Alois Schöpf
Nicht antworten heißt heutzutage “Nein”.
Apropos

Ein junger Mann schreibt nach Abschluss der neuen Mittelschule und nach Absolvierung eines Kurses, wie man Bewerbungsschreiben verfasst, dreißig Firmen an, um sich für einen Job zu bewerben. Er erhält keine einzige Antwort. 

Ein Schriftstellerkollege verschickt sein Manuskript an fast ebenso viele Verlage. Es kommt eine einzige vorgedruckte Antwort: Unaufgefordert Eingesandtes wird nicht behandelt. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass ich schon einigen hochmögenden Kultureinrichtungen Texte geschickt habe, von denen ich dann nie mehr etwas gehört habe.

Diese und viele andere Beispiele zeigen, dass nicht nur in der Kunst, die bekanntlich dem Publikum gern predigt, wie sich ein anständiger Mensch zu verhalten hat, Zustände herrschen, die man als angejahrter Bürgerlicher zumindest als unhöflich, wenn nicht gar als zum Kotzen bezeichnen könnte. 

Bis mich unlängst ein junger Kollege aus der Veranstaltungsbranche darüber belehrt hat, dass heute keine Antwort eben Nein heißt. So sei es inzwischen Sitte.

Nun kaschieren Sitten, auch wenn ihnen durch den Begriff Sittlichkeit etwas Edles anhaftet, nicht selten inakzeptable Zustände. So auch in diesem Fall, in dem die Missachtung der Würde und der Arbeit eines anderen als Kollateralschaden dafür in Kauf genommen wird, es sich mit seinem eigenen Ego bequem einzurichten.

Denn ohne Zweifel bedeutet ein persönliches Nein Mehrarbeit, muss man sich doch mit etwas Konkretem auseinandersetzen. Nicht weniger anstrengend ist es, ein Nein mit nachvollziehbaren Argumenten zu begründen, wobei eine Ablehnung emotional immer auch unangenehm ist.

Wer sich das ersparen will, reagiert nicht. Dass dabei die Menschlichkeit unter die Räder kommt, ist egal. Wen verwundert es da noch, wenn viele resignieren oder gleich depressiv werden. Kein Wunder! Denn eine Nicht-Antwort ist nicht ein Nein, sondern eine Demütigung.

Erschienen in der Tiroler Tageszeitung am 31.01.2026

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Regina Hilber

    Im Beziehungsanbahnungskosmos gibt es dafür einen Fachbegriff aus der Populärpsychologie:
    GHOSTING

    Leider hat sich das Ghosting im Arbeitsalltag überall schon manifestiert.
    Von der Tiroler Landesregierung Abteilung Literatur bis zu selbsternannten „Veranstaltergrößen“ in Innsbruck ist das Ghosting zum Volkssport mutiert.

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