Alois Schöpf
Jetzt gilt keine Ausrede mehr!
Hansjörg Angerer bestätigt mit seinem Weltklasseorchester
"Salzburg Wind Philharmonic"
die überragende Qualität der altösterreichischen Blasmusik.

Von der peinlichen Groteske war schon öfter im schoepfblog die Rede: Unsere stolz in traditionelle Trachten gewandeten Musikkapellen präsentieren auf Basis der fundierten Unbildung ihrer Kapellmeister und auf Wunsch ihrer Vereinsmitglieder, ja nicht als konservativ, sondern als auf der Höhe der Zeit eingestuft zu werden, die Schrottprogramme flacher Originalwerke und seichter Kommerzmusik, bei denen nicht wenige Besucher den Ort der Unkunst mit der Bemerkung verlassen: Also zumindest einen Marsch hätten sie schon spielen können!

Dem Vorwurf, es sei doch für eine österreichische bzw. tirolerische Musikkapelle peinlich, auf die große Tradition der altösterreichischen Blasmusik und ihrer Werke zu vergessen, wird dabei mit dem Argument begegnet, dass die Jugend diese alte Musik nicht interessiere und dass es immer schon Aufgabe der Blasmusik gewesen sei, die Unterhaltungsmusik der Gegenwart in Bläserversion dem Publikum zu präsentieren.

Das erste Argument erinnert stark an die Ausrede eines Tiroler Hoteliers, der auf die Frage, warum er ein derart alpenbarockes Kitschhotel in die Landschaft gestellt habe, zur Antwort gibt: Weil es die Deitschen so wollen! Nein, lieber Herr Hoteldirektor, die Antwort lautet: Weil du als Bauherr es so wolltest!

In gleicher Weise, in der die meisten Vorstände und Kapellmeister von Musikvereinen die angeblichen Wünsche der Jugend missbrauchen, um dahinter ihre eigenen seichten Gelüste zu verbergen, muss auch im Tourismus zuweilen der Gast herhalten, um die Peinlichkeiten des Bauherrn nicht allzu sehr augenscheinlich werden zu lassen. Während meiner zwanzigjährigen Kapellmeistertätigkeit jedenfalls sind kein einziger Musiker und keine einzige Musikerin mir deshalb davon gelaufen, weil ihnen meine Programme, die durchwegs hochwertig, klassisch und konservativ waren, nicht zugesagt hätten. In gleicher Weise wie auch Stephan Moosmann, der Leiter des Klarinettenorchesters clarinova noch nie unter Mitgliederschwund litt, weil die Stücke, die er auflegt, sich kompositorisch durchwegs auf höchstem Niveau bewegen. Das Gegenteil ist der Fall, die Leute kommen genau deshalb.

Das zweite Argument wirkt auf den ersten Blick überzeugender, blendet jedoch vollständig aus, dass die altösterreichische Unterhaltungsmusik in den ästhetischen und formalen Rahmen der klassischen europäischen Kunstmusik, aber auch der Volksmusik eingebunden war: also eine einheitliche musikalische Sprache mit verschiedenen Komplexitätsgraden gesprochen wurde. Das ist bei der aktuellen Unterhaltungsmusik durch all ihre Inspirationsquellen vom Jazz über elektronische Musik, Weltmusik, die Volksmusik der verschiedenen Völker bis hin zu den harmonischen Vorgaben der kommerziellen Popmusik und ganz abgesehen von einer für Blasorchester meist vollkommen ungeeigneten Instrumentation keineswegs der Fall.

In der globalisierten Musikwelt werden vollkommen verschiedene musikalische Idiome und Dialekte verwendet, die jeweils kompetent zu beherrschen selbst für professionelle Musiker eine Herausforderung darstellt, ganz abgesehen von Amateuren, die, wenn sie es zu können glauben, Opfer ihrer eigenen Selbstüberschätzung werden. Das Klangbild solcher Selbstüberschätzung charakterisiert denn auch sehr oft die Konzerte unserer heimischen Amateurorchester.

Leider ist es nicht einmal den so erfolgreichen Innsbrucker Promenadenkonzerten gelungen, die heimischen Trachtenkapellen davon zu überzeugen, dass sie sich ein Vorbild an den Wiener Philharmonikern nehmen könnten, die alljährlich mit ihren Neujahrskonzerten Millionen Menschen erreichen. Und dies vor allem dann, wenn man einräumt, dass es immer ein Wesen der altösterreichischen Blasmusik war, neben eigenen, an den Maßstäben der Kunstmusik orientierten Werken die Transkriptionen all jener Opernouvertüren, Operettenmelodien, aber auch  Konzertstücken für einzelne Instrumente einem flanierenden Publikum in Bläserfassung zu präsentieren, wie es bereits in der Zeit der Wiener Klassik mit den verschiedenen Bearbeitungen für Harmoniemusik üblich war.

 

Auf gut Wienerisch

Wie faszinierend Programme sein können, die sich dieser Tradition besinnen, zeigt nun eindrücklich Hansjörg Angerer mit seinem durchwegs mit großartigen Musikerinnen und Musikern und seinem in der Verteilung der Instrumente vorbildlich besetzten Orchester Salzburg Wind Philharmonic. Die soeben über Naxos weltweit vertriebene CD-Kassette enthält 7 CDs, die jeweils die Genres Ouvertüre, Walzer, Quadrille, Fantasie, Polka francaise, Marsch, Galopp, Csardas, Polka Masur, musikalische Scherze und Polka schnell bedienen. Mit einer Gesamtspielzeit von über 7 Stunden könnte hier jeder Kapellmeister seine Frühjahrskonzerte zumindest auf 10 Jahre hinaus voraus planen und etwa die Ouvertüre Die Landstreicher von Carl Michael Ziehrer, Leichte Kavallerie, Pique Dame, Ein Morgen und ein Abend in Wien, Banditenstreiche von Franz von Suppé oder von Johann Strauß die Ouvertüre Eine Nacht in Venedig oder von Karl Komzak die Ouvertüre zur Volksoper Edelweiß oder von Julius Fucik die Ouvertüre Miramare für sein Programm in Betracht ziehen. Ganz abgesehen davon, dass es neben diesen Werken hunderte weitere wertvolle Kompositionen gibt, die auf ähnlicher kompositorischer Höhe der Rückerinnerung wert sind.

[caSalzburg Wind Philharmonic | Auf gut Wienerisch
Salzburg Wind Philharmonic | Auf gut Wienerisch

Neben den erwähnten Ouvertüren präsentieren die 6 weiteren CDs, wie schon aufgezählt, die jeweils wichtigsten Stücke der für die Unterhaltungsmusik des 19. Jahrhunderts bedeutendsten Genres. Die Sammlung insgesamt ist die Summe eines Lebenswerks, das sich aus den inzwischen europaweit bekannten und vom Fernsehen übertragenen Dreikönigskonzerten aus dem Großen Festspielhaus in Salzburg zusammensetzt und aufgrund des Livemitschnitts durch faszinierende und geradezu ansteckende Musikalität gekennzeichnet ist.

Natürlich werden die meisten Tiroler Musikkapellen aufgrund ihrer Zusammensetzung mit Flügel- und Tenorhörnern und einem oft zu schmal besetzten Holzregister nicht die exzellenten Bearbeitungen von Albert Schwarzmann, der seit Jahrzehnten für Hansjörg Angerer und sein Orchester arbeitet, verwenden können. Ihnen stehen jedoch für die meisten Werke dieser Epoche Bearbeitungen aus den Musikverlagen Kliment, Rundel oder Ewoton zur Verfügung. Viele von ihnen, besonders jene von Otto Wagner, sind für die traditionelle Blasorchesterbesetzung als mustergültig zu betrachten, zumal die Kapellmeister heute im Prinzip so gut ausgebildet sein sollten, dass sie Änderungen an einer der Transkriptionen selbst vornehmen können, um das Werk dem eigenen Orchester anzupassen.

 

Die Verbände sind gefordert.

Allerdings ist nicht damit zu rechnen, dass die 7 CDs, die unter dem Titel Auf gut Wienerisch erschienen sind und wohl besser, dies ist die einzige Kritik, Auf gut Österreichisch heißen sollten, von sich aus eine Besinnung innerhalb der heimischen Blasmusikszene bewirken werden. Da müssen schon endlich einmal die Dachverbände Position beziehen, aber auch die Tourismusverbände und zuletzt die Kulturpolitik, die es in den letzten Jahren schlicht und einfach verabsäumt haben, eine sehr traurige Entwicklung der österreichischen Blasmusik überhaupt wahrzunehmen, geschweige denn hintanzuhalten, sodass im Musikland Österreich mit seinen großartigen und weltweit angesehenen Komponisten in ausgehöhlter Tracht auf die eigenen Traditionen vergessen wird.

Hansjörg Angerer (rechts) mit dem Arrangeur des Salzburg Wind Philharmonic Orchesters Albert Schwarzmann (links) Hansjörg Angerer (rechts) mit dem Arrangeur des Salzburg Wind Philharmonic Orchesters Albert Schwarzmann (links)

Bewehrt mit Angerers mustergültigen Einspielungen wäre es nun endgültig hoch an der Zeit, die Zuweisung von Subventionen und Konzerthonoraren von der mustergültigen Aufführung von Werken der altösterreichischen Musiktradition abhängig zu machen, was nicht bedeutet, dass die Programme ausschließlich aus solchen Werken bestehen sollten, ein immer wieder geäußertes Missverständnis, dessen Aufgabe oft nur darin besteht, der Stringenz meiner Argumente auszuweichen. Denn man macht hierzulande leider nicht Kulturpolitik im besten konservativen Sinn, sondern poliert sich im Abendlicht der verdämmernden ÖVP lieber gegenseitig die Ordensbrüste der Eitelkeit.

Auf gut Wienerisch. Truly Viennese, Salzburg Wind Philharmonic. Dirigent Hansjörg Angerer, 7 CDs, BPS Records, 50,41 Euro

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

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