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Alois Schöpf
Wer gescheiter ist als die anderen,
gilt unter den Mittelmäßigen
gleich einmal als Quertreiber.
Überlegungen anlässlich der ORF-Pressestunde am letzten Sonntag
zu Hans Peter Doskozil

Als die ehrgeizige, wahrscheinlich integre, stets piekfein gekleidete und attraktive (das darf man heute doch nicht mehr sagen!) Pamela Rendi-Wagner am Parteitag der SPÖ-Frauen in die Luft sprang und ihren Genossen und Genossinnen ausrichtete: Ich bin eine Feministin! – verwandelte sie sich bereits wenige Tage nach ihrer Kür zur SPÖ-Parteivorsitzenden in eine politische Untote.

Hans Peter Doskozil scheint, nicht unbedingt im Hinblick auf denselben Vorfall, zu einer ähnlichen Einschätzung gekommen zu sein, womit er nicht hinter dem Berg hielt. Und nachdem es der parteiübergreifenden politischen Elite inzwischen gelungen ist, für Rendi-Wagner als Dank für ihre Selbstaufopferung zwecks Errettung der darniederliegenden Sozialdemokratie einen tollen internationalen Job aufzutreiben, muss er dafür auch kein schlechtes Gewissen mehr haben: Die Dame ist dort angekommen, wo sie etwas leisten kann. Als Politikerin kam sie über den Status der empörten Sprechpuppe nie hinaus.

Hans Peter Doskozil hat nicht nur durch sein Problem mit der Stimme ein für einen Politiker besonders schweres Schicksal zu ertragen, sondern auch dadurch, dass man ihn in der Partei und in den Medien seit Rendi-Wagners Abgang für einen unguten, egomanischen Quertreiber hält, bei dem offenbar die polternde Stammtischrede eines Traiskirchener Bürgermeisters ausreichte, um ihm die Kür zum Parteiobmann zu vermasseln.

Dabei wird dieses nicht gerade schmeichelhafte Urteil über ihn auch noch dadurch verfestigt, dass er Andreas Babler für die noch größere Katastrophe als Rendi-Wagner hält, und dass er diese seine Meinung beim besten Willen auch dann nicht verheimlichen kann, wenn er nur sagt, dass er zu Babler nichts zu sagen hat. Dabei wissen natürlich alle, dass er viel zu sagen hätte, weil sie es selbst gerne täten, aber lieber den Mund halten, weil sie zu feig sind und nicht wie Doskozil als Quertreiber gelten wollen.

Also wird insgesamt viel zu viel geschwiegen bei den Roten, während die Partei zum Schaden für Österreich langsam untergeht und bestenfalls davon profitiert, dass es der ÖVP, deren mediokre Funktionäre sich ihren Kurz abschießen ließen, nicht besser ergeht. Auch Doskozil schweigt, hat eine Autobiographie geschrieben, die dieser Tage erscheinen wird, womit er sich in die Tradition jener Französischen Staatenlenker stellt, die sich durch ihren zusätzlichen Status als Buchautoren selbst adeln. Chapeau!

Sonst organisiert er eine Wasserzuleitung zum Neusiedler See. Oder eine Großanlage zur Produktion von grünem Wasserstoff. Oder er sorgt für finanzielle Anreize für Ärzte, die im Burgenland arbeiten. Oder er plant eine burgenländische Med-Uni und lässt an alle Volksschüler Blockflöten für den Musikunterricht ausgeben: Alles Unternehmungen, denen man aus dem fernen Tirol Intelligenz bescheinigen muss, womit sich zugleich und folgerichtig die Frage ergibt: Ist dieser Herr Doskozil, der bei seinem ersten großen Fernsehinterview dem Oberinquisitor Armin Wolf auf seine wie üblich penetrant unterschleifige Frage zur Antwort gab: Wir sind hier nicht in einem linguistischen Seminar, Herr Wolf! – ist dieser Herr Doskozil vielleicht tatsächlich ein hochintelligenter Mensch, Politiker und Sozialdemokrat, der schon Recht hat, wenn er sich über seine Parteifreundinnen und Parteifreunde ärgert, weil er ganz genau weiß, dass er es besser machen könnte, und für den das angeblich neu erstellte SPÖ-Positionspapier zur Migrationsproblematik ein Geschwätz ist, mit dem man keine einzige Wählerstimme gewinnen wird.

Österreich scheint nicht nur in seiner Geschichte, sondern bis heute Probleme mit außerordentlichen Begabungen und Persönlichkeiten zu haben. Auf die Gefahr hin, von manchen Lesern wieder dafür geprügelt zu werden, erinnere ich, wie schon erwähnt, an das Schicksal eines Sebastian Kurz, aber auch an die unzweifelhaft vorhandenen intellektuellen Qualitäten eines Herbert Kickl, dem gegenüber der politischen Konkurrenz, wie der Begründer der NEOS Matthias Strolz es dieser Tage in einer Fernsehdiskussion trefflich formulierte, statt guten Argumenten nur „Dämonisierung“ einfällt.

Auch Hans Peter Doskozil sollte man nicht als „Quertreiber“ und ewigen Störenfried dämonisieren, sondern ihn als einen der wenigen Hoffnungsträger und als ziemlich allerletzte Personalreserve der SPÖ betrachten.

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor und Journalist, lebt bei Innsbruck. Alois Schöpf schreibt seit 37 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 28 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Zahlreiche Veröffentlichungen, bei Limbus: Vom Sinn des Mittelmaßes (2006), Heimatzauber (2007), Die Sennenpuppe (2008), Platzkonzert (2009), Die Hochzeit (2010), Glücklich durch Gehen (2012), Wenn Dichter nehmen (2014), Kultiviert sterben (2015) und Tirol für Fortgeschrittene (2017). Zuletzt erschien in der Edition Raetia Bozen gemeinsam mit dem Fotografen und Regisseur Erich Hörtnagl "Sehnsucht Meer, Vom Glück in Jesolo", die italienische Übersetzung wurde zeitgleich präsentiert. Und es erschien, wieder bei Limbus, "Der Traum vom Glück, Ausgewählte Alpensagen". Schöpf ist auch Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte und leitete das erfolgreiche Bläserfestival fünfundzwanzig Jahre lang bis 2019.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Karlheinz Veit

    Wie oft noch Erwähnung des Heiligen Basti…..???
    Lieber Herr Schöpf – ein für alle mal – KURZ haben fertig…! Es is vorbei ! Und hoffentlich für immer ….!

    Aber beim KurzZeitgedächtnis der österr.Wähler kann ja alles passieren ! Ibiza war ja auch nur ein Ausflug der früheren „FPÖ-Elite“ auf eine Insel – mehr nicht …..! Hüstel !

  2. Otto Riedling

    Ich habe nichts persönlich gegen HPD, aber ihn als Zukunftshoffnung zu bezeichnen, ist ziemlich
    skurril. Was sollen sich JungwählerInnen denken? Oder denkt man hier an die SeniorInnen?
    Es gibt genug „Jungspunde“ (Generation zwischen 30 und 45), die in die erste Reihe rücken (könnten).

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