Alois Schöpf:
Freiheit bis zuletzt
Zum Tod des Humanisten Ludwig Minelli,
Gründer des Vereins
„Dignitas – Menschenwürdig leben – Menschenwürdig sterben“
Nachruf

Es ist geradezu typisch für das Lebenswerk Ludwig Minellis, der die Sterbebegleitung seines eigenen Vereins in Anspruch nahm und am 29. November 2025 mit 93 Jahren selbstbestimmt aus dem Leben schied, dass sein Tod auf wenig mediales Echo stieß, obgleich er gerade für uns Österreicher mitverantwortlich für eine der wichtigsten gesellschaftspolitischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte ist.

Minellis Kampf galt der Durchsetzung von Menschenrechten und hier insbesondere des Freiheitsrechts, die Art und den Zeitpunkt des eigenen Todes selbst zu bestimmen. Daneben setzte sich der ehemalige Journalist, der erst im Alter von 54 Jahren sein Rechtsanwaltspatent erwarb, auch sonst für Menschenrechte in seiner schweizerischen Heimat ein, unter anderem für verbesserte Lebensbedingungen in den Haftanstalten oder für die jahrzehntelang kaum genutzte Möglichkeit, kantonale Erlasse binnen 30 Tagen vom Bundesgericht auf ihre Verfassungsmäßigkeit überprüfen zu lassen.

Ludwig A. Minelli, im Februar 2024 in seiner Wohnung in Maur, Kanton Zürich. Fotorechte: Alexander Egger, Bern

Im Zentrum seiner Tätigkeit jedoch standen neben dem umsichtigen Aufbau von „Dignitas“ paradigmatische Prozesse wie jener am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte vom 20. Januar 2011, in dem der Gerichtshof das Recht jedes urteilsfähigen Menschen bestätigte, über sein Lebensende selbst zu bestimmen. Weitere entscheidende Erfolge waren das Urteil des Deutschen Bundesverfassungsgerichts vom 26. Februar 2020, durch das eine de facto Verhinderung von Sterbehilfe durch den §217 StGB als verfassungswidrig aufgehoben wurde.

Für Österreich von Bedeutung ist die mit Beratung und auch finanzieller Hilfe von Dignitas eingebrachte Individualklage am österreichischen Verfassungsgerichtshof, die am 11. Dezember 2020 zur Nichtigkeitserklärung des Suizidassistenzverbotes führte und das österreichischen Parlament dazu verpflichtete, das Recht auf ein selbstbestimmtes Lebensende, eingehegt durch Regulative gegen Missbrauch, festzuschreiben. Dieser Aufforderung kam das Justizministerium durch die Erstellung des nun gültigen, klugen Sterbeverfügungsgesetzes nach. Es wurde von den Parteien ÖVP, SPÖ, Grüne und NEOS im Parlament beschlossen und trat am 1.Jänner 2022 in Kraft.

Der stets scharf argumentierende Ludwig Minelli trennte sich im Jahre 1998 von der schweizerischen Sterbehilfeorganisation Exit, da seiner Ansicht nach Menschenrechte für alle und nicht nur für Schweizer Staatsbürger Geltung haben sollten. So hat Dignitas auch vor Inkrafttreten des Sterbeverfügungsgesetzes einigen Österreichern einen letzten Ausweg aus ihrem Leiden ermöglicht. Darunter dem bekannten Volksschauspieler Herbert Fux, bei dessen Frau wenige Stunden nach seinem Tod die Polizei auftauchte, um sie eventuell wegen Beihilfe zum Selbstmord zu verhaften. Erinnert sei auch an die Leiterin der Innsbrucker Kinderchirurgie Gesine Menardi, deren selbstbestimmtes Sterben den Tiroler Begräbnisteilnehmern den Schrecken der Todsünde und ewiger Höllenqualen über den Rücken jagte.

Dignitas kann heute auf 10.000 Mitglieder verweisen und ermöglicht nicht nur assistierten Suizid, sondern engagiert sich auch für die sogenannte Suizidversuchsprävention. Menschen sollen ohne Verbote und unerwünschte Belehrung und im Bewusstsein, dass ein letzter Ausweg immer möglich ist, von unüberlegten Selbsttötungsversuchen abgehalten werden. Denn solche Selbsttötungsversuche, oft dilettantisch durchgeführt, können nicht nur schwerste Behinderungen zur Folge haben, sondern die Angehörigen der sogenannten Selbstmörder traumatisieren und stigmatisieren. Ein solch unbedachtes und meist verhinderbares Leiden zu bekämpfen, war Minelli ein zumindest ebenso wichtiges Anliegen wie das Recht auf selbstbestimmtes Sterben.

Die Enttabuisierung und die Möglichkeit des assistierten Suizids haben, wie schon angedeutet, weitreichende gesellschaftspolitische Folgen. Sie verhindern nicht nur unnötiges, weil selbstverantwortlich beendbares Leiden, zu dem bis heute immer noch Schwerkranke genötigt werden, insofern als zum Heilen indoktrinierte Ärzte nicht mit dem Tod und dem Ende ihrer Kunst umgehen können, aber auch viele Krankenanstalten, Pflegeheime und Hospize der platonistischen Seelentheorie der christlichen Dogmatik verfallen sind, wonach der Mensch lediglich der Verwalter, Gott hingegen der Eigentümer des Lebens sei, was im Falle des selbstbestimmten Sterbens gleichsam auf eine Störung göttlichen Besitzes hinausläuft.

Der einem sogenannten natürlichen Tod gleichgestellte assistierte Suizid nimmt vielen Menschen aber auch, ohne dass er je konkret vollzogen wird, die Ängste vor unerträglichen Qualen, vor Entwürdigung und dem Verlust der Autonomie, insofern die Möglichkeit eines legalen und begleiteten Suizids stets ein letzter Ausweg aus zu großem Leiden bleibt. Hiermit wird die Lebensqualität sehr vieler Menschen in ihren letzten Tagen massiv gesteigert.

Dass all diese Errungenschaften, die zum Glück in immer mehr westlichen Staaten Platz greifen, gegen den massiven Widerstand der christlichen Kirchen, aber auch gegen die Opposition gewisser Eliten, die mit dem durch die Morde des Naziregimes schwerst belasteten Begriff Euthanasie, den sie als denunzierendes Schlagwort an Stelle von Argumenten regelmäßig als Horrorszenario ins Treffen geführt haben und immer noch führen, durchgesetzt werden konnten, ist zu einem Gutteil dem stets ruhig und konsequent formulierenden Ludwig Minelli zu verdanken. Ihn zwangen auch Gerichtsprozesse, die lange Haftstrafen zur Folge gehabt hätten, wenn er sie nicht gewonnen hätte, nicht in die Knie.

Dass er nach all dem von den Medien nicht zum Helden erklärt wurde, obgleich er einer der wenigen Helden unserer Gegenwart war, liegt damit auf der Hand: Wer sich als Journalist stets den Massen anbiedern muss, um nicht seinen Job zu verlieren, biedert sich dem Vorurteil und dem Aberglauben an. Genau das jedoch waren Minellis mächtigste Gegner, die er durch sein Lebenswerk zumindest zum Teil bezwungen hat. So bleibt ihm zwar der laute Dank verwehrt, die stille Dankbarkeit all jener, die durch ihn weniger leiden werden, ist ihm jedoch umso gewisser.

Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.


Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen

Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

Schreibe einen Kommentar