Alois Schöpf
Mittsommer in Schweden,
aber nicht in Österreich.
Weshalb feiern wir nicht
die Sommersonnenwende?
Notizen

Letztes Wochenende begingen die Schweden zur Feier der Familie und ihrer nationalen Identität das Mittsommer-Fest.

Ich hatte einmal das Vergnügen, bei meinen Freunden, dem Regisseur und Fotografen Erich Hörtnagl und der Malerin Ewa Jönsson, seiner schwedischen Gattin, eingeladen zu sein. Es war ein erhebender Abend, vor allem auch dadurch, dass Hubert, der Mann von Ewas bester Freundin, ein gebürtiger Deutscher und mit fotografischem Gedächtnis ausgestattet, anfing, zum Anlass passende deutsche Lyrik zu rezitieren, natürlich auswendig und geradezu professionell vorgetragen.

Erich Hörtnagl: Die Schweden feiern. Mittsommer.

Die Macht der schönen Worte vollendete also das wunderbare Mahl mit Flusskrebsen, Fischsalaten und, ein Stolz für mich, österreichischen Weißweinen. Dazu wurden Lieder gesungen, die ich nicht kannte, die jedoch durch österreichisches Liedgut ergänzt wurden. Und es wurde tatsächlich irgendwie nie so richtig dunkel vor dem Landhaus, das an der alten Heerstraße nach Stockholm und in der Nähe eines Sees liegt, von denen in Schweden bald jeder Einwohner einen zu haben scheint.

Am Mittsommertag selbst fuhren wir dann zu einem Volkskunstmuseum, in dem, wie etwa im Höfe-Museum in Kramsach in Tirol, alte Höfe wieder aufgebaut worden waren, mit dem gravierenden Unterschied allerdings, dass ich Tirols Bauern als stets in bescheidenen Verhältnissen lebend eingestuft hatte, nun jedoch, wie ich schon in meinem Buch Tirol für Fortgeschrittene beschrieben habe, die unfassbare Armut der schwedischen Bauern kennenlernte, die als Pächter ohne eigenes Land in Holzhäusern und winzigen, niedrigen Räumen gemeinsam mit dem Vieh den Winter zu überleben versuchten. Wen wundert es, dass unter solchen Bedingungen der Alkoholismus unter den Männern zu einer Seuche wurde, welche durch die Frauen und die pietistische Pfingstbewegung bekämpft wurde. Einigermaßen gelungen ist nicht nur dies durch die Einführung eines staatlichen Alkoholmonopols erst den Sozialdemokraten, vor allem Per Albin Hansson und seiner Folkshemmet-Bewegung.

Nach dem Museumsbesuch wohnten wir einer traditionellen Volkstanzaufführung im Garten des Freiluftmuseums bei. Die vielen älteren Pärchen, die da in traditioneller schwedischer Tracht und lediglich unterstützt von einigen wenigen jungen Leuten, wahrscheinlich die Kinder der Vereinsführung, ihre Figuren tanzten, begleitet von zwei Fiedeln und einem Kontrabass, bildeten einen rührend, aber umso beeindruckenderen Kontrast zum volkskulturellen Pomp, der in einer Tourismushochburg wie Tirol zum leider inzwischen oft schon fragwürdigen Standard gehört.

Seit der Zeit, als ich dieses Fest in Schweden erleben durfte, ärgere ich mich über unsere mitteleuropäischen Gesellschaften, in denen Feiertage wie etwa Fronleichnam oder Maria Unbefleckte Empfängnis gefeiert werden, ohne dass noch irgendein Normalbürger wüsste, um was es da geht und was da gefeiert wird. Der für einen säkularen Bürger im Prinzip zweitwichtigste Feiertag nach Weihnachten, der Wintersonnenwende, die Sommersonnenwende also wird hingegen schlicht und einfach verpasst. Zutiefst schade!

Natürlich hat sich in gewisser Weise den Termin die immerhin in Sachen Marketing schon immer geniale katholische Kirche in unseren Landen mit ihren Herz-Jesu-Feuern unter den Nagel gerissen. Besonders in Tirol, wo 1796 das Land im Zuge der Bayernkriege dem Heiligen Herzen Jesu geweiht wurde, um davon am Schlachtfeld zu profitieren, was naturgemäß nicht von Erfolg gekrönt war. Dennoch werden bis heute zu dem Anlass gegen Ende Juni Bergfeuer entzündet, was jedoch immer öfter aufgrund von Trockenheit und Waldbrandgefahr untersagt wird. Besonders gefeiert im Tal herunten wird das Fest aber nicht.

Aber auch Adolf Hitler und seine germanischen Mythologen warfen einen begehrlichen Blick auf den Termin und missbrauchten die Sonnwendfeiern am 21. Juni zur Völkischen Vereinigung und dazu, ihre Ideologie, wie es die Katholiken vorexerziert hatten, durch volkskulturelle Riten zu popularisieren.

So steht heute eine der wohl sinnvollsten Gelegenheiten, ein Fest zu feiern, die Freude über den Beginn des Sommers, das neue Warten auf die Gefahren der Überhitzung und die zarte Melancholie, dass jeder Beginn, in diesem Fall des Sommers, auch ein Zeichen für ein beginnendes Ende ist, da von nun an die Tage wieder kürzer werden, von zwei Seiten, vom gegenreformatorischen Katholizismus und vom pangermanischen Hitlerismus, angepatzt da und kommt genau deshalb nicht zu den Ehren, die es verdienen sollte.

Gefragt wären in diesem Fall ein paar agitatorisch durchsetzungsstarke NGOs, die sich der freudvollen Aufgabe widmen würden, das Mittsommerfest als staatlichen Feiertag in unseren Festtagskalender am 21. Juni jeden Jahres einzuführen.

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

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