Alois Schöpf
Die Kultur ist kein Thema.
Die Kultur interessiert niemanden.
Die Tiroler Landesregierung schon gar nicht.
Ein Überblick

Es wäre unvorstellbar, dass ein Politiker, der die Interessen der Bauern vertritt, noch nie in seinem Leben eine Kuh gemolken, gestriegelt oder ihr bei der Geburt eines Kalbes geholfen hat. Nur in der Kultur müssen wir es uns gefallen lassen, dass ein Elektrounternehmer und Bürgermeister einer abgelegenen Gemeinde den Landeshauptmann spielt, darüber hinaus noch für Finanzen, Personal, Gemeinden und Europa zuständig ist und sich zu all dem noch einbildet, das komplexe Feld der Kultur zu überblicken, eine Annahme, zu der sich nur jemand versteigen kann, der davon ganz bestimmt nichts versteht.

Und wenn man dann noch in der Zeitung lesen muss, dass die hochmögende Landesregierung im letzten Jahr ihres von Wahlkämpfen unbeeinträchtigten Regierens eine Klausur veranstaltet, um die noch offenen Punkte der Koalitionsvereinbarung abzuarbeiten, und dabei unter Kultur lediglich als einziger offener Punkt vermerkt wird, dass das Gebäude des ehemaligen Riesenrundgemäldes im Innsbrucker Stadtteil Saggen einer kulturellen Verwendung zugeführt werden möge, muss man endgültig seine Hoffnungen fahren lassen. Es wird sich nicht mehr ausgehen, in der kurz bemessenen restlichen Lebenszeit vielleicht doch noch einmal einen Glücksfall wie die vor 15 Jahren verstorbene Hilde Zach zu erleben, die zwar auch nur eine sogenannte Wurstsemmelverkäuferin, in Wirklichkeit jedoch eine begnadete Politikerin war und als letzte Innsbruck vorwärts gebracht hat.

Auf die Gefahr hin, die geneigte Leserschaft zu langweilen, sei hier nochmals eine Auswahl jener Themen aufgelistet, die es wert wären, im hoffentlich auf alle Zeiten letzten Arbeitsjahr dieser bemitleidenswerten Landesregierung zumindest wahrgenommen zu werden, obgleich sie mangels Interesse, aber auch mangels Qualifikation bestimmt nicht gelöst werden.

1.
Der Kulturdampfer Tiroler Landestheater mit seinen 450 Angestellten und 150 zeitweise Beschäftigten fährt anhaltend erfolgreich gegen die Wand und es würde nicht verwundern, wenn, um es auf Tirolerisch zu sagen, der Vertrag von Frau Girkinger grad extra verlängert würde, damit die für dieses ganze Theater Verantwortlichen Mattle und Anzengruber statt eine kapitale Fehlbesetzung ihrer vom Feminismus verblendeten Vorgänger einzugestehen, sich als Apostel der Wokeness dem Zeitgeist anbiedern können, um auf diese Weise die 260.000 Euro an hinaus geschmissenem Mediationshonorar und die ebenso unter dem glücklosen und für Girkinger mitverantwortlichen Georg Willi hinausgeschmissenen 180.000 Euro an Kulturstrategie-Honorar vergessen zu machen.

2.
Das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck dümpelt, obgleich es von der akademischen Ausbildung der Musiker her eigentlich so gut wie die Wiener Philharmoniker spielen können müsste, im selbstzufriedenen Mittelmaß dahin. Auf Tonträgern ebenso wenig präsent wie in der digitalen Welt, mit einem sogenannten Chefdirigenten, der aufgrund seiner fünfwöchigen Anwesenheit im Jahr gar nicht ein solcher sein kann und der anlässlich des Neujahrskonzerts bei seinem ersten Auftritt nicht gerade überzeugte, was die aus den hintersten Tälern angereisten Besucher aber nicht daran hinderte, ihren durch den Silvestertrubel verursachten Bewegungsmangel mit Standing Ovations und heftigem Klatschen nachzuholen.

3.
Da der Tiroler prinzipiell lieber betoniert, bevor er denkt, gibt es zwar immer noch kein intelligentes Museumskonzept, durch das man in der Lage wäre, die Grabesruhe der verschiedenen Häuser, inzwischen auch schon des „Tirol Panorama“, durch Interessantes und Relevantes aufzubrechen. Dafür wird um 60 Millionen Euro das Hauptgebäude quasi neu errichtet, ohne dass auch nur ein Quadratmeter Ausstellungsfläche dazu gewonnen würde, und obwohl das Haus schon vor 25 Jahren um 16,3 Millionen Euro grundlegend renoviert wurde.

Während der Zeit der Bautätigkeit entfällt natürlich die Frage nach einer verbesserten Besucherfrequenz, die vom fernab gelegenen Zeughaus ohnehin niemand verlangt und bei der im Hinblick auf das Volkskunstmuseum mit Zahlen operiert wird, die ins Fabelreich der Fake-News gehören, da sich in Wahrheit nur wenige für die alpinen Stübelen und Krippelen, sehr wohl jedoch viele für die Hofkirche interessieren, deren Zugang über das an diesem Ort übrigens vollkommen deplatzierte Volkskunstmuseum erfolgt.

Neben all dem ist die der modernen Kunst, was auch immer das sein darf, gewidmete „Kunsthalle Tirol“, ehemals Taxisgalerie, mit ihren ca. 800.000 Euro Kosten und ihren im Schnitt 22 Besuchern pro Tag eine skandalöse Petitesse.

4.
Einstmals innovativ und von Bedeutung für die Alte Musik-Bewegung, was schon daraus hervorgeht, dass fast alle, die bei Otto Ulf im Spanischen Saal des Schlosses Ambras auftraten, später internationale Größen wurden, sanken die Innsbrucker Festwochen mittels einer weiteren feministischen Fehlbesetzung zu einer überteuerten Provinzposse herab, die für 2026 als Highlight angibt, eine Oper aufzuführen, die 8 Stunden dauert und an zwei Abenden über die Bühne gehen soll. Hier wird der nur noch blöde Distinktionsgewinn eines Pensionisten-Publikums, welches das Urteil des Paris mit all seinen Folgen über sich ergehen zu lassen bereit ist, vom Staat mit 2 x 300 Euro pro Sitzplatz im Theater bezuschusst, der blanke Hohn all jenen gegenüber, die versuchen, mit ihrer künstlerischen Arbeit die Gegenwart zu begreifen.

5.
Wie man rasch einen Intendanten los wird, der es nicht bringt, und sich einen neuen angelt, der nicht nur das Publikum anzieht, sondern auch mit einem tüchtigen Chefdirigenten hervorragende Produktionen auf die Bühne bringt, könnte der Elektrounternehmer Mattle vom Bauunternehmer Haselsteiner lernen, insofern die unterschiedlichen Betriebsgrößen der beiden nicht auch in Sachen Kultur einen Vergleich eher widersinnig machen. Letzteres ist jedoch keine Entschuldigung dafür, dass die in den Entscheidungsgremien der Tiroler Festspiele Erl sitzenden Vertreter des Landes Tirol, das eigentlich auf Basis seiner Stimmenmehrheit etwas zu sagen hätte, brave Jasager sitzen, denen es gleichgültig ist, wenn das Privat-Festival mit seinem Glanz wie ein Fremdkörper, der auch in Abu Dhabi stehen könnte, eben in den Erler Wiesen gelandet ist. Kooperationen, von denen auch die heimische Szene profitieren könnte, existieren nicht.

6.
Sosehr man von unseren gewählten Herrschern nicht verlangen kann, dass sie ihren nach Kuhstall riechenden Populismus mit kulturpolitischem Sachverstand in Eins bringen, so sehr dürfte man doch annehmen, dass sie sich zumindest in der Volks- bzw. Breitenkultur als ihrer musikpolitischen Vorfeldorganisation ein wenig auskennen und sich zumindest in diesem Punkt um Qualität bemühen. Weit gefehlt.

So wurden gerade unlängst die Führungspositionen des mit seinen 16.000 Mitgliedern mächtigen und mächtig geförderten Tiroler Blasmusikverbandes mit Leuten besetzt, die von ihrer Kompetenz her nicht die geringste Chance haben, den Müllberg an minderwertiger Literatur, die landauf landab gespielt wird, auch nur minimal abzutragen. Dafür verhärtet sich die Volksmusik im Freundeskreis der Ewiggestrigen, die sich, nach außen hin brav und nett, hinter der Bühne fleißig die Posten zuschanzen, die G’schäfteln vermitteln und sich im lokalen Staatsfunk fernab von jedem auch nur annähernd objektiven Bewerbungsverfahren breitmachen.

Da geben es die Schützen schon billiger: für sie schlägt die Stunde beim Landesüblichen Empfang, jener traditionellen Methode, unser Land als ein tragisches Opfer einer durch den Tourismus zur Pflicht gewordenen Selbstmusealisierung dumm dastehen zu lassen.

Gipfel der Dummheit ist die gerade durchgeführte Abstimmung über die Beteiligung gewehrtragender Frauen, die mit überwältigender Mehrheit abgewiesen wurde. Als Rudolf Scholten den vor Jahrzehnten nicht minder renitenten Wiener Philharmonikern mittteilte, dass es Auswirkungen auf die staatliche Unterstützung des Orchesters haben würde, wenn sie weiterhin keine Frauen in ihre Reihen aufnähmen, hatte der Widerstand bald ein Ende. Man darf gespannt sein, mit welch gedrechselten Sätzen sich unser oberster Elektromeister da aus der Affäre zieht.

7.
Dass sich die nachhaltige ultrareaktionäre Verhöhnung einer Bevölkerung, die österreichweit die meisten Wechselwähler aufweist und auch sonst immer wieder Belege hoher wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Intelligenz präsentieren kann, zum ehernen Selbstbild eines ganzen Landes entwickeln konnte, dafür trägt der regionale ORF mit seinem Kampf um das niedrigst mögliche Niveau die Hauptverantwortung.

Was so über den ganzen Tag verteilt und des Abends kurzzeitig im Fernsehen geboten wird, ist miserabler Journalismus und dilettantische Unterhaltung in einem Ausmaß, wie sie in einem von den Zwangsgebühren aller Bürger finanzierten Medium einfach nicht vorkommen dürften. Dass sie dennoch vorkommen, obgleich die Politik hier nicht nur über die öffentliche Meinung, sondern auch über den Stiftungsrat durchaus Einfluss nehmen könnte, beweist, dass auch in diesem Fall die Kulturlosigkeit die entscheidende Botschaft der Tiroler Kulturpolitik ausmacht.

Vorläufiges Ende der Durchsage!


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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Alfred Lerchbaumer

    Fast ausnahmslose Zustimmung zur „Abrechnung“ über das „Kulturland Tirol“. Hinzuzufügen wäre höchstens noch, dass sich an diesen Zuständen nichts (oder nur wenig) ändern wird, da ein Großteil der Bevölkerung schon zu sehr eingelullt ist. Passend dazu eine ältere „Weisheitsfeststellung“: „Des Teufels liebste Lüge ist der Selbstbetrug“.

  2. Reinhard Kocznar

    Ich habe immer wieder gestaunt, welch kleine Führungsjobs schon Cäsarenwahn auslösen können. Diese Herren sind für unsereins nicht mehr erreichbar.

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