Alois Schöpf
Plötzlich sind Titel wieder in Mode.
Die Medien-Bobos sichern sich
als Neo-Adel ab.
Notizen
In meiner Lehrzeit als Journalist und Redakteur, die ich in den 1970-er Jahren unter der Leitung des legendären ORF Generalintendanten Gerd Bacher und seines Fernsehdirektors Helmut Zilk absolvierte, war das Benutzen von Titeln in Fernseh- und Rundfunksendungen streng untersagt, obgleich beide Herren selbst auf ein abgeschlossenes Universitätsstudium verweisen konnten.
Wahrscheinlich war ihre Abneigung gegen Titel der damals auch in Österreich gerade am Höhepunkt befindlichen sogenannten 68-er Revolution geschuldet, deren Adepten mit dem Schlagwort Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren gegen die klassische universitäre Bildung aufbegehrten, was es umso grotesker erscheinen lässt, wenn heute die greisen Restbestände dieser sogenannten Revolution wie Elfriede Jelinek oder Peter Handke sich vehement gegen die Kürzung des Lateinunterrichts aussprechen.
Es könnte aber auch sein, dass Bacher und Zilk durch ihr Verbot den Effekt erzielen wollten, zwischen dem Publikum und dem gerade aufgrund eines erfolgreichen Volksbegehrens reformierten österreichischen Rundfunk keine Brandmauer der Distinktion entstehen zu lassen, was ihnen bekanntlich durch den damals noch am Puls der Zeit befindlichen Sender Ö3, aber auch durch die hehre Institution eines Club2 im Fernsehen durchaus gelungen ist.
Im Lauf der vergangenen Jahrzehnte wurde aus den dereinst kreativen und unruhigen ORF-Angestellten allerdings eine abgeschottete, geschlossene Kaste, die in ihrer auf einem Hügel thronenden Betonburg über einen eigenen Supermarkt, Restaurants und ärztliche Betreuung verfügt und daher den Kontakt zur gewöhnlichen Welt nicht mehr benötigt.
Ganz abgesehen von der Tatsache, dass die Pensionsansprüche der älteren Jahrgänge inzwischen einen gewichtigen Teil des gesamten ORF-Budgets aufbrauchen und die noch Aktiven sich, um in Ruhe ihre Intrigen zu genießen, in sklavischen Diensten gehaltener und stets nur prekär beschäftigter sogenannter freier Mitarbeiter bedienen, die als journalistisches Proletariat in unfreiwilliger neuer Selbständigkeit um läppische Honorare Sendungen zu gestalten haben.
Diese Abgehobenheit der durch unkündbare Verträge abgesicherten Medienelite kann jedoch nicht der einzige Grund dafür sein, dass die Titelsucht wieder um sich greift. Sie herrscht nämlich auch dort vor, wo das große Geld fehlt, etwa im Fernsehsender oe24tv, wo das übergewichtige Schlachtross Fellner seine Gäste vor Beginn eines Interviews bis zur Unkenntlichkeit umgarnt, um gesagt zu bekommen, was billigsten journalistischen Gelüsten entspricht, ein Spiel mit der Eitelkeit, das naturgemäß auf Titel nicht verzichten kann.
An dieser Stelle soll auch nicht verheimlicht werden, dass ich selbst ein großer Anhänger von Titeln bin und es schon immer war, allerdings in ihrer ironischen Anwendung. Mit Titeln erspart man sich nicht nur die Peinlichkeit, die Namen selbst wichtiger Leute nicht abrufbereit zu haben. Die wohlwollende Verwendung des Titels erinnert auch in bester barocker Manier, und Österreich ist nun einmal ein barockes Land, den etwa mit Herr Hofrat Angesprochenen schon am Beginn des eigentlichen Gesprächs an seine berufliche Lebensleistung, es zu einer leitenden Position innerhalb einer Bürokratie geschafft zu haben. Damit ist die Begegnung von vornherein in das freundliche Licht der Wertschätzung getaucht.
Dass daran auch die milde Ironie, mit der eine solche Begrüßung einhergeht, nichts ändert, ergibt sich aus der nüchternen Erkenntnis, dass die mit dem Titel angesprochenen Erfolge meist nicht auf eine individuelle und unverwechselbare Leistung, wie jene eines Künstlers etwa, Bezug nehmen, sondern lediglich auf eine erfolgreich absolvierte Formatierung im Dienste gängiger gesellschaftlicher Karrierekriterien. Und dass diese eben nicht alles im Leben bedeuten, signalisiert unter selbstreflexiven Leuten die Ironie.
Aus dieser Beobachtung ergibt sich möglicherweise jedoch auch eine Antwort, was denn mit Österreich los ist, wenn in seinem wichtigsten Medium der sich gern mit dem Titel Anchor-Man der Nachrichtenredaktion schmückende Armin Wolf seinen Geschäftspartner Peter Filzmaier oder die Politikwissenschaftlerin Kathrin Stainer-Hämmerle hochachtungsvoll als Professoren begrüßt, obgleich er hinter den Kulissen mit beiden auf freundschaftlichem Fuß steht.
Aber nicht nur im staatlichen, von Zwangsgebühren lebenden Medium herrschen barocke Begrüßungsrituale, auch im bereits erwähnten oe24tv werden die Moderatoren nicht müde, einen gewissen Herrn Beutelmeyer untertänigst und ununterbrochen mit Herr Professor anzureden, bevor er den neuesten Höhenflug des Herbert Kickl in der Sonntags- bzw. Kanzlerfrage erläutern darf.
Die Tatsache, dass nicht nur in den genannten Fällen, sondern auch überall sonst in der Medienwelt inzwischen die Verwendung von Titeln grundsätzlich vollkommen frei von Ironie erfolgt, lässt darauf schließen, dass der mit dem Titel angesprochene erfolgreiche berufliche Aufstieg nicht als charmantes Beiwerk, sondern als ernster Anspruch wahrgenommen werden soll.
Wenn dieser Beobachtung hinzugefügt wird, dass ein Titel noch zu feudalen Zeiten das Privileg bedeutete, qua Geburt über seinen Mitmenschen zu stehen, was den Besitz von erheblichen Vermögenswerten miteinschloss, liegt der Verdacht nahe, dass die derzeitige Entwicklung den Beginn einer versuchten Refeudalisierung Österreichs darstellt.
Der erfolgreiche Marsch durch die Institutionen muss abgesichert, die Karriere außer Streit gestellt und die teils sehr ergiebigen Einkünfte durch die Weihe des Titels gerechtfertigt werden. Fehlt nur noch, dass die von der Klasse der ehemaligen 68-er-Revolutionäre erworbenen Güter und Sonderrechte im Sinne eines neuen Adels auf die nächste Generation übertragen werden können, eine Entwicklung, die für den Kundigen beim Studium der nach den jeweiligen Sendungen über den Bildschirm huschenden Namen bereits deutlich merkbar ist.
Somit ergibt sich als Arbeitshypothese: Die neu aufgeflammte Titelsucht ist als Bemühen aus der Massenuniversität entlassener, besonders tüchtiger, ehemals revolutionärer und nunmehr saturierter Medienangehöriger zu diagnostizieren, welche die Symbole des akademischen Adels dazu benützen, sich gegenüber ihrer meist kleinbürgerlichen Herkunft nach unten hin abzugrenzen und sich als neue gesellschaftliche Elite zu positionieren.
Möge es ihnen nicht gelingen.
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Hallo Alois,
ergänzende Faktennachhilfe zu „Plötzlich sind Titel wieder in Mode“. Die von Dir geschätzte „individuelle und unverwechselbare Leistung, wie jene eines Künstlers“ musste auch ich in den 70ern erbringen, um mein Doktorat zu erwerben. Mir wurde der Titel nicht nachgeworfen. Unsere Studien waren „arte legis“ ausgerichtet. Klar kann man das auch als „Formatierung im Dienste gängiger gesellschaftlicher Karrierekriterien“ diffamieren. Ist der Schöpf Blog unterwegs zur alpinen BILD-Zeitung?
Freundliche Grüße Michael Motz