Alois Schöpf
Vereint gegen die Aufklärung
Warum besucht der Erzbischof von Wien
die muslimische Glaubensgemeinschaft
anlässlich ihres Fastenbrechens?
Notizen

Der neue Wiener Erzbischof Josef Grünwidl ist ein ganz ein Netter, der immer in die Kamera lächelt. Und er spielt ziemlich gut Orgel, weshalb es einem Musikfreund wie mir fast unmöglich ist, ihn nicht sympathisch zu finden.

Trotzdem muss er kritisiert werden. Vor lauter Liebe zum interreligiösen Händchenhalten bringt er nämlich einiges durcheinander, wenn er der Tageszeitung  Der Standard gegenüber von sich gibt: Erstens ist es mir als Christ fremd, eine andere Religion zu bekämpfen, und zweitens – mehr als die Islamisierung Europas beunruhigt mich die Entchristlichung Europas. (20.3.2026)

Dass einem Christen qua Christ das Bekämpfen anderer Religionen fremd sein sollte, ist eine geschichtsvergessene Dummheit bzw. Unverfrorenheit, für die der Herr Grünwidl so lange in eine Klosterzelle eingesperrt gehört, bis er die zehnbändige und 6000 Seiten lange Kriminalgeschichte des Christentums von Karlheinz Deschner gelesen und exzerpiert hat.

Sollte er sich dabei nicht fleißig genug anstellen, sollte er zur Strafe auch noch dazu verdonnert werden, Herfried Münklers Standardwerk Der Dreißigjährige Krieg: Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618–1648 durchzuarbeiten. Vielleicht dämmert ihm nach dieser Bildungstortur, dass er mit wenigen Worten einen großen Unsinn von sich gegeben hat.

Letzterer wird nicht dadurch kleiner, dass diejenigen, die Grünwidl bei der Beendigung ihrer Abmagerungskur durch seine Anwesenheit aufwertet, auch nicht von schlechten Eltern sind. So wurde etwa Konstantinopel 1453 von den Osmanen erobert, womit dem christlichen Ostrom der Garaus gemacht wurde und Christen und Juden nunmehr ein Kopfgeld zu bezahlen hatten, wenn sie nicht umgebracht werden wollten, was vor allem letztere in regelmäßigen Abständen doch immer wieder wurden. Diese wankelmütigen Varianten der Behandlung von aus muslimischer Sicht Ungläubigen reichte in Folge bis nach Spanien und konnte in Mittel- und Osteuropa erst durch die erfolglose Belagerung von Wien gestoppt werden.

Dabei eint die verfeindeten Religionen doch eines: die situationselastische Interpretation ihrer sogenannten Heiligen Bücher, aus deren vielen und langweiligen Seiten über Jahrhunderte Unmengen an Blut flossen, um inzwischen zumindest im rechtsstaatlichen Westen einer ökumenischen Wir-lieben-uns- doch- alle -Gefühlsduselei zu weichen, der sich der nette Herr Grünwidl offenbar unter Ausschaltung seiner Denkfähigkeit hingibt.

Dass er im Dienste dieser Gefühlsduselei nicht nur in seiner Rolle als Christ, sondern als oberster Bischof Österreichs die Moslems beim Fastenbrechen besucht, ist ein politischer Fauxpas, der in gleicher Weise, wie er sich über die Geschichte des Christentums hinweg schweigt, nunmehr auch eine Gegenwart ignoriert, die dadurch gekennzeichnet ist, dass es muslimische Länder sind, – ob sunnitisch oder schiitisch, das ist nicht von Belang – die als üble Diktaturen bezogen auf ihre Bevölkerung weltweit in Sachen Hinrichtungen durch Erhängen am Baukran oder händisch ausgeführt durch Köpfen führend sind. Diktaturen, die 30.000 aufmüpfige Bürgerinnen und Bürger ihres Landes abschlachten wie unlängst in Iran, Journalisten im Säurebad auflösen, Blogger zu Tode peitschen, Frauen steinigen und den Westen mit einem Terror überziehen, dessen Abwehr Milliarden kostet. Das ist alles bekannt.

Weniger bekannt und fast ausschließlich der Feigheit der ökumeneverliebten kirchlichen Würdenträger geschuldet ist die Tatsache, dass Christen weltweit derzeit am häufigsten unter Verfolgung leiden, besonders in Somalia, Eritrea und im Jemen, aber auch in Pakistan, in Iran, selbstverständlich in Afghanistan, in Nigeria und Palästina, alles vorwiegend muslimische Länder, was den liebenden Christen Grünwidl nicht daran hindert, sich mit den weichgespülten Vertretern dieser Glaubensrichtung einem vergnüglichen Mahl hinzugeben.

Die wahre Sorge ist für Grünwidl also nicht der vom türkischen Präsidenten offen proklamierte Plan, Europa via Geburtenrate zu islamisieren, sondern die Tatsache, dass die Quote der Christgläubigen Jahr für Jahr sinkt.

Erst angesichts dieses Angstszenarios wird auch klar, wovor sich der Wiener Erzbischof am meisten fürchtet: Nicht vor den Moslems, die glauben zumindest noch an einen Gott, wenn auch an einen etwas anderen. Am gefährlichsten sind für ihn die Nichtgläubigen, die Gottlosen. Um es etwas freundlicher auszudrücken: die Anhänger der Aufklärung, des Wissens statt des Glaubens, die Anhänger der Wissenschaften statt des Abrakadabra, die Anhänger der oft bitteren Wahrheit statt der süßlichen Geborgenheit in einem fiktiven Gott und einem schlecht durchdachten Himmel.

Insofern hatte der Besuch des Erzbischofs sehr wohl einen höheren Sinn: als eine Zusammenkunft nicht der Fasten-, sondern der Denk- und Vernunftbrecher.

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

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