Alois Schöpf
Die Bobos feiern ihre Selbstverblödung.
Zum neuen, bei den Salzburger Festspielen
uraufgeführten Stück von Peter Handke
“Schnee von gestern, Schnee von morgen”
Notizen

Die Karten zu Aufführungen der Salzburger Festspiele sind teuer. Der Aufenthalt in der Stadt ebenso. Es ist also nicht anzunehmen, dass es ausgerechnet die Gescheiterten der Altachtundsechziger waren, die da müden Schritts und mit ausgefransten Zöpfen angereist kamen. Es waren schon eher die Erfolgreichen, die es mit dem bewährten Lebensrezept Denke links und handle, wenn es dich selbst betrifft, rechts! zu etwas gebracht haben, um der möglicherweise letzten Uraufführung ihres inzwischen greisen Dichteridols Peter Handke beizuwohnen.

Wie entsetzlich langweilig sein Stück Schnee von gestern, Schnee von morgen gewesen sein muss, erschließt sich jedem, der es gewohnt ist, die Berichte über die Hervorbringungen unserer hoch subventionierten Kulturszene, vergleichbar einem Sowjetbürger beim Studium der Prawda, auf ihren versteckten Wahrheitsgehalt hin abzuklopfen.

So wurden denn auch überschwänglich die schauspielerischen Leistungen der beiden Hauptdarsteller gelobt, denen es offenbar gelungen ist, das von Selbstmitleid und antiquiertem Dichterstolz gekennzeichnete Altherrengeschwätz einer für den Bankrott des deutschsprachigen Theaters typischen Textfläche in Gestalt grotesker Sprachturnübungen mit Fragmenten von Sinn zu durchsetzen.

Allerdings gelang dies nur teilweise, mahnten doch selbst die größten Feiglinge der Theater-Hofberichterstattung eine gewisse Zähigkeit des Abends an. Ein Abend, der zuletzt dennoch in einem Triumph endete, als der greise Dichter am Stock auf die Bühne wackelte und gleichsam als gealterter Jesus Christus der 68-er-Revolution bejubelt wurde.


Der Dichterfürst Peter Handke zwischen den beiden Darstellern Jens Harzer und Marina Galic / © SF/Marco Borrelli

Die aberwitzige Dekadenz eines solchen Ereignisses ist nur zu ermessen, wenn man sich die Mühe macht, den Theatertext nachzulesen, um gesichert zur Diagnose zu gelangen, dass hier, auch wenn der Dichter im juristischen Sinn noch so geschäftsfähig und vor allem geschäftstüchtig wäre, ein klarer Fall von poetischer Demenz vorliegt, der sich im Dienste der Selbstverherrlichung jeder Logik, jeder Erkenntnis, jedem Sinnzusammenhang verschließt, um nicht nach Maßgabe rationalen Denkens eingestehen zu müssen, im Dienste lebenslänglichen Marketings am dereinst selbst gesteckten Berufsziel gescheitert zu sein. Nämlich im Vergleich zu all jenen, die der jugendliche Dichter dereinst als korrupte Trottel beschimpft hatte, nun tatsächlich selbst ein würdiges Objekt solch frühen Hasses geworden zu sein.

Wenn Korruption die Entscheidung für das Falsche aus triftigen, jedoch verheimlichten Gründen ist, dann erklärt sich auch, warum das Publikum den Dichter an diesem Abend nicht in bester italienischer Manier mit faulen Tomaten von der Bühne jagte, wie es zu Zeiten Gioacchino Rossinis anlässlich misslungener Opernaufführungen üblich gewesen wäre. Es ertrug vielmehr, ähnlich dem schreibenden Langeweiler, lieber zwei Stunden nach Poesie riechenden Unsinn, um, frenetisch klatschend, nicht das tun zu müssen, was unerbittlich von der Elterngeneration eingefordert worden war: die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten.

Eine Vergangenheit, von der der Abschied umso schwerer fallen musste, als sie mit Abgründen des Rassismus, der Unmenschlichkeit und eines verlorenen Krieges erkauft worden war. Wer verstünde nicht die Weigerung, mit dieser Schuld und diesem Unheil konfrontiert zu werden und lieber alle Kräfte in einen von allgemeinem Schweigen beherrschten Wiederaufbau des verheerten Landes zu investieren. Bis es dann, nach Jahrzehnten des Friedens und des Wohlstands, doch nicht mehr anders ging und greise Schuldige und Mitschuldige etwas vor sich hin brabbelten, das nach es war eben, wie es war klang.

Nicht viel anders klingt auch Handkes Gebrabbel, mit dem Unterschied allerdings, dass kaum jemand von denen, die unter der Gnade der späten Geburt zuerst das Maul aufgerissen und dann erfolgreich den Marsch durch die Institutionen angetreten hatten, um nun als gemachte Leute bei den Salzburger Festspielen zu sitzen, auch nur im geringsten daran dachte, sich im Dienst der eigenen Vergangenheitsbewältigung selbst oder gar öffentlich einzugestehen, hier nicht einem Diktator und größten Feldherrn aller Zeiten, sondern lediglich einem Marketinggenie und schlechten Dichter auf den Leim gegangen zu sein. Ein Eingeständnis, das allerdings gleichsam als tragende Säule im Tempel der Selbstverherrlichung das Denkgebäude einer ganzen Generation zum Einsturz bringen könnte. Einer Generation, die sich zuletzt als typisches deutsches und österreichisches Spießertum erweist, dessen Eigenschaft es immer schon war, auf die jeweils falschen, da ihrer Verlogenheit dienlichsten Idole gesetzt zu haben.

Literatur: Peter Handke, Schnee von gestern, Schnee von morgen. Suhrkamp 2025. 74 Seiten. 20 Euro (D).

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Reinhard Walcher

    „Schnee von gestern, Schnee von morgen: das Lautwerden des einen Kreuz-und-Quer-Gehenden zeit seines jeweiligen Innehaltens“

    Ja, so heißt dieses Werk tatsächlich! Bereits 1970 erschien eines der ersten Bücher Peter Handkes. Es hieß „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“.

    Nun wusste ich damals schon, dass die Angst beim Elfmeter ganz und gar beim Schützen liegt, der den Druck hat, unbedingt treffen zu müssen. Deshalb war Handke für mich damals schon erledigt. Ich hätte die abstruse Geschichte über einen Monteur (Achtung: Arbeiterklasse) und Extormann, der irgendwie (versehentlich?) eine Frau umbringt (Achtung: Femizid), gar nicht lesen müssen.

    Ich weiß noch, dass es eine nachhaltig langweilige Geschichte war und dass Handke damit irgendwie schon dem heutigen, woken Zeitgeist in der Szene-Literatur voraus war. Dem Schnee von morgen, quasi. Und Handke ist seiner Frisur, also sich selbst, dem Onanierer in der Badewanne (siehe Szene aus „Der kurze Brief zum langen Abschied“), bis ins Greisenalter treu geblieben. Aber das ist Schnee von gestern.

    Alois Schöpf analysiert Handkes unfassbar langweiliges Stück gnadenlos zum sinnlosen Blabla. Interessant, dass obige Kommentatorin die Sache umgekehrt sieht. Obwohl heutzutage die Frauen auch etwas vom Fußball verstehen müssten, zum Beispiel, dass die Angst beim Elfmeter beim beziehungsweise* bei der Torfrau … bla bla bla.

  2. Eva Kotzmuth

    Diese selbstverliebte Kritik ist herablassend und unhöflich, hat denn niemand mehr Manieren, was man heute alles zu lesen bekommt, bla,bla,bla

  3. Reinhard Kocznar

    Früher waren die Maler verrückt und die Bilderkäufer clever. Heute ist es umgekehrt. (De Chirico)

    Das gilt für die sogenannte Kunst generell.

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