Alois Schöpf
Ein Fürst der Finsternis
im Land der Aufklärung
Kommentar

Papst Leo XIV hat Frankreich besucht und dabei seine alten theologischen Klamotten ausgepackt. Dazu gehört die schon seit Jahrzehnten konsequente Ablehnung der Abtreibung, auch wenn die Schwangerschaft durch eine Vergewaltigung zustande gekommen sein sollte oder der Fötus schwerste Missbildungen aufweist. Denn Gott weiß schon, welchen Leidensweg er seinen Schäfchen zumutet.

Dahinter steht, wie in diesem Blog schon mehrfach dargelegt, die platonistisch-animistische, auf jeden Fall jedoch durch keinerlei wissenschaftliche Erkenntnis gedeckte Doktrin, wonach Gott dem Menschen das Leben einhaucht und es ihm wieder wegnimmt. Allerdings nicht unbedingt dann, wenn es dem jeweils Betroffenen passt. Gott ist nach kirchlicher Lehre also der Eigentümer des Lebens und der Mensch nur dessen Verwalter. Daraus folgt, dass etwa eine Abtreibung einen Eingriff in das Eigentumsrecht Gottes darstellt. Credo quia absurdum est.

Ganz ähnlich verhält es sich auch mit dem assistierten Suizid, der sogenannten Freitodhilfe, die in Österreich seit 2022 durch das Sterbeverfügungsgesetz ermöglicht wurde und in Frankreich seit Jahren von der Kirche bekämpft wird. Auch in diesem Fall wird seitens der Kirche dem Menschen die Wahlfreiheit abgesprochen, Art und Zeitpunkt seines Todes selbst zu bestimmen, ein Menschenrecht, das nun nach langen politischen Verdauungsstörungen unter genau definierten Bedingungen auch in Frankreich vom Gesetzgeber anerkannt wurde.

Diese beiden Streitpunkte zwischen Staat und Kirche, Abtreibung und Freitodbegleitung also, waren denn auch ausschlaggebend dafür, dass der Papst bei seinem Rundgang durch die wiederhergestellte Kirche Notre-Dame de Paris auf die Begleitung des Staatspräsidenten Emmanuel Macron verzichtete.

Das damit im diplomatischen Ritual klar definierte Bekenntnis zur doktrinären und menschenverachtenden Entmündigung des Individuums scheint Leo XIV aber genauso wenig geschadet zu haben wie die in den letzten Jahrzehnten von 3200 Priestern begangenen 330.000 Missbrauchsfälle, von denen sechs auserwählten Opfern eine persönliche päpstliche Audienz gewährt wurde, die Verharmlosung eines Desasters, die von Opferverbänden scharf kritisiert wurde.

Diese Kritik wurde denn auch von den heimischen Medien im Dienst der Politischen Korrektheit brav kommuniziert, was in Sachen Abtreibung und Freitodbegleitung erwartungsgemäß unterblieb. Diese Themen fürchtet der sich stets für seinen Mut mit Preisen sonderzahl schmückende österreichische Journalismus nämlich immer noch wie der Teufel das Weihwasser.

Dafür wurden die Berichte geradezu ekstatisch, wenn es darum ging, die begeisterten Massen zu zeigen, die dem Papst zujubelten. Es sollen während des viertägigen Besuchs Leos eine Million gewesen sein, und das in Frankreich, dem Land der Aufklärung und dem Land eines Jean Mesliers, den in Österreich niemand kennt. Bitte nachschauen!

Sosehr es vielleicht noch verständlich ist, für den gedeihlichen Erhalt seines metaphysischen Schrebergartens inklusive garantierten Fortlebens nach dem Tod die sexuellen Übergriffe des geistlichen Standes unter dem Motto menschlich-allzu-menschlich abzuhaken, so unverständlich ist die unter den Hunderttausenden von verzückten Betschwestern plötzlich pulverisierte weibliche Solidarität und der betende Verzicht auf Emanzipation und Autonomie. Aber auch das wäre noch verständlich, wenn man die mit einer Abtreibung aktuell Befassten statistisch auf eine jeweils überschaubare quantité négligeable herunterrechnet.

Endgültig unverständlich wird die Begeisterung allerdings dann, wenn man bedenkt, dass keiner und keine der fast eine Million am Wegesrand und bei Eucharistiefeiern dem Papst Huldigenden dem Tod entrinnen und, statistisch gesehen, nur vier Prozent das Privileg haben werden, ohne Leiden, ohne Furcht, ohne quälenden Sterbeprozess von einem Moment auf den anderen tot umzufallen.

Mit Erstaunen und Erschrecken muss man wieder einmal feststellen, wie sich Menschen in ihrer besinnungslosen Begeisterung für die fragwürdigen und nicht bewiesenen Verheißungen der Religion dazu bewegen lassen, gedankenlos gegen ihre eigenen elementaren Interessen zu handeln und Wohltäter, die ihnen helfen wollen, als verruchte Sünder zu disqualifizieren. Auf Vernunftgebrauch und eine vorausschauende Planung im Sinne eines gedeihlichen und möglichst von Leiden befreiten Lebens verzichten sie auf Geheiß eines weiß gewandeten Männleins aus Rom, das sich für den Stellvertreter Gottes auf Erden hält.

Illustration: KI-generiert

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

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