Alois Schöpf
Ja dürfen’s denn das?
Eine Sternstunde der Bläsermusik
Besprechung

Das Sinfonische Blasorchester Tirol unter der Leitung seines Gründers und Dirigenten Bernhard Schlögl konzertierte am Freitag, den 13.03.2026 im Veranstaltungszentrum Forum in Brixen und tags darauf, am 14.03, im ausverkauften Saal des Hauses der Musik in Innsbruck.

Am Programm standen zwei Originalkompositionen für Bläsermusik, die Ouvertüre für Harmoniemusik, ein Jugendwerk des genialen Felix Mendelssohn Bartholdy, sowie Danse Satanique des zeitgenössischen Französischen Komponisten Alexandre Kosmicki, der als Dirigent mit dem Blasorchester der Französischen Marine in der Saison 2025 Gast bei den Innsbrucker Promenadenkonzerten gewesen war und ein fulminantes Konzert abgeliefert hatte.

Ergänzt wurden diese beiden Originalwerke durch zwei Transkriptionen, einmal durch Wotans Abschied und Feuerzauber, der Schlussszene aus Walküre von Richard Wagner, arrangiert vom auch als Komponist bekannten und geschätzten Deutschen Johannes Stert. Und es erklang, geradezu als ultimative Provokation, das wohl wichtigste symphonische Werk der klassischen Musik überhaupt, in einer bereits vom Salzburg Wind Philharmonic Orchester unter Hansjörg Angerer erprobten Fassung des aus Tirol stammenden, international bekannten Arrangeurs Albert Schwarzmann: die Fünfte Symphonie von Ludwig van Beethoven.

Das Sinfonische Blasorchester Tirol wurde vor 10 Jahren vom jungen und damals noch in der Ausbildung befindlichen Musiker und Musiklehrer Bernhard Schlögl ins Leben gerufen, wobei bereits sein allererstes Konzert in einer Weise überzeugte, dass es ihm den Weg eröffnete, ab 2020 Intendant der Innsbrucker Promenadenkonzerte zu werden.

Die zum 10-Jahresjubiläum versammelten 75 Musiker und Musikerinnen kamen aus allen Tiroler Landesteilen, ebenso aus Südtirol, einige von ihnen reisten zu den Proben und zu den Konzerten sogar aus Wien, Graz oder Zürich an. Und dies, wohlgemerkt, ohne Gage und ohne Ersatz der Reisekosten.

Bernhard Schlögl muss also schon über ein beachtliches Talent verfügen, bei den mit ihm arbeitenden Musikerinnen und Musikern die Liebe zur Musik und die in ihr ruhenden Möglichkeiten der künstlerischen Ekstase zu wecken und diese Leidenschaft über längere Zeit wach zu halten. Dass dies am besten mit den herausragenden Werken der Musik gelingt, ist, so seine in Gesprächen mehrfach geäußerte Überzeugung, der spirituellen Kraft geschuldet, welche große Kunstwerke ausstrahlen.

In gleicher Weise wie ich kein professioneller Literaturkritiker bin, bin ich auch kein Musikkritiker auf der Suche nach falschen Tönen. Ich halte es auch in der Musik lieber mit Voltaire, der im Hinblick auf die Schriftstellerei meinte: Sie können schreiben, wie und was Sie wollen, nur langweilig darf es nicht sein.

Ich langweilte mich beim Konzert des Sinfonischen Blasorchesters Tirol keine Sekunde und erlaube mir nach über 600 Konzerten, denen ich im Rahmen der Innsbrucker Promenadenkonzerte die Bühne bot, die Feststellung: Ich habe noch nie ein so exzellent und spannend aufspielendes Tiroler Blasorchester gehört. Die fast 500 Zuhörer im großen Saal des Hauses der Musik waren, so meine Sicht, Zeugen einer Sternstunde der heimischen Blasmusik.

So differenziert und transparent das Orchester bei Mendelssohns Ouvertüre die technisch anspruchsvollen Passagen bewältigte, so günstig erwies sich der insgesamt warme und weiche Orchesterklang beim romantischen, um nicht zu sagen raunenden Werk Richard Wagners, das zugleich jedoch den Posaunen die Gelegenheit bot, ihre bereits im Alten Testament bewunderte Macht auszuspielen.

Bei aller Finesse der Instrumentation, bei aller Brillanz virtuoser Passagen und bei aller rhythmischer Vielfalt: dem melodischen Einfallsreichtum Mendelssohns, Wagners und Beethovens hatte Danse satanique von Alexandre Kosmicki als eine jener durchaus auf höchstem Niveau anzusiedelnden Originalkompositionen kaum etwas entgegenzusetzen. Dennoch kam das Werk beim Publikum aufgrund seiner musikalisch leicht zugänglichen Effekte bestens an.

Nicht nur die beiden Südtiroler Blasmusikgrößen, Bernhard Reifer, Kapellmeister in Pfeffersberg, und Martin Knoll, Kapellmeister in Lana, äußerten sich vor dem Konzert in Brixen skeptisch, ob es überhaupt möglich sei, Beethovens berühmteste Symphonie ohne Peinlichkeiten zu präsentieren, und dies von noch so exzellenten Laien und Musikpädagogen, aber eben nicht von ausschließlich professionellen Musikern in Szene gesetzt. Auch ich selbst war äußerst gespannt, ob hier nicht wieder einmal ein Dirigent, was leider sehr oft geschieht, in Versuchung geraten war, ein Werk zu unter- und sich und sein Orchester zu überschätzen.

Die Skepsis bestand, wie auch die beiden Südtiroler Kollegen bestätigten, zu Unrecht. Schlögl legte eine sorgfältig abgestufte, nuancierte Interpretation vor, die sich gerade im letzten Satz von falscher Heroik fernhielt. Das Orchester bewältigte das Werk in einer Art, dass niemals der Gedanke an Laienhaftes aufkam und ebenso rasch vergessen werden konnte, dass hier nicht ein klassisches Symphonieorchester, sondern ein Blasorchester am Werk war. Die Fünfte von Beethoven konnte ihre ganze Größe, wenn auch im fremden Licht einer bläserischen Fassung, voll entfalten.

Gratulation!

Aus der beeindruckenden Leistung des Konzertabends würden sich natürlich in Folge mannigfaltige Fragen ergeben, die zwangsläufig die Freude über das Ereignis in Ärger über ein Umfeld verwandeln müssten, das offenbar aufgrund eines dramatisch fehlenden Qualitätsbewusstseins nicht begriffen hat oder nicht zu begreifen gewillt ist, welcher kulturelle Schatz da weit abseits von Fair Pay herangewachsen ist und wie er für die Zukunft zu hegen und zu pflegen wäre?

Doch lassen wir das. Die Freude über schöne Musik möge an dieser Stelle obsiegen.

Fotorechte: Din Music

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

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