Alois Schöpf
Innsbruck bewirbt sich
um die Ausrichtung des Eurovision Song Contest 2026.
Eine gefährliche Drohung
Notizen

Unsere geliebte, kleine und zuweilen auch kleinkarierte Landeshauptstadt möchte so gern eine Weltstadt sein! Daher war es unausweichlich, dass der auch sonst flinke Bürgermeister Johannes Anzengruber beim ORF auf der Matte stand, kaum dass das letzte, entscheidende Voting für unseren Staatsoperncountertenor Johannes Pietsch abgegeben war, um Innsbruck als Austragungsort für den ESC 2026 ins Spiel zu bringen.

Nun bedarf es in einer Zeit, in der es für viele Bürger zur Lieblingsbeschäftigung gehört, sich dadurch wichtig zu machen, dass man prinzipiell dagegen ist und all jenen, die für etwas sind, Verantwortungslosigkeit vorzuwerfen, schon gewichtiger Gründe, in den Chor der Miesmacher miteinzustimmen. 

Leider sind solche Gründe in Sachen Innsbruck jedoch äußerst schwerwiegend.

1.
Noch aus den Tagen der Olympischen Spiele blieb uns oberhalb von Igls eine Bob- und Rodelbahn erhalten, deren weitere Existenzberechtigung sogar von höchsten Funktionären der Bobfahrer- und Rodler-Vereine bestritten wird. Das ändert nichts daran, dass die Bahn inzwischen bei gleichzeitig üblicher Kostenüberschreitung aus den Budgets von Stadt, Land und Bund um 30 Millionen Euro saniert wird, was ferner bedeutet, dass dieses absolut unnötige Bauwerk nun noch weitere Jahrzehnte durchsubventioniert werden muss.

2.
Anlässlich der Fußball-EM 2008 in der Schweiz und in Österreich wurde ein Fußballstadion gebaut, dessen um weitere hohe Beträge reduzierte, aber immer noch größenwahnsinnige Variante nun schon seit Jahren ungenutzt herumsteht und zumindest die Bewohner des südöstlichen Mittelgebirges täglich beim Vorbeifahren an das bittere Faktum erinnert, dass Tirol allein schon aus finanziellen Gründen immer hinterste Fußball- Provinz bleiben wird. 

Natürlich wagt das keiner unserer marketingversklavten Politiker laut zu sagen und daraus die berechtigte Folgerung zu ziehen, den ganzen Krempel abzureißen und an der Stelle dringend benötigte Wohnungen zu errichten.

3.
Nicht vergessen werden darf an dieser Stelle auch die Straßenrad-Weltmeisterschaft 2018, die ein sattes Defizit von 12,5 Millionen Euro erwirtschaftete, ein Betrag, der jedoch umgehend aufgrund der Ausstrahlung schöner Bilder aus unserem Land bei zufällig schönem Wetter im Zuge der Übertragungen von den dafür engagierten Marketingschwätzern in einen Wertschöpfungsgewinn von 40 Millionen uminterpretiert wurde.

4.
Über die Begleichung der Schulden, welche die Nordische Ski-WM 2019 in Seefeld verursacht hat, wird heute noch gestritten und stürzte die Gemeinde in ein Schuldendebakel, das so dramatisch ist, dass dagegen nicht einmal das virtuoseste Marketinggerede ankam und die Gemeinde zeitweilig sogar bürgermeisterlos dastand.


Bilanz

Innsbruck war zweimal Austragungsort der Olympischen Winterspiele: In den Jahren 1964 und 1976. Zusätzlich zu diesen beiden erfolgreichen Austragungen tätigte oder plante die Stadt mehrere Bewerbungen, allerdings erfolglos: Im Jahr 1988 erhielt Calgary in Kanada statt Innsbruck den Zuschlag. Im Jahr 2010 wurde wieder breit über eine Bewerbung diskutiert, sie erfolgte dann aber doch nicht. Im Jahr 2016 wurde ein neuer Anlauf genommen, dieser jedoch durch einen negativen Volksentscheid der Tiroler im Oktober 2017 gestoppt. 

Seither hat es zum Glück keine Stadtregierung mehr gewagt, eine weitere olympische Schnapsidee auszupacken, wie ja überhaupt der Haussegen über sportlichen Großevents aufgrund chronischer Budgetdebakel schief hängt.

Ganz klar, dass daher der Eurovision Song Contest wie eine Erlösung aus der Schmach der Bedeutungslosigkeit am Horizont aufgetaucht ist und unbedingt nach Innsbruck geholt werden muss. 

Und weil solche Großereignisse, wie man inzwischen weiß, stets Bauwerke zur Folge haben, für die es später bei hohen Erhaltungskosten nur eine äußerst überschaubare Verwendung gibt, ist davon auszugehen, dass die derzeitige ohnehin weitgehend ungenutzte Olympiahalle generalsaniert und um einige Schikanen erweitert werden wird, auf dass der Hang der Landeshauptstadt zu Höherem auch hier in Form von neuen De-facto-Ruinen bzw. Schulden seinen zeitgeschichtlichen Niederschlag findet.

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. c. h. huber

    ich gestehe, in dieser sache zwiespältig zu sein. aber was die olympiahalle betrifft, behaupte ich, wir brauchen die und sie ist längst ort verschiedenster veranstaltungen geworden, die es in einer stadt von der größe innsbrucks einfach geben muss, um die bürgerInnen bei laune zu halten. ob auch diesen esc – der mir persönlich absolut ausgeufert erscheint und mich kalt lässt – das bezweifle ich, vor allem in anbetracht der schulden, die uns solche großevents letztendlich eingebracht haben. noch mehr bekanntheit in vielen ländern bestimmt aber doch. also wie gesagt, ambivalenz hoch 3.

  2. Otto Riedling

    Wozu sich aufregen???? Es wird ja sowieso nichts damit.

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