Alois Schöpf
Ohne Zivilcourage gibt es
keine Demokratie.
Apropos

Der ORF meldet auf seinen blauen Seiten, dass sich die Regierungsverhandlungen über den Umgang mit den Sozialen Medien in der Endphase befinden und fügt hinzu: Umstritten sein dürfte unter anderem noch, ob eine Klarnamenpflicht kommt. Die ÖVP will diese, SPÖ und NEOS sind dagegen.

Hör ich recht? SPÖ und NEOS sind dagegen? Ist den verantwortlichen Herren und Damen, die eine solche Meinung vertreten, eigentlich gleichgültig, was anonym über sie geschrieben wird? Oder verhandeln nur solche Hinterbänkler, die noch nie ins Zielfernrohr der Rotzer und Kotzer geraten sind?

Ich habe mich schon vor einigen Wochen für eine Klarnamenpflicht ausgesprochen und entschuldige mich, wenn ich es diesmal aus persönlicher Betroffenheit noch einmal tue.

Zum Schutz meiner geistigen Gesundheit schau ich nur selten in einschlägige Foren. Ich bilde mir ein, über einen guten Magen zu verfügen. Was da aber alles zu lesen ist, wenn gewisse Leute nicht mit einem meiner Artikel übereinstimmen, würde, wenn man es streng nimmt, gleich mehrere Rechtsanwälte beschäftigen. Wenn man es locker nimmt, ist zumindest das seelische Gleichgewicht gefährdet. “Unheilbare Dummheit” ist noch die freundlichste Diagnose, die man hinnehmen muss. Alles anonym natürlich.

Die Anonymität im Internet hat die Umgangsformen im Rahmen der öffentlichen Debatte versaut und treibt die Gesellschaft immer weiter auseinander. Man kann es nicht anders beschreiben. 

Was bringt nur SPÖ und NEOS dazu, diese Entwicklung auch noch zu unterstützen? Welchem geistigen Proletentum fühlt sich die SPÖ verpflichtet? Was verstehen die NEOS unter Liberalismus?

So sinnvoll ein Social-Media-Verbot für Jugendliche auch sein mag: Für eine Demokratie, in der die Meinungsfreiheit geschützt ist, ist die Verpflichtung zum offenen und wertschätzenden Argumentieren, also die Klarnamenpflicht, sicher ebenso wichtig.

Erschienen in der Tiroler Tageszeitung am 21.03.2026

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

Dieser Beitrag hat 11 Kommentare

  1. Peter Wanker

    Finde den Ruf nach Klarnamen sehr bedenklich und hätte nicht gedacht, dass Sie, eigentlich recht liberal unterwegs, dafür eintreten.

    Das Problem ist, dass eine Klarnamenpflicht

    1, kaum sauber implementierbar ist, sondern wieder einen riesigen bürokratischen Moloch erzeugen würde, von dem wir wahrlich genug haben.

    2, den Staat wieder etwas übergriffiger machen würde. Angesichts dessen, dass bei unserem nördlichen Nachbarn schon bei harmlosen Meinungsäußerungen drakonische Strafen erfolgen und angesichts des einseitigen Meinungskorridors in Kultur- und Medienszene (der auch von Ihnen immer wieder zurecht beklagt wird), wird eine Klarnamenpflicht nur weiter den Chilling effect anheizen. Und eine Demokratie, in der Bürger sich zunehmend nicht mehr trauen ihre Meinung zu äußern, geht auf Dauer ihrem Ende zugegen.

    1. schoepfblog

      Sehr geehrter Herr Wanker!
      Angesichts dessen, was Sie über Deutschland schreiben, muss ich Ihnen recht geben. Leider!

  2. Achim Bartenstein

    Guten Morgen Herr Schöpf,
    ein guter Morgen kann mit einem Ihrer Kommentare anfangen. Vielen Dank dafür!
    Mut und Offenheit im Gegensatz zu feiger Anonymität ist tatsächlich notwendig, um gedeihlich im Staat, in der Arbeit und in der Familie zusammenzuleben. Klarnamen heben automatisch die Qualität der Beiträge.
    Ich fürchte allerdings, dass eine Klarnamenpflicht unsere internationale Netz-Welt einfach überfordert und damit nicht umsetzbar ist. Klarnamen zu fordern, ist trotzdem richtig. Beispielhafte Regeln wenden Qualitätsmedien für Leserbriefe und redaktionelle Beiträge längst an. Auch hierfür vielen Dank.
    Mein Trost: anonymen Dreck muss ich nicht lesen, auch wenn es ihn reichlich gibt.
    Mit besten Wünschen

  3. Ulrike Lob

    Guten Morgen Herr Schöpf!
    Wieder einmal haben Sie mit Ihrem heutigen Artikel den Nagel auf den Kopf getroffen.
    Dazu kann ich mich nur mehr Albert Einstein anschließen:
    „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum u. die menschliche Dummheit, aber beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“
    Ich überlege mir ernstlich, die nächste Wahl zu boykottieren, denn ich komme immer mehr zu dem Schluss, dass keine Partei meine Stimme verdient hat.

  4. MR.Dr. Pistoja

    Geschätzter Herr Schöpf!
    Ihren heutigen Artikel in der TT nehme ich zum Anlass, Ihnen für Ihre guten Beiträge in der Samstags-Zeitung zu danken. Ich lese sie immer mit Freude und stimme meist mit ihrer Meinung überein.
    Das Anpatzen und Anzeigen im Schatten der Anonymität gehört verboten. Es betrifft ja alle Bereiche der Gesellschaft und verroht die guten Sitten.
    Bitte behalten Sie weiterhin Ihre Tatkraft und auf weitere viele kritische Artikel.
    Mit freundlichen Grüßen aus Kirchdorf.

  5. Ruth Plaikner

    Guten Morgen Herr Schöpf,
    nach langer Zeit melde ich mich wieder einmal, heute zu Ihrer Forderung, dass eine Klarnamenpflicht kommen muss.
    Ich teile Ihre Meinung und würde bei der Pflicht sogar noch die anonymen Anzeiger mitnehmen.
    Ich hatte mal die Polizei im Haus, die im Auftrag der BH ermitteln musste. Eine anonyme Anzeige behauptete, dass ich, Ruth Plaikner, eine gewerbliche Tischlerei ohne Gewerbeschein betreibe. Das war grober Unfug! Mein Mann (damals schon 70 Jahre) ist seit seinem Ruhestand Hobbytischler und hat eine kleine Werkstatt zuhause. Natürlich kam es zu keiner weiteren Verfolgung der Anzeige behördlicherseits.
    Jetzt wohnen wir in einem Dorf und natürlich würde mich interessieren, wer dieser nette Zeitgenosse war. Vielleicht hat er mir schon mal ein Glas Wein gezahlt?
    Anonyme Anzeigen dieser Art sind feige, kosten Behörden unnötig Zeit und Geld.
    Ich nehme an, dass es eine Flut von substanzlosen, anonymen Anzeigen das Jahr über gibt.
    Dieses „Frust ablassen“ im Netz und Menschen verachtende Kommentare sind das Letzte und ich wundere mich, dass Sie das überhaupt aushalten. Dazu braucht es sicher mehr als ein starkes Selbstwertgefühl. Weiterhin alles Gute und vor allem Gesundheit!
    Herzliche Grüße

  6. Egon Spiss

    Geschätzter Herr Schöpf!
    Ich darf mich einmal mehr ganz spontan für ihren heutigen Beitrag in der TT bedanken. Hassgeschreibsl und Diffamierung im Netz würden deutlich gehemmt werden, wenn die Schreiber nicht anonym agieren könnten. Die Klarnamenpflicht wäre für mich die selbstverständlichste Voraussetzung für eine offene, argumentative Diskussion. Freie Meinungsäußerung sollte nicht mit Feigheit einhergehen.
    Beste Grüße
    Egon Spiss

  7. Ernst Maier

    Sehr geehrter Herr Schöpf
    Danke und nochmals Danke, dass Sie sich in dieser Deutlichkeit für eine Klarnamenpflicht aussprechen. Ich darf vorausschicken, dass ich mich aus gutem Grund nicht in gängigen Diskussionsforen bewege. Mein Interesse gilt also ausnahmslos jenen Redaktionsbeiträgen namhafter Tageszeitungen, welche zum Kommentieren freigeschaltet sind. Unfassbar und schockierend, was sich da unter dem Deckmantel der Anonymität tummelt. Respekt vor anderen Meinungen, Diskussionskultur und Sachlichkeit sind längst primitiven Anwürfen, orthographisch peinlich niederschwelligen Zweizeilern gewichen. Diese Entwicklung gibt durchaus Anlass zu berechtigter Sorge um eine stetige Verrohung der Gesellschaft. Völlig unverständlich also, dass es um die Einführung einer Klarnamenpflicht keine Einigkeit in der Regierung gibt.

  8. Walter Plasil

    Die Klarnamenpflicht ist nach meiner Ansicht eine Notwendigkeit.
    Wir wissen alle, welche erbärmlichen Kommentare da im Netz und sonst wo unter dem Deckmantel eines „Nicknamens“ gemacht werden.
    Bei mir herrscht völliges Unverständnis dafür, dass sich die SPÖ dieser Sache nicht anschließt oder zumindest eine vernünftige Lösung präsentiert.
    Dem Verstecken in der Anonymität und der noch kommenden Lawine von gefakten Bots muss zumindest die Klarnamenpflicht entgegengesetzt werden.
    Wer sich öffentlich und im Netz äußert, darf sich nicht weiter in die Anonymität retten. Ich halte das für ein großes Übel in der Welt des Internet.
    Bitte Nachdenken, ev. ein Symposium in der Parteien, eine Reformgruppe von Leuten dazu bilden, die sich auskennen, aber nicht nichts tun.

  9. Leo Hochner

    Ohne Zivilcourage keine Demokratie?
    Demokratie bedeutet eine radikale Einhegung von Macht und das Versprechen auf Selbstbestimmung, Teilhabe und größtmögliche Freiheit von Angst – also von der wichtigsten Grundlage von Macht! Daher wurde Demokratie zu keiner Zeit von den jeweils Herrschenden als wünschenswert angesehen – daher auch die Einführung der repräsentativen Demokratie, in der durch eine geschickte Struktur des politisch-parlamentarischen Apparates dafür gesorgt ist, dass der Wille der Massen keine politische Wirksamkeit haben kann. Dass die ausgebeuteten Massen ihr Sklaventum geradezu liebgewonnen haben, stellte Sebastian Haffner bereits 1967 fest.

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