Alois Schöpf
Tirol wäre in Bayern nur ein Landkreis.
Apropos

Nicht nur wir Tiroler treiben es bunt mit der Einteilung der Menschheit in solche, die so sind wie wir, und andere, für die dann Unaussprechliches gilt. Bei einem Blasmusiktreffen im Innenhof des Grazer Rathauses konnte ich feststellen, dass auch die Steirer meinen, etwas ganz Besonderes zu sein. Wie sich ja auch die Salzburger für kleine Mozarts halten, während die Wiener überhaupt glauben, sie seien der Nabel der Welt.

Die Eigenliebe der österreichischen Bundesländer ist volkskulturell charmant und touristisch gewinnbringend, jedoch im Hinblick auf eine lösungsorientierte Politik ein äußerst hinderliches Phänomen. Es regieren nämlich die Emotionen. Die oft anstrengende und nüchterne Rationalität hat kaum Chancen.

Das dürfte auch der Grund dafür sein, dass unsere Landespolitiker sehr oft dazu neigen, kräfteschonend auf dem Gefühlsklavier des mia sein mia herum zu klimpern, leider auch dann, wenn es eigentlich darum ginge, im Höchststeuerland Österreich durch klare Organisation bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung öffentlicher Leistungen viel Geld einzusparen.

Wenn man vor diesem Hintergrund bedenkt, dass unser Nachbarland Bayern flächenmäßig etwas kleiner ist als Österreich, jedoch über 13,4 Millionen Einwohner verfügt, wird klar, wie in des Wortes ursprünglicher Bedeutung “kleinkariert” die hiesige Föderalismus-Debatte abläuft.

Bayern ist nämlich nur eines von 16 Bundesländern Deutschlands. Österreichs Bundesländer wären darin bestenfalls Landkreise, die weder in Sachen Gesundheit noch in Sachen Bildung viel mitzureden hätten.

Und dennoch funktioniert in Bayern das Meiste vorbildlich. Das Land gilt als eine der prosperierendsten Regionen Europas. Wäre es da nicht angebracht, einmal einen Blick über die Grenze zu riskieren und sich im Dienste eines vernünftigen Föderalismus von den dortigen Größenordnungen inspirieren zu lassen.

Erschienen in der Tiroler Tageszeitung am 17.01.2026

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

Dieser Beitrag hat 5 Kommentare

  1. Ernst Maier

    Sehr geehrter Herr Schöpf
    Ihr letzter Kommentar in der Samstag-Ausgabe der TT zu diesem Thema ringt mir uneingeschränkten Respekt ab. Zu dieser Thematik ausgerechnet in Tirol eindeutig Stellung zu beziehen, erfordert Mut und bescheinigt realitätskonforme Weitsicht.
    Mein Leserbrief in der TT vom 15.01.2026 befasst sich im Wesentlichen auch mit einer dringend notwendigen umfassenden Verwaltungsreform. Sie finden diesen auch unter https://www.be-maier.eu/kommentare

  2. Lothar Müller

    Liebner Alois!
    Zu Deinem Tirol – Bayern – Landkreis: wir wären aber schon ein ganz besonderer Landkreis, das wirst Du zugeben!
    Aber – Du hast Recht, hab auch einmal nachgeschaut, als sich ein österreichischer Minister gar zu großartig fand. Und Blaulicht + Folgeton wollte: Die beiden größten bayerischen Regierungsbezirke haben mehr Einwohner als Österreich. Aber sie haben eben keine BundesministerInnen!!
    Worüber ich sarkasmusfrei nachdenke: das unsere LHs und die Bundesregierung einigende Band müßte doch die gemeinsame „Mittelbare Bundesverwaltung“ sein!
    Habe Herbert Salcher, damals Finanzminister, nach dessen Entrüstung über die Forderungen der Länder vorgeschlagen, die Bundesbudgetvorstellung doch gemeinsam mit den LHs/Landesfinanzreferenten zu machen. Er wollte nicht. Ich täts. Mit Gemeinden, Städten, NGOs dazu.
    Und merk Dir, junger Mann, meinen Spruch 2026: Die Institutionen mit Idealismus und Fröhlichkeit füllen! Sonst werden sie hin/gemacht.
    Dein alter Lothar

  3. Helmut Schiestl

    Das mag schon sein, das hat aber nichts mit der Größe zu tun. Gewählt werden ja auch die Gemeinderäte sowohl in Österreich als auch in Deutschland, auch wenn sie keine gesetzgebenden Körperschaften sind wie die Bundesländer. Und die schweizer Kantone sind zum Großteil noch viel kleiner als unsere Bundesländer und haben eigene Verfassungen und gesetzgebende Körperschaften. Und fahren gut damit. Auch wenn wir uns über die Ergebnisse ihrer Volksabstimmungen oft wundern mögen.

  4. Helmut Schiestl

    Da hast du dich jetzt aber doch ein wenig geirrt mit dem Vergleich von österreichischen Bundesländern und den deutschen Landkreisen. Der größte deutsche Landkreis ist Mecklenburgische Seenplatte und ist mit 5.470 km2 etwa halb so groß wie Tirol.
    Mit den österreichischen Bundesländern vergleichen ließen sich da wohl eher oder sogar meist die deutschen Regierungsbezirke, in denen die Bundesländer aufgeteilt sind. Zum Beispiel hat der deutsche Regierungsbezirk Oberbayern 17.529 qkm , also etwas größer als Tirol zum Beispiel. Die Kreise wiederum ließen sich mit unseren Bezirken vergleichen. Auch bevölkerungsmäßig sieht es da ähnlich aus. Die Regierungsbezirke haben zum Teil Bevölkerungen im sechsstelligen Bereich, also einige 100.000 bis zu einer Million, so wie auch die österreichischen Bundesländer, Wien 2 Millionen, Niederösterreich, Oberösterreich und die Steiermark über eine Million. Die deutschen Kreise aber kommen meistens nur an den zig- bis hunderttausender Bereich. Wobei es natürlich auch Ausreißer wie etwa im bevölkerungsreichen Nordrhein-Westfalen gibt.

    1. schoepfblog

      Hallo Helmut!
      Da liegst du falsch. Die Landkreise werden gewählt und haben gesetzgeberische Kompetenzen wie in Österreich die Bundesländer. Die Regierungsbezirke sind reine Vollzugsorgane ohne eigene politische Kompetenzen.

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