Alois Schöpf
„Unsternstunden“ des Journalismus
Zu den totalitären Fantasien
des “Falter”-Gründers Armin Thurnher
Notizen
Verführt vom Testimonial meines geschätzten Kollegen Helmuth Schönauer, der mit allen Autoren sehr gnädig umgeht, vor allem wenn sie links sind und Sebastian Kurz hassen, fiel mir vor Ostern auf der Suche nach einer interessanten Lektüre das neue Buch Unsternstunden der Menschheit des Gründers der Wiener Programmzeitschrift Falter Armin Thurnher in die Hände.
Dabei hätte ich es vor dem Kauf wissen müssen, lag die Essaysammlung doch in der Innsbrucker Buchhandlung Wiederin mitten unter all den Werken, die den durch den Kapitalismus herbeigeführten apokalyptischen Zustand der Welt beklagen und in ihrer Gesamtheit den Eindruck vermitteln, dass wir, gemeint sind dabei vor allem der Westen und seine alten weißen Männer, die es zu etwas gebracht haben, schon längst aufgrund von Ignoranz den Diagnosen unserer führenden Intellektuellen gegenüber untergegangen sein müssten.
In der Annahme nun, dass der im persönlichen Umgang freundliche, 1949 geborene und somit immerhin 77 Jahre alte Herr Thurnher als Besitzer einer Villa im Waldviertel mit umliegendem Park, wie dies Kollege Schönauer in seiner Buchbesprechung eigens vermerkt, eine gewisse bürgerliche Altersweisheit angesetzt haben könnte, erhoffte ich mir von seinem Buch weniger universitär gegendertes Gesülze als vielmehr eine journalistisch abgeklärte Sicht auf unsere vor allem österreichischen Verhältnisse. Leider erwies sich dies als grobe Fehleinschätzung!
Unsternstunden der Menschheit beginnt mit dem selbstbewussten Bezug des Autors auf Stefan Zweigs Weltbestseller Sternstunden der Menschheit und der Erklärung, weshalb im Folgenden vom Gegenteil die Rede ist. Leider konnte ich die inhaltliche Stringenz dieses Titels nicht weiter überprüfen, da ich bereits bei der dritten Unsternstunde die Lektüre beendete, was Thema der vorliegenden Notizen ist.
Die eigentliche Essaysammlung eröffnet Thurnher im Stile eines versierten Verschwörungstheoretikers mit der raunenden Wiedergabe der unter Kapitalismuskritikern besonders beliebten Mär, wonach sich im Jahre 1947 der Wirtschaftswissenschaftler Friedrich August Hajek und der Philosoph Karl Popper mit anderen dubiosen Gestalten in einem Schweizerischen Nobelhotel oberhalb des Genfer Sees getroffen haben sollen, um den Neoliberalismus aus der Taufe zu heben und damit alles Böse, das in einem vom Staat gebändigten Kapitalismus noch immer steckt, von solchen Begrenzungen befreit auf die Welt loszulassen.
Eigentlich hätte ich, wenn ich nicht gehofft hätte, für meine 27,80 Euro doch etwas mehr als Bullshit gekauft zu haben, bereits an dieser Stelle die Lektüre beenden können: Denn einen Karl Popper, der das „Falsifikationsprinzip“ beschrieben und in seinen Büchern als erklärter Feind allen totalitären Denkens die geistigen Grundlagen unserer pluralistischen Gesellschaften gelegt hat, und einen Friedrich August Hayek, der immerhin den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt und in mehreren stilistisch brillanten Büchern gegen die Verarmung der Innovationskraft von Gesellschaften aufgrund von Kollektivierungstendenzen des Staates anschrieb – diese beiden Geistesgrößen also mit jesuitischer Finesse absichtlich mit all jenen der sittlichen Verworfenheit huldigenden Lohnschreibern in Verbindung zu bringen, die wie Ayn Rand oder Murray N. Rothbard der Gier – made in USA, aber auch gelehrt an vielen heimischen Universitäten – die Absolution erteilen, lässt vermuten, dass Thurnher nie ein Buch von Hayek oder Popper gelesen hat, was allerdings auszuschließen ist.
Vielmehr ist der Schluss zwingend, dass der Autor aufgrund seiner bis ins hohe Alter von jeglicher Lebenserfahrung abgeschirmten marxistischen Ideologie die von ihm als weltanschauliche Übeltäter denunzierten Autoren nicht verstanden hat bzw. niemals verstehen wollte. Dass dem so sein muss, erschließt sich dabei auch aus jenem Satz, aufgrund dessen ich die Lektüre endgültig abbrach, weil ich nicht gewillt bin, meine kurz bemessene Lebenszeit an jemanden zu verschwenden, der allen Ernstes auf Seite 48 von sich gibt:
Am Anfang jedes großen Vermögens steht ein Verbrechen oder ein toter Punkt.
Weiß der Teufel, was Herr Thurnher unter einem toten Punkt versteht. Lassen wir daher den Begriff beiseite und nehmen wir an, dass damit irgendwie auf eine düstere Vergangenheit angespielt werden soll, um den eventuell einklagbaren sehr konkreten Begriff Verbrechen abzumildern und sich die Möglichkeit offen zu halten, bei rechtlichen Schwierigkeiten ins Beliebige auszuweichen, ohne zugleich die Beschuldigung, dass ein kriminelles Delikt begangen wurde, widerrufen zu müssen: ein übrigens im Journalismus beliebter und billiger Trick zum Zwecke folgenloser Denunziation.
Bleiben wir also beim Verbrechen und fragen wir den hochmögenden Autor und Journalisten, der sicherlich viel auf Recherche hält und in Seminaren die Heiligmäßigkeit von Check und Double-Check predigt: Worin, Herr Thurnher, besteht
1. das anfängliche Verbrechen eines Bill Gates, ohne dessen Programme und Computer heute kein Journalist arbeiten könnte und ohne den es auch diesen der freien Debatte gewidmeten Blog nicht gäbe?
2. Wo ist das anfängliche Verbrechen eines Herrn Bezos, von dessen Paketdienst garantiert auch Sie in Ihrer abgelegenen Villa im Waldviertel profitieren?
3. Wo ist das anfängliche Verbrechen des zweifelsfrei verhaltensauffälligen Elon Musk, in dessen Tesla sicherlich einige Ihrer Wiener Freunde herumkutschieren?
Warum aber in die Ferne schweifen?
4. Wo ist das anfängliche Verbrechen eines Herrn Mateschitz, den sogar renommierte österreichische Sozialdemokraten verteidigen, weil er seinen Firmensitz nicht ins Ausland verlagert und an den Staat Österreich bis zu 4 Milliarden Euro an Steuern gezahlt hat und einen defizitären privaten Fernsehsender betreibt, der die Ödnis des staatlichen ORF zumindest ein wenig aufhellt?
5. Wo ist das anfängliche Verbrechen eines Hans Peter Haselsteiner, der den Tirolern ein spektakuläres Opernhaus in die Wiese gesetzt hat und in Form der Tiroler Festspiele Erl ein hochkarätiges Musikprogramm finanziert, ganz abgesehen davon, dass er mit seinen Firmen 78.000 Personen beschäftigt, von denen ein erheblicher Anteil in Österreich lebt?
6. Wo ist das anfängliche Verbrechen eines Herrn Stronach, der von Kanada in seine alte Heimat Österreich zurückgekehrt ist und mit Magna ca. 13.000 Arbeitsplätze geschaffen bzw. erhalten hat.
7. Wo sind die anfänglichen Verbrechen der Familie Swarovski, die sich, von Böhmen kommend, in Wattens angesiedelt hat, weil hier durch ein eigenes Wasserkraftwerk billiger Strom produziert werden konnte, wobei die wichtigste Persönlichkeit des Unternehmens Daniel Swarovski für seine Arbeiter eigene Siedlungen erbauen ließ?
8. Wo ist zuletzt das anfängliche Verbrechen eines Paul Schwarzkopf, der die Plansee Group gründete, die inzwischen 11.000 Personen beschäftigt, aufgrund seiner jüdischen Herkunft emigrieren musste und erst nach dem Zweiten Weltkrieg wieder nach Tirol zurückkehrte, um den Betrieb fortzuführen.
Gerade durch das Schicksal des Letztgenannten erfährt die Entgleisung Thurnhers eine besonders groteske Wendung, wenn man bedenkt, dass viele der reichsten Leute um 1900 Juden waren, die Hitler zu seinen Feinden erklärte und wie Thurnher als Verbrecher bezeichnete, die es, wie es bei Verbrechern durchaus sinnvoll ist, dingfest zu machen galt. Aber auch Hitlers Bruder im Geiste, Stalin, ärgerte sich über die reichen ukrainischen Bauern, die getreu nach Thurnher bzw. Marx durch ein anfängliches Verbrechen zu ihrem Vermögen gekommen und somit berechtigterweise zu eliminieren waren: Gesamtzahl der Ermordeten: 6 Millionen Juden im Westen und ca. 5 Millionen Kulaken und Verhungerte im Osten.
Wenn ein Journalist solchen Schwachsinn schreibt, wie es Herr Thurnher in seinem Buch getan hat, und dann noch als einer der angesehensten seines Berufsstandes gilt, kann man nur noch über ein vollkommen vertrotteltes und korruptes österreichisches Geistesleben den Kopf schütteln und sich mehr oder weniger unfreiwillig in die innere Emigration, sprich: in die Alpen zurückziehen.

Armin Thurnher: Unsternstunden der Menschheit. Wie die Welt unerträglich wurde. Zsolnay. ISBN 978-3-552-07619-8. 302 Seiten. 27,80 Euro.
Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.
Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen

Unsere Neidgesellschaft (zu der ich Hr. Thurnher eigentlich nicht gezählt hätte) tut sich halt schwer Innovationsgeist gepaart mit erfolgreichem Unternehmensgeist anzuerkennen.