Alois Schöpf
Internationaler Musikschrott versus
Alpin-Machismo?
Oder:
War es gut, dass Innsbruck
den ESC nicht zugesprochen bekam?
Notizen

Zur Erinnerung: Als die gewählten Herrscher der Landeshauptstadt Innsbruck beschlossen, sich um die Austragung des European Song Contests (ESC) zu bewerben, stand umgehend ein gewisser Thomas Saurer, seines Zeichens ordensbehangener Schützenkommandant und Vorstand der Repräsentationsabteilung des Amtes der Tiroler Landesregierung, auf der Matte und dekretierte, dass eine solche Bewerbung nicht möglich sei, weil zum selben Termin schon seit längerer Zeit das 28. Alpenregionstreffen 2026 von rund 15.000 Schützen aus den Ländern Tirol, Südtirol, Bayern und dem Trentino geplant sei.

Dass auf Basis einer solchen Terminkollision zwischen der urbanen Bobo- und der ruralen Landler-Kultur die Gefahr eines kulturellen Bürgerkriegs abgewendet werden konnte, ist dem Umstand zu verdanken, dass Wien für den ESC den Zuschlag bekam, wobei sich aus heutiger Sicht klar herausstellt, dass alle diejenigen, die damals schon hofften, dass dieser Kelch an Tirol vorüber gehen würde, im Nachklang Recht behalten haben.

Denn obgleich sich der ORF auf all seinen Kanälen im besten postsowjetischen Stil bemühte, der Bevölkerung den ESC als Jahrhundert-Ereignis einzureden, erwies sich das Spektakel bei genauerem Hinsehen als ein mit unglaublichen elektronischen Tricks aufgeblasenes Nichts, dessen hauptsächliche Nebenwirkung darin bestand, dass sich einigermaßen gebildete Musikfreunde (gilt auch für Freundinnen) wehmütig nach einem 30-sekündigen Ausschnitt aus einer Mozart-Arie oder einem Beatles-Song sehnten, deren musikalische Substanz sämtliche aus der Kommerz-Jauche zusammengestoppelten Beiträge des European Song Contests übertreffen.

Aus dieser Perspektive ist es durchaus erfreulich, wenn die jedem internationalen Blödsinn hinterher laufenden Innsbrucker Stadt-Politiker und Stadt-Touristiker leer ausgingen und schöne Bilder von der Tiroler Landeshauptstadt, die ohnehin ununterbrochen von hirnlosen Besuchern überquillt, nicht für noch mehr Nachschub an solchem Gästematerial sorgten.

Das konservative Leben aus der Sicht der KI

Andererseits muss eingeräumt werden, dass der kulturelle und geistige Beitrag des heimischen Schützenwesens im Vergleich zur musikalischen Substanz des ESC keineswegs höher zu veranschlagen ist. Denn was soll eine behauptete Wehrhaftigkeit, die mit anachronistischen Requisiten nur vorgetäuscht ist, und was soll das Bekenntnis zu einer Tradition, die sich auf das Tragen einer schönen Tracht und den gemeinsamen Konsum von Bier reduziert, dessen falsch kalkuliertes nephrologisches Bearbeitungstempo am Ende des Festumzugs Teile des Stadtteils Saggen in ein öffentliches Urinal verwandelte.

Wenn trotz alledem dem Aufmarsch der angeblich bis zu 15.000 Schützen und ihren Marketenderinnen im Zeitalter von LGBTQ dennoch ein eindeutiges Verdienst zugesprochen werden muss, so ist es die Tatsache, dass hier im Design teils hervorragender Kostümbildnerinnen einem konservativen Männerbild und seinem von der eigenen Schönheit berauschten Selbstverständnis, in das sich offenbar nicht wenige ansehnliche junge Frauen miteingeschlossen fühlten, die Bühne geboten wurde.

So schwer oder gar unmöglich es ist, eine Glücksbilanz zwischen verschiedenen sich nicht nur widersprechenden, sondern sich gegenseitig geradezu denunzierenden Lebensentwürfen zu errechnen, so unbestritten ist: Alles, was heute als konservativ gilt, wird öffentlich denunziert. Das klassische Männerbild wird mit Gewalt verbunden, die Rolle der Hausfrau und Mutter mit dem Opferstatus der Unterdrückung, eine mit Autorität unterlegte Erziehung mit der Traumatisierung des Kindes. Der Traum vom eigenen Haus mit Garten inklusive Hollywood-Schaukel gilt als Gipfel der als Seuche denunzierten Verhüttelung und kulturell als Ausdruck eines überholten Spießertums.

Seit Jahrzehnten bleibt ausgeblendet, dass diese Art von konservativem Lebensstil, wenn er von freien Bürgern und freien Bürgerinnen gewählt wird, nicht nur über hohe Glückspotentiale verfügt, sondern auch Menschen formatiert, die über Handschlagqualität verfügen, den Ehrgeiz haben, die ihnen gestellten Aufgaben korrekt auszuführen, die sich hilfsbereit und vertragstreu auch in ihrem Privatleben verhalten und die als Leistungsträger oft jenen Wohlstand produzieren, von dessen Früchten die intellektuellen Prediger des guten, im Gegensatz zum falschen Leben zehren können.

Erstaunlich in diesem Zusammenhang ist auch, dass die in Folge der sogenannten 1968-er Revolution verweigerte Anerkennung des konservativen Lebensstils inzwischen nicht nur zu einem Erstarken rechter Parteien geführt hat, sondern auch zu einer geradezu grotesken Schwemme an massenmedialen Produkten, die sich mit dem angeblich einfachen Leben am Lande und mit in wüstem Dialekt verpackten Lebensweisheiten befassen, die jedoch durch die Sicht aus städtischen Regieaugen oft zur kitschigen Idylle verkommen.

Dennoch signalisieren all diese Sendungen die offenbar nicht zu leugnende Erkenntnis weiter Teile der vor allem ländlichen Bevölkerung, dass im Konservativen Lebensvarianten enthalten sind, deren merkbare Würdigung ein breites Publikum wünscht: das reicht von der Volksmusik über das Kochen mit heimischen Bioprodukten bis hin zur Einstellung gegenüber den Tieren und der Natur überhaupt. Vor diesem Hintergrund ist der massenhafte Aufmarsch der Schützen der Alpenregionen also durchaus als wenn auch schräges, um nicht zu sagen queeres politisches und lebenskulturelles Statement einzustufen.

Womit zum ESC zurückgekehrt werden kann: Seine Würdigung hat in den letzten Wochen, wie schon erwähnt, belästigende Ausmaße angenommen, wohingegen die Schützen sich mit wenigen Minuten der Berichtserstattung im monopolstaatlichen Fernsehen begnügen mussten, was bedeutet, dass ihre Botschaft von den derzeit an der Macht befindlichen österreichischen Medieneliten als nicht relevant eingestuft wird. 

Etwa ganz im Gegensatz zum Bayerischen Fernsehen, das den Festumzug anlässlich des Oktoberfestes in voller Länge überträgt, und dies, obgleich die Eröffnung eines gigantischen Saufgelages wohl nicht das ähnliche zivilisatorische Niveau aufweisen kann wie der Aufmarsch der Schützen, der von Maximilian I über die Bayerischen Kriege, die Erhebung Tirols unter Andreas Hofer, die Zeit der Restauration und der Nationalsänger bis hin zum Ersten Weltkrieg und der Teilung Tirols, der Option und der Südtirol-Autonomie inklusive Feuernacht auf eine lange Geschichte verweisen kann.

Das war früher einmal ganz anders. Da wurden traditionelle Jubelfeiern etwa anlässlich eines Andreas Hofer Gedenkens oder eines Jubiläums der heimischen Blasmusikszene österreichweit und live im Fernsehen übertragen. Es wäre ein interessantes Thema im Rahmen einer medienwissenschaftlichen Untersuchung, weshalb diese Übertragungen immer billiger und zuletzt überhaupt eingestellt wurden und die nachwachsenden Generationen der in den Medien Beschäftigten sich zunehmend einem linksgrünen Priestertum verschrieben und verschreiben, das mit dem schützen- und blasmusikbewehrten Ausdruck gegenreformatorischer Katholizität abseits seiner Woodstock-der-Blasmusik-affinen Kommerzialisierung wenig anfangen kann.

In diesem Sinne war denn auch die Konkurrenz des ESC zum Aufmarsch der Schützen, die mediale Huldigung des einen und die Missachtung des anderen ein getreues Ebenbild unserer derzeitigen gesellschaftlichen Verhältnisse. Sie treiben unweigerlich auf einen Konflikt zu, wenn, um es einmal ganz staatstragend zu formulieren, die gegenseitige Verachtung von Lebensentwürfen nicht nur durch eine stets verlogene Toleranz, sondern durch eine authentische Neugier im Hinblick auf die entscheidende Frage eines jeden und einer jeden ersetzt wird: Wie lebe ich richtig?


Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.


Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen

Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Lisa Mayer

    So sehr die linke Kulturelite heute den Ton im wahrsten Sinne des Wortes angibt, die Kehrseite der Medaille ist, dass der Konservative und der Liberale (ebenfalls seitens neuer Linker zum Feind erkoren) zwar viel Gegenwind erfährt, aber gleichzeitig sich in der avantgardistischen Rolle des Rebellen wiederfindet. Manch einem Bürgerlichen vermochte das zu Beginn paradox und nicht ganz geheuer sein, geht es doch eigentlich gegen seine Natur. Aber ich finde, er findet sich in dieser Rolle immer besser zurecht, wird immer selbstbewusster und macht der Kulturelite langsam klar, wie träge und reaktionär sie geworden ist. Der Konservative wurde zum Avantgardisten und vice versa, von daher, ja tatsächlich, das queerere Event fand in Tirol statt, und nicht in Wien.

Schreibe einen Kommentar