Alois Schöpf
Die Landeshauptleutekonferenz
als skurriler Termin
Ein föderalistisches Psychogramm
Notizen

Warum wohl ist Finanzminister Markus Marterbauer einer der angesehensten Politiker des Landes? Doch wohl nicht, weil das Volk von seinen Steuer- bzw. Sparplänen so begeistert wäre, sondern wohl eher deshalb, weil er in der Öffentlichkeit nicht herumschwafelt, sondern nüchtern und geradeheraus sagt, was er denkt.

Dass ihm diese Ehrlichkeit nun zum Verhängnis wurde, hängt damit zusammen, dass er, wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern, eine Landeshauptleutekonferenz in der Steiermark, zu der er aus Wien angereist kam, anlässlich eines Interviews scherzhaft als einen der skurrilsten Termine seiner bisherigen Amtszeit bezeichnete. Es sei nämlich dort weniger verhandelt als gegessen und getrunken worden: Kartoffel-Pilz-Cremesuppe, rosa gebratener Kalbsrücken und Schokotarte, wie die Kronenzeitung zu berichten weiß.

Diese doch eher flapsige ministerielle Bewertung ihres erhabenen Tuns wurde von den Angesprochenen als Beleidigung und mit dem Vorwurf zurückgewiesen, Marterbauer hätte sich sehr wohl vom Fleiß seiner Kollegen aus den Ländern überzeugen können, wenn er der nächtlichen Sitzung nach dem Essen beigewohnt und die Gespräche am nächsten Tag mitverfolgt hätte. Anton Mattle aus Tirol ließ sogar, traditionell widerständig, verlauten, dass er bei der nächsten Landeshauptleutekonferenz in Tirol zwar nicht auf den landesüblichen Empfang, aber sehr wohl auf die Anwesenheit von Bundespolitikern verzichten werde.

Diese im Verhältnis zum weltweiten Kriegsgeschehen tatsächlich skurrile oder zumindest liebenswürdige innerösterreichische Zwistigkeit lässt zwei Fragen offen.

Weshalb verließ Marterbauer die Konferenz tatsächlich bereits nach dem Essen und nicht erst viel später? Könnte es gar sein, dass er, im Wissen um die wahren Machtverhältnisse, die intrinsische Hohlheit der Veranstaltung und die während des Festmahls bereits feststellbare Unwilligkeit bzw. Unfähigkeit der Anwesenden, diese Hohlheit irgendwie mit Inhalten zu füllen, mit wachem Verstand erkannte und daher einen weiteren Verbleib als reine Zeitverschwendung erachtete? Denn ganz im Gegensatz zu ihrer in den regionalen Medien vorgespielten Bedeutung verfügen die Länderparlamente und ihre Regierungen kaum über nennenswerte Macht. Sie sind als mittelbare Bundesverwaltung eher zu Gehorsam verpflichtet.

Könnte es daher, zweite Frage, nicht sein, dass genau dieser Hinweis auf ihre Bedeutungslosigkeit durch das Verhalten des Ministers, der Versammlung seine hoheitliche Anwesenheit zu entziehen, eine narzisstische Verletzung verursachte, die aus dem Glauben, etwas zu sein, und der ärarischen Aufklärung darüber, nichts zu sein, resultierte und sich im Gefühl äußerte, sich schwer beleidigt zu fühlen?

In der Realität ist nämlich Österreich ein föderaler, zentralistischer Bundesstaat, der den Landesparlamenten und ihren Landesregierungen lediglich Kompetenzen in Sachen Raumordnung, Baurecht, Natur- und Umweltschutz, Organisation der Landeskrankenhäuser, Kultur und Veranstaltungswesen, Kinderbetreuung und Jugendwohlfahrt, Landwirtschaft, Grundverkehr und teilweise im Schulwesen zubilligt, sie jedoch in allen anderen Bereichen, wie schon gesagt, als Vollzugsorgan der gesamtstaatlichen Verwaltung betrachtet.

Eine solche real existierende Hierarchie kann jedoch in Wahrheit weder von den Landeshauptleuten, die regelmäßig Wahlen zu schlagen haben, was zwangsläufig zu einer Überschätzung des eigenen Wirkens führt, noch von ihren Wählern akzeptiert werden, die angeblich von ihnen regiert werden: Nicht von den Wienern als Bewohner der Hauptstadt und Erben der Donaumonarchie, die unschuldiger Weise immer wieder mit dem Gesamtstaat verwechselt werden. Nicht von den sich als Freiheitskämpfer und Opfer des internationalen Transitverkehrs in der Nachfolge Andreas Hofers definierenden Tirolern. Nicht von den Steirern mit ihrem Erzherzog Johann, nicht von den Salzburgern, die sich für kleine Mozarts halten, und auch nicht von den übrigen Bundesländern, deren noch nachjustierwürdiges Selbstverständnis sie mitnichten daran hindert, sich ebenso als auserwählte Völker zu betrachten.

Die erträumte Bedeutung der Bewohner der Bundesländer, sie seien je etwas Besonderes, ergab nach Jahrzehnten der unhinterfragten Selbsterhöhung zuletzt eine sogenannte Identität, die jener Partei den Sieg und aus öffentlichen Haushalten honorierte Positionen sichert, die ihr am überzeugendsten durch volkskulturelles Gehabe, Auftritt in regionaler Kleidung, kerniges Argumentieren und durch authentische Liebe zu fetter bäuerlicher Kost begleitet von ortsüblichem Drogenkonsum in Form von Alkohol am überzeugendsten huldigt.

Dass der Finanzminister keine Lust hatte, bei einer solchen Eucharistiefeier der föderalen Ekstase des regionalen Führungspersonals dabei zu sein, beweist seine intakte Vernunftfähigkeit.

Bild: KI-generiert

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

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