Alois Schöpf
Wenn über Einsamkeit nicht gesprochen wird.
Apropos
In früheren Zeiten bestand eine der schlimmsten Strafen, die oft einem Todesurteil gleichkam, darin, jemanden zu ächten, ihn also aus der menschlichen Gemeinschaft auszuschließen. Inzwischen sind wir zivilisierter geworden, niemand muss verhungern, weil er einsam ist, wie die moderne Form des Ausgeschlossen-Seins heißt.
Dennoch gilt die Einsamkeit als eine der großen Herausforderungen der Zukunft. So sieht es zumindest die WHO. Und so ist es auch in Österreich, wo eine Untersuchung vorgestellt wurde, die von 700.000 unter Einsamkeit leidenden Personen ausgeht.
Ein Hauptmerkmal dieses Leidenszustands besteht darin, dass die Betroffenen nicht darüber sprechen, weil sie sich gleichsam immer noch geächtet fühlen und ihre Einsamkeit als Makel, ein Versagen, einen Fehler empfinden.
Genau diese Scham ist es, die wie bei vielen anderen Krankheiten, alles noch schlimmer macht. Wenn man nämlich über Einsamkeit, die nicht selten zu Depressionen und zu einer Verschlimmerung von Demenz führen kann, offen reden würde, wie man es etwa bei Krebs fast schon geschafft hat, wäre vieles gewonnen.
Vor allem würde die Schuldfrage, ob man selbst oder die böse Gesellschaft die Ursache für das Ungemach ist, in den Hintergrund und die Notwendigkeit der Therapie in den Vordergrund treten.
Ebenso würde der auch sonst in der Medizin immer wichtigere Aspekt der Vorsorge an Bedeutung gewinnen. Denn gerade die Einsamkeit kommt nicht von heute auf morgen, sondern baut sich langsam auf. Partner sterben, Familien brechen auseinander.
So unabwendbar oft eine Vereinsamung auch sein mag, die Fähigkeit, Freundschaften zu pflegen, sich aktiv in einen Verein einzubringen, einen Geburtstagskalender zu führen, Veranstaltungen zu besuchen, gemeinsam zu reisen, zu musizieren: all das kann Einsamkeit mindern. Man muss nur bereit sein, den Zustand vorausschauend zu bekämpfen.
Erschienen in der Tiroler Tageszeitung am 24.01.2026
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Sehr geehrter Herr Schöpf!
Vielen, vielen Dank für Ihre Kolumne in der TT vom 24.01.26 – „Wenn über Einsamkeit nicht gesprochen wird“!
Als jahrzehntelang darunter Leidende (mir ist aber klar, dass es sich dabei um ein subjektiv empfundenes Gefühl handelt!) möchte ich folgendes dazu anbringen: Es geht dabei in erster Linie nicht nur ums „darüber sprechen“, sondern vor allem ums Angehört-werden – v.a. durch ein wertungsfreies Zuhören, und auch dadurch, dass dem Betroffenen geglaubt und auf ihn eingegangen wird – das ist meinen Erfahrungen nach das Wesentliche und Beste!