Alois Schöpf
Jury oder Kunst?
Wohin geht die Blasmusik?
2. Teil:
Die Nachfrage schwächelt.
Analyse
1.. Teil: https://schoepfblog.at/alois-schopf-zeltfest-oder-kunst/
Die Innsbrucker Promenadenkonzerte im Innenhof der kaiserlichen Hofburg, wie sie im Juli jeden Jahres stattfinden, gehören zu den erfolgreichsten Kulturveranstaltungen des sommerlichen Tirol. So verzeichneten sie auch heuer wieder, trotz eines erdenklich schlechten Wetters, über Ticketverkäufe verifizierbare 20.600 Besucher.
Im Vergleich dazu brachten es ist die Tiroler Volksschauspiele Telfs auf 16.800, die Tiroler Festspiele Erl auf 11.600 und die Festwochen der Alten Musik auf 11.000 Besucher.
Interessant ist in diesem Zusammenhang die Gegenüberstellung der Subventionen: Das Land Tirol unterstützt die Innsbrucker Promenadenkonzerte mit 90.000 Euro, die Stadt Innsbruck mit 60.000, wohingegen die Tiroler Volksschauspiele Telfs 250.000 Euro an Subventionen vom Land erhalten, die Tiroler Festspiele Erl von Bund und Land zusammen 1,15 Millionen, die Festwochen der Alten Musik wiederum wurden im Jahre 2024 vonseiten des Landes mit 910.000 Euro unterstützt.

Wenn man bedenkt, dass die über Jahrzehnte in Tirol herrschende ÖVP sich ihre Wähler mit landesüblichen Empfängen, Zeltfesten und Blasmusik bei guter Laune hält, so ergibt sich aus der geradezu skandalösen Diskrepanz zwischen jenen Summen, welche die auf der Tiroler Volkskultur aufbauenden Innsbrucker Promenadenkonzerte erhalten, und jenen, die in die großbürgerliche, postfeudale Hochkultur fließen, die bittere Erkenntnis, dass die rurale Volksnähe unserer gewählten Herrscher lediglich eine Fassade ist, hinter der sich der kleinbürgerliche Ehrgeiz nach Aufstieg, Reichtum und entsprechendem Lebensstil verbirgt.
Die Chance, aus den Innsbrucker Promenadenkonzerten Salzburger Festspiele der Bläsermusik zu machen, übersteigt die kulturpolitische Vorstellungskraft der Entscheidungsträger offenbar bei weitem.
Obgleich diese Beobachtung ein eigenes Essay wert wäre, lautet die konkrete Frage der vorliegenden Überlegungen, weshalb genau jene traditionelle, klassische Blasmusik, die eigentlich Ausdruck unserer Tiroler bzw. Österreichischen Identität sein sollte, im Vergleich zu anderen Formationen im Gesamtangebot der Innsbrucker Promenadenkonzerte beim Kartenverkauf auf die geringste Nachfrage beim Publikum stieß.
Im Gegensatz dazu wurden die vorderen Ränge im Rahmen des Vorverkaufs und an den Abenden selbst, egal, ob sich nun das Wetter als freundlich erwies, was im Jahre 2025 nur sehr selten der Fall war, oder nicht, von ganz anderen Formationen besetzt: Von Brass Ensembles wie Thomas Gansch & Blasmusik Supergroup oder von German Brass zum Beispiel, oder von klassischen Symphonieorchestern wie den Münchner Symphonikern oder dem Tiroler Symphonieorchester Innsbruck, nicht zu vergessen das Johann Strauß Ensemble. Aber auch von Kammermusikensembles wie Vienna Clarinet Connection & Duo Minerva oder der Philharmonic Generation Vienna, welche die Gran Partita von Wolfgang Amadeus Mozart präsentierte.
Ebenso großer Beliebtheit erfreuten sich Brass Bands wie die R.E.T. Brass Band oder die Brass Band Fröschl Hall, aber auch Bigbands wie das Jazzorchester Tirol oder das Upper Austrian Jazz Orchester, aber auch die am Bigband-Sound orientierte Royal Band of the Belgian Navy.
Erst am 13. Rang erscheint als erstes klassisches Blasorchester das tatsächlich fulminant mit einem klar durchdachten Programm aufspielende Orchester der Französischen Marine, wohingegen sich das Musikkorps der Bundeswehr erstaunlicherweise erst am 21. Rang wiederfindet und die traditionellen Tiroler Trachtenmusikkapellen sich die letzten Ränge zu teilen haben.
Um hier sinnvolle Ursachenforschung betreiben zu können, muss vorausgeschickt werden, dass sich nach langjähriger Erfahrung (ich habe im Rahmen der Innsbrucker Promenadenkonzerte immerhin an die 600 Konzerte dramaturgisch betreut und ihren Erfolg oder Misserfolg durch persönliche Anwesenheit miterlebt) drei entscheidende Momente als Grundlage eines gelungenen Konzertabends herauskristallisiert haben.
Es ist zum einen die Qualität des Orchesters, zum anderen das Charisma des Dirigenten und zum dritten das Programm.
1. Die Qualität des Orchesters
Alljährlich gelingt es dem Salzburg Wind Philharmonic Orchester unter seinem Chefdirigenten Hansjörg Angerer mit Programmen, die jeweils von der klassischen österreichischen Unterhaltungsmusik des 19. Jahrhunderts ausgehend andere Länder mit ihrer in dieser Zeit dominierenden Unterhaltungsmusik musikalisch grüßen, bei einem sogenannten Dreikönigskonzerts nicht nur das große Festspielhaus in Salzburg mit seinen 2100 Sitzplätzen zu füllen, sondern auch im Fernsehen übertragen zu werden. Dies ist nur möglich, weil das Orchester aus in renommierten Orchestern tätigen, professionellen Musikern und Musikerinnen besteht und Hansjörg Angerer ein hochmusikalischer Dirigent ist, der sich außerordentlichen Mühen unterzieht, um alljährlich ein klug austariertes Programm zu präsentieren, das in Folge als Livemitschnitt sowohl auf CD wie auch auf DVD international vertrieben wird.
Woraus folgt: Wenn das Orchester hochkarätig ist, der Dirigent charismatisch und das Programm durchdacht, steht einem Erfolg nichts im Weg. Es geht bestenfalls noch darum, über Jahre hinweg das aktuell schlechte und damit schädigende Image der üblichen Blasmusik durch eine durchschlagend wirksame eigene Marke zu überspielen und die medialen Schranken trotz ausbleibenden Distinktionsgewinns dennoch zu überwinden.
2. Die Musiker sind Amateure, der Dirigent ist charismatisch, das Programm ist durchdacht.
Als Beispiel kann an dieser Stelle auf die Blütezeit der Tiroler Kaiserjägermusik verwiesen werden, als ein die Dramaturgie der Stücke klar strukturierender und präsenter Militärkapellmeister Hannes Apfolterer die Konzerte leitete und ein beneidenswert charmanter Präsident, der Hotelier Otto Plattner, mit geradezu kabarettistischen Betrachtungen das Publikum begrüßte.
Entscheidend war auch in diesem Fall ein aus dem altösterreichischen Werkkanon zusammengestelltes Programm, von dem das Publikum wusste, was es an dem Abend zu erwarten hatte. Einschränkend muss allerdings hinzugefügt werden, dass solche Konzerte heute ganz anders beurteilt würden, da sich die Anforderungen an eine transparente, von weit mensuriertem Blech weitgehend befreite Orchesteraufstellung und die Erwartungen an Intonation und Klangbild wesentlich verschärft haben.
3. Die Musiker sind Amateure, der Dirigent ist ohne besondere Ausstrahlung, das Programm ist durchdacht.
Diese Konstellation, die im Übrigen auf die allermeisten Musikkapellen, Blasorchester oder, wie sie sich neuerdings hochtrabend nennen, Bläserphilharmonien in Österreich zutrifft, erfordert es vor allem, durch strikte Markenbildung dem Publikum gegenüber zu kommunizieren, welche Musik es zu erwarten hat.
So kann, um ein besonders drastisches Beispiel zu verwenden, durchaus davon ausgegangen werden, dass im Falle einer Einladung der Original Hoch- und Deutschmeisterkapelle aus Wien der Innenhof der kaiserlichen Hofburg gerammelt voll wäre, und dies, obgleich das mangelnde Niveau des Orchesters seit Jahren eine solche Einladung nicht zulässt. An dieser Stelle ist auch ein André Rieu zu nennen, der, gruppiert um die Unterhaltungsmusik des 19. Jahrhunderts der Donaumonarchie, alljährlich den Hauptplatz von Maastricht mit über 80.000 Personen füllt und Millionen vor die Fernsehschirme lockt.
Ein herausragendes Beispiel ist naturgemäß auch das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, mit dem Hunderte Millionen weltweit erreicht werden. Wobei gerade in diesem Fall die unter Punkt 1 genannte Konstellation überragendes Orchester, meist ausgezeichneter Dirigent und redundantes Programm zusammen spielen, aufgrund der diskret konnotierten Mängel jedoch vor dem Fernsehschirm Einschlafattacken nicht auszuschließen sind.
Bilanz:
Unter Berücksichtigung der drei Parameter Orchester / Dirigent / Programm ist nun plötzlich klar, weshalb ein, zumindest in Innsbruck, durchaus musikalisch gebildetes und erfahrenes Publikum die vor allem heimischen Blasorchester auf die hinteren Ränge verweist.
Dies beginnt bereits, wie angedeutet, damit, dass die heimischen Trachtenkapellen aus Amateuren bestehen, was nicht ausschließt, dass sich in ihren Reihen durchaus professionelle oder zumindest semiprofessionelle Musiker befinden, aus sozialen Gründen jedoch auch Instrumentalisten mitgeschleppt werden, welche den Ansprüchen eines gehobenen Programms nie und nimmer gerecht werden können.
Des Weiteren ist es eine Tatsache, dass die allermeisten Kapellmeister und Obleute von Blasorchestern weder über eine musikalische noch über eine Allgemeinbildung verfügen, die sie in die Lage versetzen würde, aus ihrem Amateurverein mit Klugheit und Managementqualitäten ein Maximum an Leistung im besten Sinne eines Trainers herauszuholen und diese Leistung sodann mit Überzeugung dem Publikum zu vermitteln.
Ganz im Gegenteil: Die meisten Musikvereine suchen sich bewusst bei einem Kapellmeisterwechsel, angeblich der Jugend zuliebe, unerfahrene, in Wirklichkeit jedoch lediglich bequeme Kräfte, von denen zu erwarten ist, dass sie auf ein über das Soziale hinausgehendes scharfes Training im Dienste der Kunst verzichten.
Besonders gravierend fällt zuletzt ins Gewicht, dass bei noch so renommierten Musikvereinen das Publikum in Unwissenheit gelassen wird, welches Programm es von einem Orchester zu erwarten hat, ja, es scheint geradezu der Ehrgeiz der meisten Orchester zu sein, sich, da in Tracht auftretend, im Gegensatz dazu als modern zu präsentieren und angefangen von epigonaler, schwachsinniger Blasorchester-Original-Literatur bis hin zu peinlich instrumentierter kommerzieller Unterhaltungsmusik vollkommen auf jene historischen und traditionellen Wurzeln zu vergessen, welche einmal den guten Ruf der auch von Amateuren exekutierten österreichischen Blasmusik begründet haben.
Ganz in diesem Sinne sind auch die Programme der im unteren Feld der Rangliste agierenden in- und ausländischen Orchester ausgefallen: Es dominieren Planlosigkeit, Geschmacklosigkeit und Beliebigkeit! Jeder einigermaßen hörerfahrene Musikbegeisterte, ja selbst Blasmusikbegeisterte wird darauf verzichten.
Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.
Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen
