Alois Schöpf
Nestroy, Schopenhauer, Thomas Bernhard und
die Deutschen
Egyd Gstättners Selbstbefragung
im Spiegel verstorbener Größen
Besprechung

Egyd Gstättner ist einer der wenigen österreichischen Autoren, der nicht eine germanistische Masche reitet und dabei den woken Zeitgeist bedient. Wie seine zeitgleich im schoepfblog erscheinende Satire zur Massenauswanderung von Österreichern nach Syrien zeigt, beschäftigt er sich nicht nur als langjähriger Kolumnist und Essayist, sondern auch als Buchautor bevorzugt mit Themen, die bei allem historischen Rückblick stets mit den aktuellen politischen Verhältnissen und hier insbesondere mit dem prekären Status eines Schriftstellers in Österreich bzw. in Wien bzw. in Kärnten zu tun haben.

Dass dies zumindest für mich, einen durch und durch vom Journalismus verseuchten Kollegen, durchwegs spannende und, basierend auf Egyd Gstättners satirischem Talent, amüsante Bücher ergibt, liegt auf der Hand und gilt auch dann noch, wenn etwa ein Werk wie Der große Gogo von einem Fußballer und dessen ausbleibender glanzvollen Karriere handelt, ein Schicksal, das in einer von Seilschaften korrumpierten heimischen Literaturszene dem Autor nicht ganz unbekannt sein dürfte.

Dementsprechend geht es auch in seinem jüngsten, im Picus Verlag erschienenen Buch Destroy Nestroy. Oder: Goodby, Austria um Persönlichkeiten, die trotz hervorragender Leistungen als Dramatiker, Philosophen oder Dichter zu Querköpfen und Unruhestiftern abgestempelt wurden, bis sie spät, oft zu spät als die schärfsten Diagnostiker ihrer Zeit Anerkennung fanden.

Dies gilt etwa für Arthur Schopenhauer, dem ein gewichtiger Teil des Buches gewidmet ist: ökonomisch unabhängig vom universitären Philosophiebetrieb entwickelte er seine Lehre von einer Welt als Wille und Vorstellung. Erst dreißig Jahre nach dem Erscheinen dieses seines Hauptwerks fand der Philosoph die ihm gebührende, dann jedoch internationale Anerkennung.

Als Autor, Hauptdarsteller seiner eigenen Stücke und später sogar als Theaterdirektor fand Nestroy zwar immer sein Publikum, offizielle Anerkennung allerdings, ähnlich wie bei Schopenhauer, erst 28 Jahre nach seinem Tod 1862: so wurde er 1890 in ein Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof umgebettet.

Etwas komplizierter stellt sich die Karriere eines Thomas Bernhard dar, der den Widerstand konservativer Kreise gegen sein Werk bauernschlau und bis zu einem gewissen Grad auch charakterlos dazu benutzte, seine unspielbaren und langweiligen Theaterstücke zum Symbol fortschrittlichen Denkens und einer gelungenen sogenannten Vergangenheitsbewältigung zu machen. Es ist ein großes Verdienst Gstättners gerade in Sachen Heldenplatz ein deutliches Urteil zu fällen, was nichts daran ändert, dass Bernhard mit vielen seiner Prosawerke dennoch als bedeutender europäischer Dichter zu gelten hat.

Die völlig überdrehte Wiederaufnahme und Verhunzung des Stücks Heldenplatz am Wiener Burgtheater vom Februar 2024 durch den deutschen Regisseur Frank Castorf ist denn auch für Egyd Gstättner die ideale Überleitung zu seinen titelgebenden Überlegungen Goodby, Austria: Für ihn läuft nämlich die Übernahme von Theater- und Festspielintendanzen, von Verlagen und Universitätslehrstühlen durch sogenannte Deutsche zunehmend auf die Vernichtung der unverwechselbaren österreichischen Kultur und Literatur hinaus. Aus dem einst stolzen Zentrum und nunmehr republikanischen Rest eines ganzen Kulturraums wird durch die Übernahme der Kultur durch unsere nördlichen Nachbarn ein zwar bezaubernd schönes, jedoch zur Belehrung freigegebenes Tourismusressort.

Die Verbindung zwischen all diesen Themenblöcken ist die fortwährende, meist indirekte Selbstbefragung des Autors, wo er selbst eigentlich als Querkopf, Satiriker und Widerspruchsgeist zu verorten ist. Diese Art der Selbstbefragung ist spannend, amüsant, teilweise auch zu Widerspruch anregend und zuletzt für all jene, die den feuilletonistischen Erzählstil Gstättners kennen und schätzen, ein großes Vergnügen.

Egyd Gstättner:
Destroy Nestroy
Oder:
Goodby, Austria!
Roman. Picus Verlag
282 Seiten. 26,00 Euro

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

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