei-Seiten lachen, grundsätzlich als großartig eingestuft werden und deren Dirigenten auf der Vereinshomepage behaupten, dass ihr Orchester zur Weltspitze gehört (alles persönlich erlebt), schlägt natürlich eine sachliche und genau diagnostizierende Kritik wie jene von Albert Schwarzmann, der ein Konzert der Bürgerkapelle Gries bei Bozen im Rahmen der Innsbrucker Promenadenkonzerte besuchte, ein wie eine Bombe.

Dabei möchte ich nicht verhehlen, um zumindest einen Teil der Schimpfkanonaden, die auf Schwarzmann niedergingen, auf mich umzuleiten, dass ich seine Kritik nicht nur sehr höflich, sehr wertschätzend, sehr diplomatisch formuliert, sondern in allen Punkten sachlich richtig finde.

Ich empfand den Abend ebenfalls als langweilig, die Originalwerke als epigonal und den Klassiker Leichte Kavallerie als unwissend und leidenschaftslos heruntergespielt. Der zweite Teil des Konzerts, bei dem, wieder einmal typisch für Amateure, der Applaus des Publikums mit einer nicht enden wollenden Serie von Zugaben bestraft wurde, erwies sich, zumindest für mich, als künstlerisch so inakzeptabel, dass ich mir zwischenzeitlich im Stiftskeller nebenan eine Stärkung gönnte.

Ist ein fließender Übergang von Profis zu Amateuren noch möglich? Die „Royal Band of the Belgian Airforce“

Dafür, dass Schwarzmann das Konzert der Grieser doch eher mit Samthandschuhen anrührte, unter anderem zum Beispiel den Solo-Posaunisten ausdrücklich lobte und aufzuzeigen versuchte, warum aufgrund der unausgewogenen Besetzung, des unbefriedigenden Orchesterklangs und eines zwar bestens benoteten, jedoch zu braven Dirigenten ein Konzert geboten wurde, das bei noch so guten Musikerinnen und Musikern und noch so großem Idealismus nicht überzeugen konnte, wird seine Analyse nun als übergriffig inkompetent und gehässig zurückgewiesen. Von einer gewissen Bereitschaft zur Selbstkritik ist lediglich im Leserbrief von Martin Viehweider die Rede.

Dabei wäre es gerade für die von der Politik ununterbrochen für blödsinnige Empfänge und Aufmärsche missbrauchten und dafür als Gegenleistung in den Himmel gelobten Blasmusikszene höchste Zeit, dem Größenwahn abzuschwören, mehr als, auch im höchsten Segment, nur Amateurmusik, nur Breitenkultur, nur Volksmusik zu sein oder gar die zeitgenössische Musik repräsentieren zu wollen.

Ist ein fließender Übergang von Profis zu Amateuren noch möglich? Musikerinnen der Bürgerkapelle Gries bei Bozen

Nur aus dieser Verweigerung künstlerischer Bescheidenheit und Nüchternheit heraus ist es zu erklären, dass gerade bei Musikkapellen, die stolz auf bestens benotete Pflichtstücke bei Wertungsspielen und bei Prüfungen bestens benotete Dirigenten verweisen, die Fähigkeit abhandengekommen ist, das vom Publikum gewünschte und bewusst für Amateure arrangierte, oft aber auch original komponierte Kernrepertoire des 19. Jahrhunderts zu spielen. Auf Polka, Walzer, Marsch, Ouvertüre und Potpourri wird, obgleich österreichisches Weltkulturerbe, wie auf alten Plunder herab geschaut oder es wird, um endgültig von klassischer Bildung und hochkulturellen Ansprüchen nicht mehr belästigt zu werden, voll Selbstbewusstsein gleich in die popkulturelle Ausformung oftmals sogar virtuoser musikalischer Flachgebiete wie Woodstock der Blasmusik ausgewichen.

Beides schließt es aus, auf Schwarzmanns Argumente einzugehen. Beides lässt nur noch die Möglichkeit offen, den Kritiker als Persönlichkeit abzuqualifizieren und seine Kompetenz infrage zu stellen. So wird ihm, der einer der weltweit angesehensten Arrangeure für Blasmusikwerke ist, der an der Universität Mozarteum unterrichtet und seit Jahrzehnten mit einem der führenden professionellen Blasorchester zusammenarbeitet, unterstellt, selbst nichts komponiert und lediglich Geigenstimmen zu Klarinettenstimmen umgeschrieben zu haben.

Dabei wird übersehen: dass, auch wenn dies alles stimmen würde, was es nicht tut, davon die Kompetenz des Musikkritikers unberührt bleibt. Der muss nämlich nur und ausschließlich eines können: Musikkritiken schreiben. Wenn er darüber hinaus noch anderes kann, wie es bei Albert Schwarzmann der Fall ist, so ist das erfreulich, aber nie notwendige Voraussetzung.

Aus journalistischer Sicht jedenfalls beweist die heftige und zahlenmäßig starke Reaktion auf Schwarzmanns Kritik die Notwendigkeit, durch ehrliche Analyse ein geschütztes Feld militanter Eitelkeit aufzubrechen, um der Freude an der Kunst und der Blasmusik wieder jenen Ort zuzuweisen, wo sie, bevor sie dem Wahn verfiel, es mit den Profis aufnehmen zu können, Großes und für das Publikum Herzbewegendes geleistet hat.

In diesem Zusammenhang bleibt nur noch festzuhalten: Sowohl die Festivalleitung der Innsbrucker Promenadenkonzerte als auch die Bürgerkapelle Gries wussten genau, in welchem künstlerischen Umfeld das Konzert stattfinden würde. Die Entscheidung, das Orchester einzuladen, war dabei beiderseits von der Überzeugung getragen, dass, wie in den letzten Jahren, weiterhin ein fließender, also fast unmerklicher Übergang zwischen professionellen Musikern und besten Amateuren, wie es etwa im Brassband- oder Bigband-Bereich bewährte Praxis ist, weiterhin auch im Blasorchesterbereich möglich sei.

Als die heimischen Amateurkapellen noch wussten, was sie zu spielen haben.

Aufgrund der immer herausragenderen Leistungen der professionellen Blasorchester jedoch, z.B. eben auch im Rahmen des von Albert Schwarzmann angesprochenen Konzerts der Royal Band of the Belgian Airforce, ist dieser Tatbestand, zumindest bezogen auf Österreich und Südtirol, nunmehr zu hinterfragen. Dies legt im Übrigen auch der im Verhältnis zu den anderen Angeboten der Innsbrucker Promenadenkonzerte schlechte Kartenverkauf nahe. Das Publikum interessiert sich offenbar zunehmend weniger für die derzeitige verquere und falsche Selbstdefinition unserer führenden heimischen Blasorchester. 

Auch aus dieser Sicht ist eine Kritik, die durch ihre Analyse eine klare Perspektive für die Zukunft aufzeigt, dringend notwendig.

Fotorechte: Amir Kaufman

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Thomas Asanger

    Herr Schöpf,
    erstens zum Thema „einer der weltweit angesehensten Arrangeure“: Er wird insbesondere von einem Dirigenten und dessen professionellem Orchester protegiert. In der breiten Blasorchester-Szene haben die Arrangements von Albert Schwarzmann keineswegs die Bedeutung, die Sie ihm zuschreiben. Welche (semi-)professionellen Blasorchester, außer die mit einer Verbindung zum Mozarteum, haben die Arrangements von Herrn Schwarzmann noch im Programm?
    Zweitens zum Thema „eines der führenden professionellen Blasorchester“: Gemeint ist offenbar eine zusammengekaufte Formation, die bei einem Konzert unter der angeblich „mustergültigen Leitung“ ihres „Chefdirigenten“ derart „überzeugend“ agiert, dass sie mitten in einem Stück zum Stillstand kommt und erst irgendwo in der allgemeinen Hysterie wieder einsetzt.
    Wenn ich all diese Zeilen über die von Ihnen in Ihren Beiträgen zitierten Akteure lese, muss ich mich ehrlich gesagt fragen, weshalb ich Ihnen überhaupt antworte. Bitte gehen Sie mit den Musikkapellen nicht so hart ins Gericht: Auch die von Ihnen gerne ins Treffen geführten „professionellen“ Orchester und ihre „professionellen“ Dirigenten machen Fehler.
    Beste Grüße
    Thomas Asanger

    1. Thomas Asanger

      Noch ein Nachsatz: Ich hätte einen konkreten Vorschlag!
      Ich würde Ihnen empfehlen, mit dem Intendanten der Innsbrucker Promenadenkonzerte folgende Vereinbarung zu treffen: Er engagiert die Bürgerkapelle Gries bei Bozen für das kommende Jahr erneut – allerdings mit der Ergänzung, für den zweiten Teil dieses Konzerts den Chefdirigenten jenes von Ihnen mehrfach als „professionell“ hervorgehobenen Blasorchesters zu verpflichten. Dies betrifft natürlich auch die Probenphase davor.
      Wenn Sie den jungen Dirigenten der Bürgerkapelle Gries derart deutlich kritisieren, wäre das doch die ideale Gelegenheit, den praktischen Beweis anzutreten, dass ein professioneller Dirigent aus dieser Musikkapelle tatsächlich wesentlich mehr herausholen kann. Ich bin sicher, der junge Kapellmeister selbst wäre auf das Ergebnis gespannt.
      Ich würde außerdem vorschlagen, dass das Programm ausschließlich aus Kompositionen und Arrangements von Kollege Schwarzmann besteht. Und wenn Sie einverstanden sind, veröffentlichen wir anschließend den vollständigen Mitschnitt des Konzerts auf Ihrer Plattform. Dann können wir auf der Grundlage dessen, was tatsächlich zu hören ist, offen, konkret und fachlich darüber diskutieren. Wenn sich die Bürgerkapelle Gries für dieses Experiment nicht zur Verfügung stellt, komme ich gerne mit meiner Stadtkapelle Perg nach Innsbruck.
      Als Musikkritiker besteht Ihre Aufgabe ausschließlich darin, Aufführungen zu beurteilen. Ein Dirigent muss hingegen den musikalischen Beweis auf dem Podium erbringen. Geben wir dem von Ihnen so oft ins Treffen geführten Dirigenten doch die Gelegenheit, den Beweis anzutreten. Dann werden wir erstens eindrucksvoll erleben, was ein wirklich guter Dirigent zu bewirken vermag, und zweitens jene bislang offenbar unentdeckten Qualitäten der Bürgerkapelle Gries zu hören bekommen
      Ich freue mich auf das Ergebnis im Sinne der Weiterentwicklung der Blasmusikszene. Und selbstverständlich komme ich jedenfalls gerne nach Innsbruck!
      Erwartungsvolle Grüße
      Thomas Asanger

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