Helmuth Schönauer
Bürokratie statt Jugendinteressen
Stichpunkt

Seit Jahrzehnten werden Redewettbewerbe abgehalten, um die Jugend an die Demokratie heranzuführen. Heuer war das Interesse abermals bescheiden. Wenn ein Blabla-Thema wie das Reden am Mikrophon plötzlich zu einem journalistischen Event aufgeblasen wird, steckt dahinter meist ein Marketing-Gag, um ein totes Pferd noch einmal auf die Wiese zu treiben.

Nach Jahrzehnten des Rede-Wettbewerbs auf Bezirks- und Landesebene gab es heuer nur mehr einen direkten Landeswettbewerb in Innsbruck, zu dem nicht gerade üppig viele Jugendliche zwischen 13 und 24 Jahren samt Coaches angereist waren. Unter der Regie des Landes-Kinder-und-Jugendanwalts, auf dessen Revers die Signatur KiJuAW prangt, wurde in der Folge angemahnt, den Redewettbewerb wieder auf Bezirksebene weiterzuführen, weil er unverzichtbar für die politische Bildung sei.

Ein Haufen von Jugend-affinen politischen Leistungsträgern mannigfaltiger Couleurs schloss sich in Folge einer Petition an die zuständige Landesrätin an, doch wieder alles wie gehabt abzuwickeln. Durch Bezirkswettbewerbe würden nämlich Hemmschwellen abgebaut, erste Bühnenerfahrungen gesammelt und Selbstvertrauen aufgebaut werden.

Die Landesrätin versprach zu evaluieren.

Tage später dann kommt das wahre Anliegen des Jugendanwalts ans Tageslicht. Er fordert nichts anderes als einen neuen Dienstposten in Gestalt einer Fachstelle für Stärkung der Kinderrechte zur Durchsetzung der Kinderkonvention der Vereinten Nationen. Damit zeigt sich wieder einmal ein Paradebeispiel für das Anwachsen von Bürokratie. Wenn das Angebot Redewettbewerb in der bisherigen Form nicht zu genügend Teilnehmern führt, ist es notwendig, eine neue Fachstelle zu etablieren, die den Jugendlichen dann ein neues Angebot legen soll.

Offenbar kommt beim Thema Bezirksredewettbewerb niemand auf die Idee, dass das Angebot der Behörde aus der Zeit gefallen sein könnte:

– Vielleicht ist es für Jugendliche nicht mehr interessant, sich vor ausgewähltem Publikum an ein Mikro zu stellen und etwas von sich zu geben, was mit ausgewählten Coaches antrainiert wurde.

– Vielleicht erkennen die Jugendlichen, dass sie nur Aufputz für ein Ritual sind, das Demokratie vorspielt, aber keine Teilhabe gewährt.

– Vielleicht zeigt auch der politische Alltag, dass die Rhetorik in diversen demokratischen Gremien überhaupt nicht besser geworden ist, seit man Redewettbewerbe eingeführt hat.

Hellhörig werden lässt einen freilich die Penetranz, mit der der ORF-Tirol sich auf dieses Nicht-Thema gesetzt hat. Wahrscheinlich ist der Redewettbewerb immer schon nur für den ORF aufgezogen worden, damit dieser einen netten Beitrag hat, bei dem niemand außer Haus gehen muss, weil die Sieger im eigenen Studio Gagen-frei auftreten dürfen.

Den scheinbar stark umworbenen Jugendlichen wird es egal sein, ob sie einen Redebeitrag ins Leere senden dürfen oder nicht. Denn schon bei der erstbesten Gelegenheit, wie etwa bei der Wehrpflicht, werden sie nicht zum Reden eingeladen, sondern man stellt ihnen einfach den Einberufungsbefehl zu. Es geht also nicht um sie, sondern um neue und gesichterte alte Posten in den geschützten Werkstätten des Staates oder staatsnaher Unternehmen.

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Helmuth Schönauer

Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der "low lectured edition". Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung.

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