Alois Schöpf
Opferfrauen retten uns
vor dem Literaturkritiker Denis Scheck
und seinem Bücher-Müllkübel.
Notizen

Literatursendungen, in denen Bücher besprochen werden, sind sui generis korrupt, da sie vorgeben, sich den wichtigsten Produktionen der Saison zu widmen. 

In Wirklichkeit widmen sie sich jedoch im unübersehbaren Meer des Gedruckten und immer weniger Gelesenen den Hervorbringungen der größten Verlage mit den tüchtigsten Pressedamen und den tollsten Fressgelagen. Oder sie widmen sich den Werken von langjährigen Freunden und Freundinnen, Angehörigen der jeweiligen ideologischen Blase, wertfrei agierenden, virtuosen Speichelleckern und auch der Bestätigung jenes Kanons, der sich im Spiel zwischen Dichtern, Medien, Archiven und Universitäten als das Kulturgut des angeblich Relevanten verfestigt hat.

Und sie widmen sich natürlich auch ausgezeichneten Autorinnen und Autoren. Da es solche jedoch nur sehr selten gibt, werden viel öfter gnadenlose Langweiler besprochen, bei denen zumindest mich – und ganz unerfahren bin ich im Bücherlesen auch nicht – spätestens nach 50 Seiten unüberwindliche Einschlafattacken befallen.

Ich denke hier nur an die beiden Österreichischen Nobelpreisträger, den schrulligen Esoteriker Peter Handke oder die logorrhoetische Feministin Elfriede Jelinek, beide hochdekoriert und für ihre öden Texte mit Steuergeld überschüttet, wohingegen sich der wohl amüsanteste und undeutscheste Romancier der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur Sven Regener, auch Bandleader von Element of Crime, von Reich-Ranicki nachrufen lassen musste, er habe selten so oft unter seinem Niveau gelacht. Humor geht in einer Szene, in der sich der Hegelsche Weltgeist emaniert, eben gar nicht, weshalb man in Regeners Wikipedia-Eintrag denn auch keinen bedeutenden Literaturpreis findet, von nachgeschmissenen Vorlass-Betrügereien, mit denen Staatsdichter sonst in die Pension begleitet werden, erst gar nicht zu reden.

In welchem Ausmaß nicht nur eine Sendung wie Das literarische Quartett eines Marcel Reich-Ranicki, der immerhin am Ende seines Lebens den Nachweis erbrachte, nicht nur ein eitler Kritiker, sondern aufgrund seiner Autobiographie Mein Leben auch ein großartiger Autor zu sein, mit Literatur wenig und mit Product-Placement fast alles zu tun hat, geht aus einem Artikel meines Kollegen Elias Schneitter hervor, der schon am 27. März 2021 im schoepfblog unter dem Titel Mafiamutationen – Bücherverbrennung schrieb:

Das „Urteil“ von MRR und dem Literarischen Quartett hatte großen Einfluss auf den Bücherverkauf. So erzählte Wilhelm Genazino einmal, dass seine Bücher in der Regel eine Auflage von 3.000 Stück hatten. Als aber einer seiner Romane im LQ positiv besprochen wurde, schnellten die Verkaufszahlen auf 60.000 hinauf.

Dass auf diesem Laufsteg des schreibenden Hurengewerbes nun eine wie über dem Eingang eines gotischen Bordells wachende Groteskfigur namens Denis Scheck Bücher, die ihm nicht gefallen, mit einem flotten Spruch in den Müll bzw. ins Altpapier entsorgen darf, war damals schon der Kritikpunkt Elias Schneitters, der dieses Verhalten Schecks mit dem Verweis auf den offenbar typisch deutschen Hang zur Bücherverbrennung zurückwies.

Zum einen ist es eine Herabwürdigung der Arbeit und Bemühungen von Autoren, von denen wohl keiner mit Absicht ein schlechtes Buch geschrieben hat. Vor allem ist es jedoch eine Geschmacklosigkeit, weil dieses Wegwerfen von Büchern, diesmal zwar auf umweltschonendes Recycling bedacht, gerade im Land der Bücherverbrennung einen sehr schalen Nachgeschmack hinterlässt. ARD und Herr Scheck sollten darauf verzichten.

Damit ist das grundsätzlich Fragwürdige an der wegwerfenden Geste des Literaturkritikers Scheck in der Sendereihe Druckfrisch auf den Punkt gebracht. Aber ebenso ist klar, dass weder Schneitters Kritik noch ähnliche Einwendungen von Kollegen und schon gar nicht die Proteste und Nervenzusammenbrüche der erniedrigten und beleidigten Autorinnen und Autoren, deren Werke weggeworfen wurden, etwas an einem Skandal änderten, den das Publikum mit relevanter Kultur-Quote bis heute zu genießen scheint, wie man früher zum Volksfest einer Hinrichtung pilgerte. 

Weiß der Teufel, was da für böse Gelüste im Spiel sind, jemanden öffentlich niedergemacht zu sehen, um sich auf diese Art selbst zu erhöhen. Den Weiterbestand einer solch schlimmen Sendung scheinen jedenfalls derlei emotionale Abgründe im Kampf um das niedrigst mögliche Niveau der geschützten staatlichen Medienhäuser erfolgreich abzusichern.

Bis vor zwei Wochen jedenfalls. Da wollte es der Zufall, dass Denis Scheck mit abfälligen Bemerkungen die Bücher zweier Damen entsorgte: Zum einen den Roman Wie kann sie nur? von Sophie Passmann mit der Bemerkung Wasserstandsmeldungen aus den Seichtgebieten eines trüben Bewusstseins. Und zum anderen den Roman Alt genug von Ildikó von Kürthy mit der Bemerkung Nachrichten aus der Schnatterzone einer Damentoilette auf einer Hochzeit.

Wut und Rachegefühle über das arrogante und inakzeptable Fehlverhalten des Literaturkritikers sind in diesem Zusammenhang so verständlich wie Beschwerden mit Verweis auf die primitivsten Regeln der Höflichkeit, des Anstands und der Wertschätzung gegenüber der Arbeit anderer schon bisher nichts gefruchtet haben. Zwischen dem Verhalten Schecks jedoch eine Verbindung zum angeblich seit Jahrtausenden währenden Opferstatus der Frau herzustellen und somit die ganze Affäre in den weltweiten Kampf des von patriarchaler Arroganz gedemütigten weiblichen Geschlechts mit einzubeziehen, erwies sich als schlagkräftige und geradezu geniale Strategie.

Dass dieser Schachzug von der Oberbetriebsnudel des literarischen Strichs Elke Heidenreich umgehend aufgegriffen wurde, war zu erwarten und ergibt sich zum einen aus der Begabung der Dame, das zarteste Lüftchen des über deutsche Lande hinweg wehenden Zeitgeists wahrzunehmen, vor allem jedoch aus nicht minder großen Rachegelüsten Denis Scheck gegenüber, überlebte dieser doch den kulturellen Kahlschlag in seinem Sender ARD im Gegensatz zu Frau Heidenreich, deren zwischen 2003 und 2008 im ZDF ausgestrahlte Sendung Lesen eingestellt wurde.

So wurde denn auch diesem weiblichen Aufschrei aus literarischer Not im Leib- und Magenblatt des linksliberalen Mittelstands Die Zeit eine ganze Seite mit einem Protest von Elke Heidenreich und Ildikó von Kürthy gewidmet. Herr Scheck wird sich warm anziehen müssen, wenn er diesen Mediendonner überleben möchte. Seine Chancen stehen, sofern man die derzeitige zeitgeistige Wetterlage miteinbezieht, ziemlich schlecht, wobei sich auch männlicherseits die Gefühle des Mitleids und Bedauerns aus bereits erwähnten medienethischen Gründen in Grenzen halten werden.

Eines zeigt die Affäre jedoch auch: die beste Methode, die Karriere voranzutreiben bzw. die beste Methode, die Karriere eines gehassten Mannes zu vermasseln, besteht derzeit für Personen weiblichen Geschlechts darin, das hehre Anliegen der Emanzipation und Gleichberechtigung zu instrumentalisieren, also zu verraten und letztendlich in der Bevölkerung in Verruf zu bringen. Und dies vor allem dann, wenn das richtige Geschlecht, das zu einer Berufung führt, das Können, das zur Bewältigung einer Aufgabe notwendig wäre, überwiegt, ein Missstand, der vor allem in der Kultur und Kulturverwaltung längst um sich gegriffen hat.

Gerade in konservativen Ländern nämlich dient die Kultur den Mächtigen, die sich für die Jagd, aber nicht für die Oper interessieren, dazu, den Anschein einer Modernität zu wahren, die durch die Berufung von Frauen in Leitungspositionen des Kulturbetriebs unter Beweis gestellt werden soll, auf dass auf all jenen Gebieten, wo es tatsächlich um Macht geht, dem reaktionären Sumpf des Ewiggestrigen weiter ungestört gehuldigt werden kann. 

Dabei spielt es angesichts einer fundierten Unbildung der politischen Verantwortungsträger keine Rolle, wenn durch das Versagen von Personen mit dem richtigen Geschlecht, aber den falschen Kompetenzen die religiös konnotierte Provinzialität von gestern von der woke konnotierten Provinzialität von heute abgelöst wird und somit die angebliche Befreiung der Frau aus den Fesseln des Patriarchats geradezu zum gedeihlichen Fortbestand dieses Patriarchats beiträgt.

Die Literaturkritik des Literaturkritikers Denis Scheck ist somit in gleicher Weise ein Skandal wie die Reduktion eines Humanismus, der den Skandal ausreichend beschreibt, auf einen Feminismus, der das Recht auf Würde durch Geschlechtsteile definiert.

Illustration: Reinhard Walcher

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

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