Alois Schöpf
Hochkultur, nein danke!
Woodstock der Blasmusik, ja bitte!
Vorverkaufsanalyse
Die Vorverkaufszahlen der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die man über den Ticketverkauf im Internet leicht mitverfolgen kann, zeigen Erstaunliches. Ausgerechnet jene Orchester, die auf einer altehrwürdigen, immer noch massiv subventionierten Blasmusiktradition aufbauen und deretwegen die Konzertreihe eigentlich gegründet wurde, stoßen beim Publikum auf das geringste Interesse.
So stehen zahlreichen Abenden, die von den gerade noch feuerpolizeilich erlaubten 1.400 Zuhörern besucht werden, Abende mit nur 300 Personen gegenüber. Nicht einmal die Lokalmatadore, wie etwa letztes Jahr die Stadtmusikkapelle Innsbruck Wilten oder heuer die Swarovski Musik Wattens, füllen die Ränge, auch nicht die renommierte Sächsische Bläserphilharmonie, und schon gar nicht das Blasorchester der Voest Alpine, das Sinfonische Blasorchester Retz oder die Bürgerkapelle Gries bei Bozen, eine der besten Formationen Südtirols.
Die Idee der Innsbrucker Promenadenkonzerte war es, die traditionelle Rolle der altösterreichischen Blas- und Bläsermusik erneut aufzugreifen und, wie es schon zu Zeiten Mozarts üblich war, die klassische Kunst- und Unterhaltungsmusik in Bläserfassungen bei Serenaden einem breiten Publikum zugänglich zu machen.
Zugleich sollten dabei auch jene Werke gewürdigt werden, die in Auseinandersetzung mit der Musik der großen Komponisten entstanden sind, zu zahlreichen eigenständigen, an den ästhetischen Kriterien der Kunstmusik orientierten Kompositionen geführt haben und die heute als das Weltkulturerbe der altösterreichischen Militär- und Blasmusik angesehen werden.
Ganz in diesem Sinne sollten die Innsbrucker Promenadenkonzerte einerseits dem städtischen Publikum den Reiz der traditionellen Blasmusik auf höchstmöglichem Niveau und andererseits den Musikerinnen und Musikern unserer Musikkapellen die Schönheit der klassischen Musik und der Unterhaltungsmusik des 19. Jahrhunderts näher bringen und sie davon überzeugen, dass man mit dieser unverwechselbaren österreichischen Musik bei Einheimischen, vor allem jedoch auch bei Tirols Gästen erfolgreich sein und Ansehen gewinnen kann. Letzteres vor dem Hintergrund, dass die meisten sogenannten Platzkonzerte in den Gemeinden von den Tourismusverbänden finanziert werden.
Der Versuch, eine solche musikalische Brücke zwischen Klassik und Volks- bzw. Breitenkultur zu bauen und damit bei niederschwelligem Zugang der gesellschaftlichen Spaltung zwischen Stadt und Land zumindest musikalisch entgegenzuwirken, ist bis heute nicht geglückt und vielleicht überhaupt zum Scheitern verurteilt. Die Zahlen scheinen es jedenfalls nahe zu legen.
Die Gründe hierfür dürften so einfach wie deprimierend sein
1.
Die meist ziemlich gebildeten Liebhaber und Liebhaberinnen der klassischen Musik erwarten von Theater- oder Konzertaufführungen höchste Professionalität. Sie erwarten zudem nach oft jahrzehntelanger Hörerfahrung komplexe Werke, die sich nicht sofort erschließen, und sie erwarten nicht zuletzt klingende Namen von Dirigenten und ausübenden Künstlern.

Weltstar Christian Thielemann im Innenhof der kaiserlichen Hofburg
Der Besuch von Veranstaltungen, welche diese Bedingungen erfüllen, hat eben nicht nur ein Genuss zu sein, sondern darüber hinaus Distinktionsgewinn abzuwerfen, wozu auch hohe Eintrittspreise gehören, wie sie zum Beispiel bei den Salzburger Festspielen üblich sind.
Der noch so große Genuss von Hochkultur hat nämlich auch auf die Selbstversicherung des Publikums hinauszulaufen, wenn schon nicht durch Geld, so durch kulturelles Kapital zu den gehobenen Kreisen der Gesellschaft zu gehören, ein Begehren, das in besonderer Weise auf die Damen und Herren der Kulturberichterstattung zutrifft, die sehr oft in prekären oder kleinbürgerlichen Verhältnissen leben und umso mehr darauf angewiesen sind, sich bei zugleich lächerlichen Honoraren anlässlich von Opernpremieren als der Oberschicht zugehörig zu fühlen.
Aus all diesen Gründen ist es verständlich, dass noch so brillant aufspielende, aus Amateuren bestehende Musikkapellen, die sich oft zur Aufbesserung ihres Status´ Sinfonisches Blasorchester nennen, nur auf ein überschaubares Interesse stoßen. Ihre Darbietungen entsprechen weder den üblichen Anforderungen an Professionalität, noch können sie mit berühmten Dirigenten oder berühmten Solisten aufwarten. Und sie sind auch meist nicht in der Lage, befriedigend komplexe Kompositionen zu präsentieren, wobei es zuletzt durch den niederschwelligen und billigen Zugang zu ihren Konzerten auch mit dem Distinktionsgewinn schlecht ausschaut.
Dass sich all diese Elemente in einer Kulturberichterstattung niederschlagen, die seit Jahren etwa die Innsbrucker Promenadenkonzerte ignoriert oder nur äußerst lieblos behandelt, wohingegen über jede noch so kleine Avantgarde-Petitesse ausführlich berichtet wird, ist die logische Folge. Sie wird nur dann außer Kraft gesetzt, wenn etwa ein Weltstar wie Christian Thielemann sich freundlicherweise bereit erklärt, ein zumindest semiprofessionelles Blasorchester, jenes der Kunsthochschule Mozarteum Salzburg, zu dirigieren. Der große Name ist mit Distinktion verbunden und weckt daher auch gegenüber Bläsermusik Interesse.
2.
Der Werkkanon der altösterreichischen Blasmusik entstand in einer Zeit, in der es noch keinen Unterschied zwischen E und U gab und etwa ein Komponist wie Johannes Brahms dem damaligen Star der Unterhaltungsmusik Johann Strauß große Hochachtung entgegenbrachte.
Diese Einheit der abendländischen Musik wurde durch die Zweite Wiener Schule, gemeinhin auch als Zwölftonmusik bezeichnet, die beispielhaft beim sogenannten Watschenkonzert am 31. März 1913 im Musikvereinssaal in Wien ihren paradigmatischen Einstand feierte, aber auch durch die Erschütterung zweier Weltkriege radikal beendet.
Übrig blieb eine Musiklandschaft, in der die Trennung zwischen Kunstmusik, die heute in staatlich subventionierten Claims fernab vom Publikum dahinvegetiert, und einer Unterhaltungsmusik, die durch Anbiederung an den Publikumsgeschmack zur reinen Geldmaschine geworden ist, radikal vollzogen wurde und nur von ganz wenigen Komponisten wie etwa Dimitri Schostakowitsch, Leonhard Bernstein, John Lord oder Nino Rota in einigen ihrer Werke überwunden werden konnte.
Diese besonders für den deutschsprachigen Bereich strikte Trennung der Musikwelt in E und U führte nicht zuletzt im Bereich der traditionellen Blasmusik zu einer fast nicht auflösbaren Identitätskrise, die bis heute anhält.
Die Hierarchie, gemäß der sich die Blasmusik des 19. Jahrhunderts noch der hohen Kunstmusik, wie sie ein Mozart, Schubert, Bruckner oder zuletzt Gustav Mahler definierten, unterordnete, existiert nicht mehr. Die ausschließliche Liebe zur kommerziellen Unterhaltungsmusik, ob sie nun ihr Material aus der Volksmusik, wie die Egerländer sie verwenden, oder aus der von Jazz und Pop dominierten internationalen Unterhaltungsmusik bezieht, gilt nicht mehr als Ausdruck musikalischer Nachrangigkeit, sondern als klingender Ausweis breitenkulturellen und meist ländlichen Selbstbewusstseins, wie es beim Festival Woodstock der Blasmusik stunden- und tagelang von der Bühne dröhnt und vom staatlichen Fernsehen als ultimative Publikumsanbiederung übertragen wird.
3.
Aufgrund dieser Entwicklung ist die gesamte Blasmusikbewegung eingespannt zwischen einerseits den mehrheitlichen Sehnsüchten ihrer Vereinsmitglieder, die am liebsten Bearbeitungen von ABBA oder Taylor Swift oder den hunderttausendsten Aufguss einer böhmischen Polka einstudieren würden, und andererseits einer Identitätspolitik, Dachverbänden, Musikschulen und Dirigenten, die sich verpflichtet fühlen, die erheblichen Subventionen, mit denen die Blasmusikbewegung unterstützt wird, doch noch mit einem gewissen Kulturauftrag zu verbinden.
Dabei wird, angeblich um die Jugend nicht zu vergraulen, die einzig korrekte musiksoziologische Verortung der Blasmusik als einer historischen Orchesterform, abgesehen von kirchlichen und weltlichen Verpflichtungen mit ihren alten Messen und Märschen, nie ernsthaft in Betracht gezogen. Die der altösterreichischen Musiktradition zurechenbaren Werke verschwinden vielmehr zunehmend aus den Programmen und lassen das Publikum ratlos mit der Bemerkung zurück: Nicht einmal einen Marsch haben sie gespielt!
Ausnahmen bilden hier bestenfalls Vereine wie die Original Tiroler Kaiserjägermusik, die k.u.k. Postmusik Tirol oder die Original Hoch- und Deutschmeister aus Wien. Sie konzentrieren sich in ihren Programmen auf Altösterreich und sind auch dementsprechend erfolgreich.

Die Magie des Ortes: Der ausverkaufte Innenhof der kaiserlichen Hofburg
Die meisten anderen Blasorchester versuchen jedoch trotz radikal veränderter Rahmenbedingungen den bisherigen traditionellen Weg fortzusetzen, in ihren Konzerten dem Publikum sowohl die Unterhaltungs-, als auch die Kunstmusik der Gegenwart in Bläsertranskriptionen oder als Originalkompositionen zu präsentieren. Dass daran bestenfalls die jeweiligen Verwandtschafts- und Freundeskreise Interesse haben, ergibt sich aus der Tatsache, dass im Zeitalter der allgegenwärtigen Abrufbarkeit von hochprofessionell performter Musik die meisten Transkriptionen von aktueller Unterhaltungsmusik schon allein deshalb nur grotesk ausfallen können, weil sie sich für eine Bläser-Bearbeitung aufgrund ihrer Original-Instrumentation (z.B. drei Gitarren, Drums, Chorus Damen und Solosänger) in keiner Weise eignen. Wer will sich das ernsthaft bei einem Konzert anhören?
Noch schlimmer wird es jedoch beim Versuch, zeitgenössische Musik in einer Zeit aufzuführen, in der die hochoffiziell als solche anerkannte zeitgenössische Musik, wie bereits erwähnt, abgesehen von ein paar Freaks ihr Publikum längst verloren hat. Es ist ein fragwürdiger Trost, dass dadurch im Amateurbereich plötzlich Platz für eine Pseudo-Moderne frei wurde, auf dem sich Komponisten versammeln, die mit ihrer trivialen epigonalen symphonischen Schlagermusik den Orchestern die Selbsteinschätzung ermöglichen, sich trotz Tracht und Instrumentalisierung durch konservative Politik auf der Höhe der Zeit zu befinden. Sollte, selten genug, eines dieser zeitgenössischen blasmusikalischen Originalwerke tatsächlich substantiell ausfallen, so ist davon auszugehen, dass es von den meisten Amateurblasorchestern weder technisch noch künstlerisch bewältigt werden kann.
Womit wir zuletzt bei der Beantwortung der Frage angelangt sind, weshalb die Konzerte noch so engagierter und gut aufspielender traditioneller Musikkapellen und Blasorchester nicht nur auf wenig Interesse beim städtischen Publikum, sondern auch bei den Blasmusikanten selbst stoßen: Sie sind schlicht und einfach nicht neugierig darauf, ihren Kollegen und Kolleginnen dabei zuzuhören, wie sie sich an der zeitgenössischen Unterhaltungsmusik und am Kulturauftrag ihrer Dirigenten und Subventionsgeber abarbeiten. Selbst zu dudeln reicht ihnen.
Zugleich ist ihnen jedoch aufgrund der unbedingten Sehnsucht, als modern zu erscheinen, obgleich sie in Wahrheit stockkonservativ sind, der Weg in die Vergangenheit und zum Selbstverständnis verbaut, eigentlich Mitglied in einem Orchester für alte Musik zu sein. Daher interessiert sie nicht einmal die Blasmusik der Münchener Philharmoniker, die mit Liebe und Professionalität aufzeigen, wie schön ein Programm mit dieser alten Musik sein kann. Dass dies im 31. Jahr der Innsbrucker Promenadenkonzerte noch immer nicht begriffen wurde, ist eigentlich deprimierend.
Fotorechte: Amir Kaufmann
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Sehr geehrter Herr Schöpf! Ich habe wie jedes Jahr so auch heuer bereits mehrere Konzerte besucht und war von jedem(!) sehr angetan! Bei einem Konzert für 12€ erwarte ich mir keine großen Namen; so realistisch bin ich, und ich denke, das ist auch der Großteil der Besucher! Allerdings kenne ich nicht wenige, die kaum ein Konzert ausließen als sie noch „gratis“ waren. Ich unterhalte mich vor den Konzerten gerne mit dem/der jeweiligen SitznachbarIn und jede/r sieht das genauso! Gerne Kultur, aber bitte gratis! Leider!
Ich sehe, mit welcher Freude die Orchester spielen und werde, solange es die Promenadenkonzerte gibt, eine treue Besucherin bleiben. Schade, dass Sie das Engagement der Musiker und der OrganisatorInnen so negativ bewerten.
Christine Schönherr