Alois Schöpf
Ein Jahrhundertsommer
neigt sich dem Ende zu.
Apropos

Die Tage werden kürzer, mit Extremhitze ist nicht mehr zu rechnen, geregnet hat es auch und die Bauern bekommen für ihre Dürreschäden Entschädigungen.

Was übrig bleibt, ist die Frage, ob man immer das ganze Leiden der Welt auf sich nehmen muss? Oder zumindest jenes, von dem die Medien berichten. Denn wenn man alles wüsste, was so an Unheil passiert, wäre das Leben noch deprimierender als es die letzten Wochen ohnehin schon war.

Vor lauter Wassermangel in den Flüssen, abgeschalteten Atomkraftwerken, Waldbränden nicht nur in Niederösterreich, sondern europa- und weltweit, 41 Grad in Stammersdorf und der Meinung sämtlicher um das Wohl der Menschheit besorgten Kommentatoren, dass es nächstes Jahr zumindest ebenso schlimm kommen wird, geriet irgendwie aus dem Blickfeld, was man sich ja fast nicht mehr zu sagen traut.

In weiten Teilen Tirols erlebten wir nämlich – abgesehen von den Murenabgängen im Pitz- und Ötztal, der Trinkwasserverschmutzung in Zirl und sehr heißen Tagen in Innsbruck – einen Jahrhundertsommer. 

Oder nüchterner formuliert: einen außergewöhnlich schönen Sommer mit vor Fruchtbarkeit überquellenden Gärten, mit idealen Bedingungen für Bergsteiger und Wanderer, aber auch mit idealen lauen Abenden für Freiluftveranstaltungen. So regnete es, um nur ein Beispiel zu nennen, etwa im Juli letzten Jahres bei den Innsbrucker Promenadenkonzerten sechzehnmal, heuer nur zweimal.

Fast wäre es allerdings den ununterbrochenen Katastrophenmeldungen gelungen, das alles in Vergessenheit geraten zu lassen, und es als moralisch verwerflich hinzustellen, irgendwie trotz allen Unglücks in der Welt auf dem kleinen persönlichen Glück und auf dem Recht, dieses Glück zu genießen, zu bestehen.

So provokant und geradezu politisch brisant die Aussage ist: Ich bin überzeugt, dass viele den heurigen Jahrhundertsommer ähnlich einschätzen. Als sehr schön!

Erschienen in der Tiroler Tageszeitung am 29.08.2026

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Rainer Haselberger

    Ich finde es auch wunderbar, dass künftig keine Gletscher mehr die wunderschönen Berge Tirols verschandeln werden. Sie gefährden nur die profitablen Alpintouristen, obzwar die für eine sinnvolle Auslastung der Bergrettungskräfte sorgen, die ja sonst mit ihrer Freizeit nichts anzufangen wüssten!
    Und das Trink- und Brauchwasser kann man in attraktiven Stauseen speichern, also wozu das ganze Eis?
    Da ich keine Kinder habe, brauche ich mich auch nicht um das Wohlergehen von Enkelkindern sorgen. Genießen wir den Tag! Nach uns die Sintflut!

  2. Peter Loser

    Ich kann mich noch erinnern wie letztes Jahr in Europa eine Rekordernte an Erdäpfeln eingefahren wurde. Aber oh weh, welch Unglück das sei – in trauter Gemeinsamkeit jammerten Medien und Bauern uns das vor. Das war ein weiterer Grund für mich das Gezeter und Drama der Medien und erst recht der Bauern nicht mehr ernst zu nehmen.

  3. Martin Roth

    Besten Dank für diese aufmunternden Worte. Eine meiner Töchter arbeitet seit Jahren bei einem dieser CO2-Kompensations-Unternehmen und von ihr hätte ich eher das Einstimmen in diese Weltuntergangsgesänge erwartet. Stattdessen gestern in der Badeanstalt am Zürichsee:„Hoffentlich hält das schöne Wetter noch bis zu den Herbstferien und dann geht’s nach Sizilien.“
    Gruss aus der Schweiz ins Tirol

    1. schoepfblog

      Eine echte Ehre und Freude, wenn wir in unserem Blog schon Leser aus der Schweiz haben.
      A. Schöpf

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