Alois Schöpf
Im Mastdarm des Publikums
Der ORF Tirol jubelt über seinen Marktanteil.
Notizen
Rechtzeitig während der Regierungsverhandlungen, im Zuge derer dem ORF eine Abmagerungskur droht, veröffentlichte das Landesstudio Tirol groß aufgemacht und mit Stolz die neuesten Zahlen über seinen Anteil am heimischen Radiomarkt. Danach gelang unserem staatlichen, mit Zwangsabgaben finanzierten Heimatradio eine Steigerung bei den über 35-jährigen Zuhörern, der Kernzielgruppe, um 2 Prozent auf 26 Prozent bei einem Marktanteil insgesamt von 20 Prozent.
Dieser geringfügige Zuwachs veranlasste die Direktorin des Landesstudios Esther Mitterstieler zur Feststellung, dass die Zahlen belegen würden, wie wichtig Radio Tirol für die Tirolerinnen und Tiroler sei. Und das, obgleich offenbar 80 Prozent der Bevölkerung den Sender ignorieren. Der Programmchef Timo Abel-Benini wiederum stellte fest, dass sich sein Team dafür einsetze, die Tirolerinnen und Tiroler gut gelaunt und gut informiert durch den Tag zu begleiten.
Diese Zufriedenheit unserer heimischen MedienhofräteInnen hat allerdings einen Haken. Sie hat nichts mit dem gesetzlichen Auftrag zu tun, dem der ORF unterliegt und im Rahmen dessen die statistischen Erfolgsfaktoren Quote oder Marktanteil keinerlei Rolle spielen. Der ORF ist vielmehr laut Gesetz daran zu messen, inwieweit er seinem Publikum umfassende Information, kulturelle Förderung, Bildung, Wissenschaft und Unterhaltung mit Qualität zu bieten imstande ist.
An diesen Aufgaben scheitern Radio Tirol, aber auch Tirol heute derzeit komplett. Die sogenannte Information des Senders ist fern jeder kritischen Analyse und reportiert am liebsten ÖVP-kompatibel die Flatulenzen von Murmeltierkolonien. Die Dramaturgie orientiert sich an Anbiederung statt an Impulsen, an Stromlinie statt an Gegenstom und an miefigen Klischees statt an intellektueller Frischluft. Hauptmeldung vom 04.02.2025: Ein LKW-Fahrer aus Tschechien verirrt sich in Scharnitz auf die Ski-Loipe. Echt? So etwas ist eine Nachricht? Man muss für derlei Blödsinn allerdings sogar dankbar sein, denn meist bestehen, sowohl im Radio als auch im Fernsehen, Informationssendungen aus penetrantem Sportgeschrei, sofern der Rest der Sendezeit nicht gerade mit breitenkulturellen Human Touch Stories zugemüllt wird.
Nicht vergessen werden sollte auch die peinliche Anbiederung der Moderatorinnen und Moderatoren am Ende von Tirol heute, wenn sie doch tatsächlich Sprüche wie Alles Liebe so anzüglich von sich geben, dass man meinen könnte, sie würden unmittelbar nach der Sendung einem ganz anderen Beruf nachgehen. Und nicht zu vergessen ein Identitätsgetue mit dem Begriff Tirol, das über das hundertfach wiederholte Radio Tirol, besser informiert im Unsinn des sogenannten Tirolwetters gipfelt.
Richtig müsste es heißen: Das Wetter in Tirol. Aber was tut man nicht alles, um dem landlerischen Publikum die Erkenntnis nahe zu bringen Bisch a Tiroler, bisch a Mensch, bisch koaner, bisch a Arschloch, die tägliche Selbstbeweihräucherung, auf Basis derer noch kein einziges wichtiges Problem gelöst wurde, dafür jedoch der Opferstatus des Volkes im Herz der Alpen etwa in Sachen Transit oder Overtourism zum pervers narzisstischen Tagesvergnügen aufstieg.
Bei den Worten Kultur und Wissenschaft kann ein Mensch meines Alters ohnehin nur noch von Zuckungen nostalgischen Schmerzes geplagt werden. Kein Wunschkonzert, über das sich früher Generationen der Klassik annäherten. Natürlich auch kein Klassikkonzert mehr, wie es dereinst nach 16.00 Uhr üblich war. Ganz abgesehen von ORF-finanzierten Eigenproduktionen, die zum Beispiel noch unter der Leitung eines Othmar Costa als CD-Editionen mit zeitgenössischen Kompositionen herausgegeben wurden.
Kaum noch Hörspiele und wenn, dann aus der immer gleichen Clique inklusive Gegengeschäfte. Kaum noch Lesungen von Autoren. Und natürlich schon längst kein Südtirol an Etsch und Eisack mehr, eine Sendereihe, die uns konform zur Präambel der Tiroler Landesverfassung fundiert über die Vorgänge beim südlichen Nachbarn informiert hat. Vergeblich wird man auch regelmäßige essayistische Beiträge suchen, wie es dereinst Hömbergs Kaleidophon war, und nicht zu vergessen die teilweise qualitativ unglaublich schlechten Volksmusik- und Blasmusiksendungen, bei denen sich früher die Vorstände der entsprechenden Dachverbände um Fortbildung bemühten, heute geht es nur noch um Bespaßung auf dem Weltläufigkeitspegel eines Franzl Posch und seines langjährigen Freunderlkreises, von denen noch keiner und keine jemals ein Ausschreibungsverfahren im Hinblick auf innovative Fähigkeiten überstehen musste.
Apropos Bespaßung: Wenn schon sie und ihre Schwester, die Quote, dem gesetzlichen Auftrag widersprechend, das Ziel aller Bemühungen von Radio Tirol sein sollten, kann nicht unerwähnt bleiben, dass selbst in diesem Punkt die gesetzliche Forderung nach Qualität und qualitativ hochwertiger Unterhaltung rücksichtslos missachtet wird.
Die dem Sender vorgeschriebenen Musikflächen sind akustischer Sondermüll, die Reimkünste der volkstümlichen Alpinbarden Live-Kabarett, die verbindenden Moderationen anbiedernd, besonders dann, wenn immer wieder auf einen sogenannten religiösen Jahreskreis verwiesen wird, demgemäß sich die Bevölkerung in die jeweils vorgeschriebene Tracht zu werfen und ihre Festtagsfahnen in den Wind zu hängen hat. Ganz abgesehen davon, dass die meisten Moderatorinnen und Moderatoren im Unterhaltungsbereich der deutschen Sprache in gleicher Weise nicht mächtig sind, wie es Tirol heute seit Jahrzehnten nicht geschafft hat, für die Wettervorhersage Leute zu engagieren, die nicht jeden Abend entweder ein Fest der sprachlichen Stilblüten oder der vor Eitelkeit flatternden Körpersprache abliefern.
Dass dieses ganze, katastrophal missglückte und dem Rundfunkgesetz widersprechende Programm doch noch von 20 Prozent der Bevölkerung zur Kenntnis genommen wird, hängt schlicht und einfach mit der immer noch nachwirkenden ehemaligen Monopolstellung des ORF und damit zusammen, dass das Landesstudio durch die erzwungene Haushaltsabgabe trotz dauernden Gejammers über Geldknappheit in Wahrheit im Geld schwimmt.
Immerhin können damit 136 Personen bezahlt werden, von denen etwa über 90 fix angestellt sein dürften und im Durchschnitt laut Statistik in Bezug auf die ORF-Gehälter an die 91.000 € pro Jahr verdienen. Genauere Zahlen werden aus nachvollziehbaren Gründen wie ein Geheimnis gehütet.
Soviel kann jedoch gesagt werden: Papa und Sohnemann Fellner würden ein in Sachen Anbiederung zweifelsfrei besseres Programm sicherlich mit dem Bruchteil jener aufgeblasenen Mannschaft produzieren, für die es nur dann den Ansatz einer Rechtfertigung gäbe, wenn 24 Stunden am Tag tatsächlich und korrekt der oben beschriebene gesetzliche Auftrag erfüllt und eine TV-Nachrichtensendung produziert würde, die dieser Bezeichnung auch entspräche.
Vor diesem Hintergrund ist es jedenfalls ein Gebot der Stunde, sämtliche Landesstudios, in denen es im Übrigen überall gleich zugehen dürfte, auf einen einzigen Hörfunk-Kanal zu vereinigen, den in gesunder Konkurrenz die neun Bundesländer zu beschicken hätten. Die Fernsehsendungen aus den Regionen wiederum sollten, bei durchaus verlängerter Sendezeit, mit Beiträgen aus allen neun Bundesländern, wie es früher üblich war, in einem neuen Österreichbild zusammengefasst werden. Dies hätte zur Folge, dass das Publikum nicht weiterhin im Sumpf der Nicht-Ereignisse ihres jeweiligen Bundeslandes verkommen müsste, sondern wieder etwas von den anderen Bundesländern und den dort gewälzten Ideen erfahren würde.
Das Einsparungspotenzial, die Bundesländerstudios im Sinne dieser Entschlackungskur abzuschaffen bzw. um 80 Prozent zu reduzieren, wäre gigantisch. Ganz abgesehen davon, dass sich durch die dadurch frei gewordenen Werbegelder eine rentable privatwirtschaftliche Radio- und vielleicht sogar Fernsehlandschaft entwickeln könnte.
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Ich stimme dir zu, was das TIROL HEUTE betrifft, da ist für mich jedenfalls viel zu viel Sport, für die ohnehin immer kürzer werdende Sendezeit! Als ich das mal per Mail an das Landesstudio monierte, bekam ich nur die flapsige Antwort, dass das die Leute eben am meisten schauen wollten. Also Populismus, bei dem der ORF sonst ja immer so wehleidig ist! Auch Ö1 ist in den letzten Jahren immer schlechter geworden, und man hat oft das Gefühl, dass der Sender ausgehungert werden soll. Das fängt schon bei den ständigen Versprechern in den Nachrichtensendungen an, wo ich manchmal das Gefühl habe, dass das gar keine ausgebildeten Sprecherinnen und Sprecher sind, die uns da jeden Tag die Nachrichten präsentieren.
Ich kann ja verstehen, dass man sich oft bei schwer auszusprechenden Wörtern oder ungewohnten Namen versprechen kann, aber sich oft bei einfachen Sätzen schon in der Moderation zu verstolpern ist einfach kein guter Stil. Früher gute und spannend gemachte Sendungen wie DIAGONAL sind meistens zu Transgender-Wokeness-Magazinen verkommen, oft auch Wiederholungen. Kaum mehr etwas Kritisches gegen den allgemeinen Mainstream.
Das RADIOKOLLEG ist meist zu einer Lebensratgeber-Sendung geworden. Ähnlich schlecht steht es um die Literatur, vor allem um die Gegenwartsliteratur im ORF. Hörspiel nur mehr einmal die Woche, und da oft Wiederholungen. Die Sendungen TEXTE AUS ÖSTERREICH ersatzlos gestrichen. Um 11 Uhr vormittags eine halbe Stunde Lesung, meistens aus schon lange bekannten und erschienenen Büchern. Wobei ich mich frage, wer hat um diese Tageszeit Zeit, sich eine halbe Stunde lang der Literatur zu widmen? Wohl mehr eine Alibi-Sendung. Ja, somit belasse ich es erst mal.
Beschimpfungen sind das Eine, konstruktive Kritik und Vorlage eines Gegenkonzepts sind das
Andere. Ich erwarte mir von Hr. Schöpf – und anderen Kritikern – einen attraktiven Gegenvorschlag,
was das Programm betrifft.
Wenn Sie mir 200.000 Euro bezahlen, mach ich das gern und bestens.
Herzliche Grüße
A. Schöpf
Der richtige Weg wird vom argentinischen Präsidenten Milei vorgezeigt, die staatliche Fluggesellschaft den Angestellten zu schenken. Schenkt den ORF den Angestellten und die Sache ist erledigt.
Milei wollt die Fluglinie aus Kostengründen vom Hals haben. Das ist der wahre Hintergrund.
Das ist es ja. Ich will ihn auch aus Kostengründen verschenkt haben. Ich habe keine Lust, zu bezahlen, was ich nicht bestellt habe und auch nicht brauche.