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Alois Schöpf
Viele Politiker sind für ihren Job zu alt.
Apropos

Der Philosoph Immanuel Kant, dessen 300. Geburtstag wir heuer feiern und der selbst steinalt geworden ist, schrieb nicht nur schwierige Bücher über die Erkenntnistheorie, sondern auch verständliche Aufsätze über praktische Lebensprobleme, z.B. über das Alter. Dabei kommt er zu einer Zeit, als die Menschen im Schnitt 35 bis 40 Jahre alt wurden, zum Schluss, dass man alte Menschen nicht bewundern soll, weil sie klüger und weiser sind als junge, sondern weil sie es und wie sie es geschafft haben, überhaupt so alt zu werden.

Wenn diese Überlegung Kants zutrifft, dann folgt daraus, dass derzeit zu viele Länder von Leuten regiert werden, die sich ohne besondere Berechtigung für klug, weise und unersetzlich halten, nur weil sie es geschafft haben, alt zu werden, und die daher nicht einsehen, dass sie aufgrund der Verantwortung, die sie tragen, und aufgrund der physischen, psychischen und geistigen Herausforderungen für ihren Job zu alt sind.

Jüngstes und geradezu dramatisches Beispiel ist Joe Biden, der, wenn er die Wahl gewinnen würde, am Ende seiner Amtszeit 86 Jahre alt wäre, wohingegen Donald Trump es nur auf 82 Jahre brächte. 

In beiden Fällen ein Mittelding zwischen Witz und Skandal, wenn man bedenkt, dass es einer der beiden Greise dann in der Hand hat, die Welt in die Luft zu sprengen. Ganz abgesehen von ihrem Weltbild, das sie sich im Wesentlichen vor 60 Jahren gebildet haben.

Letzteres betrifft natürlich auch Herren wie den Iraner Al Chamenei, 85, der als oberster religiöser Führer eine junge Bevölkerung knebelt. Es betrifft aber auch den zum Glück viel harmloseren katholischen Papst, 87, dessen Moralvorstellungen aus der Zeit gefallen sind.

Gegen ihn sind der Russe Putin und der Chinese XI, beide 71, und der soeben frisch gewählte Inder Modi, 73, geradezu Jünglinge. Wahrscheinlich sind aber auch sie für ihren Job zu alt.

Erschienen in der Tiroler Tageszeitung am 06.07.2024

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor und Journalist, lebt bei Innsbruck. Alois Schöpf schreibt seit 37 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 28 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Zahlreiche Veröffentlichungen, bei Limbus: Vom Sinn des Mittelmaßes (2006), Heimatzauber (2007), Die Sennenpuppe (2008), Platzkonzert (2009), Die Hochzeit (2010), Glücklich durch Gehen (2012), Wenn Dichter nehmen (2014), Kultiviert sterben (2015) und Tirol für Fortgeschrittene (2017). Zuletzt erschien in der Edition Raetia Bozen gemeinsam mit dem Fotografen und Regisseur Erich Hörtnagl "Sehnsucht Meer, Vom Glück in Jesolo", die italienische Übersetzung wurde zeitgleich präsentiert. Und es erschien, wieder bei Limbus, "Der Traum vom Glück, Ausgewählte Alpensagen". Schöpf ist auch Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte und leitete das erfolgreiche Bläserfestival fünfundzwanzig Jahre lang bis 2019.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Für den Job zu alt. Bei Politiker:innen schwer zu sagen, weil sie fast nie für etwas verantwortlich (im Sinn von haftbar zu machen) sind.
    Ein Beispiel aus dem messbaren Bereich, der Film.
    Clint Eastwood war 86, als er den Film ‚Sully‘ drehte. Mit einem Budget von $ 60 Millionen brachte er ein Box Office von $ 240,8 Millionen zustande, Rating bei Rotten Tomatoes von 86%, also auch dahingehend erstklassig.
    Eastwood führte Regie und war (Mit)Produzent. Gedreht wurde übrigens in IMAX, was damals ziemlich neu war.

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