Alois Schöpf:
Die Mobilität ist eines
der höchsten Güter.
Apropos

Der heurige Osterverkehr hat wieder einmal alle Rekorde gebrochen. Zumindest im südöstlichen Mittelgebirge, wo die Stauflüchtlinge Richtung Brenner die Gemeinden lahm legten, sodass man mitten in Lans meinte, sich auf der Stadtausfahrt in Wien zu befinden.

Das Ganze wäre nicht weiter verwunderlich, wenn der größte Jammer der letzten Wochen nicht darin bestünde, dass die Benzin- und Dieselpreise in die Höhe schnellen und, wenn es nach unserer größten Oppositionspartei geht, Österreich davor steht, in bitterer Armut zu versinken.

Da davon im heurigen Osterverkehr noch nichts zu bemerken war, muss nach anderen Erklärungen gesucht werden. Die simpelste davon wäre, dass ein beträchtlicher Teil der Reisenden den Osterurlaub schon gebucht hat und wegen eines teureren Treibstoffpreises nicht daheim bleiben wollte, weil durch ein Storno der Schaden noch viel größer ausgefallen wäre. 

Andere werden sich wieder ausgerechnet haben, dass die erhöhten Fahrtkosten durch den Verzicht auf zwei große Bier oder angesichts ohnehin meist alarmierenden Übergewichts durch das Streichen eines Abendessens ausgeglichen würden.

Allerdings sind diese Gründe für den mit quälenden Staus zusätzlich belasteten Osterverkehr viel zu rational. Viel eher dürfte ein Blick in die Geschichte einen Erkenntnisgewinn versprechen.

Der Mensch ist erst seit ca. 12.000 Jahren sesshaft. Davor waren wir Jäger und Sammler, Geh-Tiere also, Nomaden, und das, seitdem wir als Homo sapiens existieren, also seit ca. 300.000 Jahren. Wobei alle, die bei diesen Wanderungen nicht mithalten konnten, ausgestorben sind.

Ist da die Vermutung nicht naheliegend, dass das Nomadische noch immer tief in uns steckt? Und dass daher die Mobilität einer unserer höchsten Werte ist, dem mit Warnungen vor der Klimakatastrophe, mit hohen Treibstoffpreisen und Appellen an die Vernunft kaum beizukommen ist?

Erschienen in der Tiroler Tageszeitung am11.04.2026

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Reinhold Webhofer

    Sg Hr Schöpf,
    die Mobilität ist inzwischen ein Fetisch, inkl. Auto, mit dem auch wir gute Geschäfte machen, also müssen wir auch nolens volens die Nachteile wie verstopfte Dörfer in Kauf nehmen. Warum aber
    ein Abfahrverbot in Kraft ist, das nicht sanktioniert wird, ist ein gut gehütetes Geheimnis. Würde man Strafen verhängen, wäre der Stauspuk auch in Lans bald zu Ende. Tut man aber nicht aus grenzenloser Freundlichkeit oder Unterwürfigkeit zum (meist deutschen) Gast, er – könnte ja nicht mehr kommen. Momentan läuft das Tourismusgeschäft gut, also keinen Wirbel hineinbringen, Herr Schöpf!
    Und zu Pfingsten folgt dasselbe Spiel….

  2. Karl Hentze

    Sehr geehrter Herr Schöpf, danke für Ihren kritischen Artikel in der TT!
    Ich frage mich, warum so viele Leute jammern. Trotzdem leistet man sich teure Urlaube und Flugreisen und im Winter die z.T. sehr teuren Schikarten! Da kann doch was nicht stimmen!
    Mit freundlichen Grüßen

  3. Sylvia Tschörner

    Lieber Alois,
    Wenn Du sagst, dass jene, „die bei den Wanderungen nicht mithalten konnten, ausgestorben sind,“ willst Du offenbar damit sagen: Die Wanderlust steckt in unserem phylogenetischen Erbe. So ausgedrückt ist das aber nicht richtig.
    Du vergisst die Rolle der Eiszeiten und anderer Naturkatastrophen, wie z.B. einen Ausbruch des mediterranen Supervulkans vor ca 40.000 (36.000) Jahren (von dem eine teilw. bis zu 60 m hohe Aschenschicht in der Gegend von Neapel und noch 2m hohe Tephra-Ablagerungen in der Steppenlandschaft an der Unteren Donau zeugen) und den Zusammenbruch der Thermohalinen Zirkulation (d. h. des Golfstroms, der die letzte Eiszeit um ca 400 Jahre verlängerte.) Die Menschen (neanderthalensis und sapiens), die damals in Italien und in Mitteleuropa lebten, starben sehr wahrscheinlich vergiftet von der ausgeworfenen Tephra oder weil es danach sehr lange nichts mehr zum Essen gab.

    Erectus starb nicht aus, weil er seinen Arsch nicht hochkriegte, er wanderte nach Spanien, nach Israel, nach Flores und sogar nach China. Viele Menschenarten dürften gestorben sein, weil sich Flora und Fauna veränderten. Wenn man Grosswildjäger ist und Kohlenhydrate nicht gescheit verdauen kann wie heidelbergensis oder später die Neandertaler, und die Pflanzen aussterben, die artgerechte Nahrung wären, verhungert man in Klimawandelzeiten.

    Richtig, Homo sapiens entstand vor ca 300.000 Jahren in Afrika, wanderte ca 40.000 vor Chr. nach Europa, später (klimabedingt?) retour nach Afrika und wieder zurück. Diese Wanderungen darf man sich aber nicht so vorstellen wie jene der Skythen oder der Hunnen, d.h. dass ganze Heere oder dass einzelne Individuen, Familien usw. tagelang marschierten oder weitgehend zu Fuß das Mittelmeer überquerten, was während der Eiszeitspitzen leichter möglich war als heute, weil der Wasserspiegel 120 bis 150m tiefer lag. Karten zeigen, dass man trockenen Fußes von Brindisi auf den Balkan oder quer über die Ägäis kam. Wir reden hier von Jahrtausenden, und nicht von Übersiedlungen in den sonnigen Süden, sondern davon, dass man, wie in Lappland oder der Mongolei dem Wild folgte. Während der Eiszeiten gab es Perioden, wo man in Norddeutschland wie heute in Namibia gelegentlich während des Frühstücks Mammuts und Wollnashörner sehen konnte, und Zeiten, wo die Alpen und Voralpen unter einem Eisschild lagen und nicht vergletscherte Teile von Frankreich und Spanien Tundra waren, wo man Pferde und Rotwild jagte. Die verschiedenen Hominini sind vermutlich hauptsächlich wegen den Auswirkungen von Klimaveränderungen und Klimakatastrophen wie dem erwähnten Supervulkanausbruch gestorben.

    Du hast auch Recht, dass die Menschen etwa 10.000 vor Christus im fruchtbaren Halbmond anfingen, sesshaft zu werden. Bei uns gab es noch nach der letzten Eiszeit eine Bevölkerung von Jägern und Sammlern, als ca 5000 vor Christus die sesshaften (!) Vorfahren von Ötzi aus der Türkei anreisten. Die lebten dann lange nebeneinander bis ca 3000 vor Christus indogermanische Einwanderer, diesmal aus dem Osten, kamen. Das ist so ungefähr der Wissensstand im Augenblick. Also kein Wandergen und wir müssen aufgrund unserer Veranlagung auch nicht einmal im Jahr nach Caorle fahren oder nach Thailand und in den Oman fliegen.
    Alles Liebe

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