Alois Schöpf
Die katastrophalen Programme
der Frühjahrskonzerte
Oder:
Das Totalversagen des Musikunterrichts
Analyse

Wie jedes Jahr jammere ich vergeblich über die deprimierende und nicht weniger werdende Niveaulosigkeit der Konzertprogramme der Frühjahrskonzerte, zu denen unsere heimischen Musikkapellen einladen.

Eingeklemmt zwischen Arrangements kommerzieller Unterhaltungsmusik, die sich so gar nicht für den musikalischen Blechpanzer einer Blasmusik eignen, und sogenannten Originalkompositionen von Komponisten, die meist Amateure ohne Kompositionsstudium oder im besten Fall Profis sind, die sich auf der Suche nach einer Karriere in die Bubble der Blasmusik geflüchtet haben, von der aus sie dann ihre Kollegen von der hohen Kunst aufgrund hoher Aufführungszahlen auslachen können – eingeklemmt also zwischen zwei Arten schlecht geschriebener, schlecht arrangierter und meist auch schlecht gespielter Musik haben sich die letzten Reste der großen österreichischen Musik- und Blasmusiktradition aus den Konzertprogrammen verflüchtigt.

1 Werk aus dem klassischen Repertoire

Und jeder, der dies beklagt, wird als zu alt und als zu konservativ denunziert, weil er nicht weiß, was in der Gegenwart bzw. bei der Jugend wirklich gefragt sei.

Maximal noch drei Stückeln von zwölf, meist Märsche, erinnern selbst noch bei den leistungsstärksten Kapellen an das 19. Jahrhundert, als es Aufgabe der Blasmusik war, die Werke der Kunst- und Unterhaltungsmusik, wie sie in den Hauptstädten erklang, einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

1 Werk aus dem klassischen Repertoire

Nun könnte man berechtigterweise einwenden, dass genau dies auch heute geschieht, wenn aktuelle Unterhaltungsmusik gespielt wird, wohingegen sich die zeitgenössische Kunstmusik aus atonaler Verblendung in einer Weise vom Publikum, aber auch von der Spielbarkeit durch Amateure entfernt hat, dass es kaum noch jemanden gibt, dem sie näher gebracht werden könnte.

1 Werk aus dem klassischen Repertoire

Wenn dem tatsächlich so ist und, wie erwähnt, die globalisierte kommerzielle Popmusik sich schlecht dafür eignet, von einer durchschnittlichen Musikkapelle ohne peinliche Abstriche gespielt zu werden, und zugleich als Ersatz für die unzugängliche Moderne von den Verlagen leicht zugängliche, nach Moderne lediglich riechende, in Wirklichkeit jedoch symphonische Schlagermusik angeboten wird, kann daraus berechtigter Weise der Schluss gezogen werden: Vor diesem Hintergrund des Mangels an guter Literatur hätte die österreichische Blasmusik aufgrund ihrer großen Vergangenheit ein Alleinstellungsmerkmal, sofern sie sich als eine vor allem historische Orchesterform definiert, wie es etwa bei Barockensembles der Fall ist, deren Musikerinnen und Musiker deshalb nicht als reaktionär und gestrig eingestuft werden.

1 Werk aus dem klassischen Repertoire

Das Repertoire der klassischen altösterreichischen Blas- und Bläsermusik kann, um es zum hundertsten Mal zu wiederholen, auf einem Werkkorpus aufbauen, der, von der Harmoniemusik der Klassik ausgehend, über Bearbeitungen klassischer Werke bis hin zu Kompositionen reicht, die formal angelehnt an die Kunst- und Unterhaltungsmusik ihrer Zeit von kreativen Blasmusikkomponisten und Kapellmeistern in unendlicher Vielzahl geschaffen wurden. Es sei hier nur paradigmatisch der Name eines Julius Fucik genannt.

1 Werk aus dem klassischen Repertoire

Dass die Werke dieser im weitesten Sinn altösterreichischen Blasmusiktradition nicht in gleicher Weise trivial gerieten wie es die meisten zeitgenössischen sogenannten Originalkompositionen sind, resultiert zum einen aus einer seit vielen Jahrzehnten währenden Auswahl des immer noch Gültigen, also Klassischen (klassisch ist das, was bleibt), zum anderen aus einem damals noch einheitlichen Verständnis der Gesellschaft darüber, was ihre Musik und ihre musikalische Identität ist, und zuletzt aus dem fließenden Übergang von sogenannter Kunstmusik zu sogenannter Unterhaltungsmusik – eine Einheitlichkeit und ein Übergang, die es heute im Zeitalter der fragmentierten Musikrichtungen und Geschmäcker nicht mehr gibt.

0 Werke aus dem klassischen Repertoire

Ob diese Analyse nun ganz oder im Detail befürwortet oder abgelehnt wird, Tatsache ist jedenfalls, dass die immer vollständigere Verflüchtigung der Werke und der Traditionen der Österreichischen Blasmusik ausgerechnet von Leuten, die sich bei ihren Auftritten in Tracht kleiden, nicht einmal diskutiert, sondern etwa vom neuen Tiroler Landeskapellmeister mit dem Satz abgetan wird: Bezüglich der Programme gibt es keinen Grund sich einzumischen, unsere Kapellmeister wissen schon, was sie zu spielen haben.

1 Werk aus dem klassischen Repertoire

Den führenden Persönlichkeiten der Blasmusikszene fehlt offenbar jedes Problembewusstsein. Dies gilt jedoch auch für die Politik, deren prominente Vertreter bei Konzerten, bei denen ein kurzer Mitschnitt auf Youtube bereits genügt, um musikalisch Abgründiges diagnostizieren zu können, in folgendes Lob ausbrechen:

2 Werke aus dem klasssichen Repertoire

Man soll ja mit Superlativen nicht inflationär umgehen, aber das Frühjahrskonzert der Musikkapelle … war schlicht und ergreifend großartig. Ein wirklich anspruchsvolles Programm, umgesetzt mit ganz viel Professionalität und Herz. Danke an Kapellmeister … für seine große Liebe zur Musik, die er an seine Kapelle weitergibt, und Dank dem Obmann …, der für Struktur und eine perfekte Organisation sorgt und dafür, dass der Teamgeist lebt. Liebe Musikanten und Musikantinnen, Ihr könnt richtig stolz auf euch sein, ich bin es auf jeden Fall.

1 Werk aus dem klassischen Repertoire

Solches postet eine Nationalrätin, von der man als Repräsentantin der Kulturnation Österreich doch annehmen müsste, dass sie über ein Minimum an musikalischer Bildung und daraus entwickeltem Geschmack verfügt. Tut sie aber nicht. Wie auch die meisten ihrer Kollegen, die bei grottenschlechten Blasmusikkonzerten mitten in der Provinzmetropole Innsbruck in Begeisterung ausbrechen, wenn sie einem Orchester zuhören, das sich in völliger Selbstüberschätzung als die Wiener Philharmoniker Tirols bezeichnet.

0 Werke aus dem klassischen Repertoire

Aber nicht nur den Politikern fehlt die musikalische Bildung, was in Anbetracht ihrer oft niederschmetternden kulturpolitischen Fehlentscheidungen schon schlimm genug ist. Vor allem den Kapellmeistern, die für die Programme verantwortlich zeichnen und von denen man doch annehmen könnte, dass sie sich für Musik interessieren, fehlt sie.

Daraus jedoch ergibt sich zwingend die Frage, wozu sich die Kulturnation Österreich eigentlich eine Musikförderung, einen Musikunterricht in den Schulen und einen Instrumentalunterricht in den Musikschulwerken leistet, wenn so offensichtlich nichts dabei herauskommt? Muss man nicht an den offenbar an Reformen interessierten Unterrichtsminister und die Kulturreferenten der Länder, welche für die Musikschulwerke verantwortlich sind, die hochnotpeinliche Frage stellen, wie es um den Sinn einer so teuren Investition bestellt ist, wenn ihr Ergebnis nachweislich darin besteht, dass die Hauptakteure der musikalischen Breitenkultur offenbar keine Ahnung davon haben, worin musikalisch und soziologisch ihre Aufgaben und Chancen bestünden und auf welcher großen Geschichte und Tradition, die sie zu pflegen vorgeben, ihre Tätigkeit aufbaut.

1 Werk aus dem klassischen Repertoire

Ausgenommen von dieser kritischen Frage ist lediglich der österreichweit sehr erfolgreiche Instrumentalunterricht, eine Tatsache, die jedoch dadurch besonders betrüblich wird, als Tausende bestens ihre Instrumente traktierende jugendliche Musikerinnen und Musiker mit kompositorischem Müll abgefüttert werden. Dass dieser Umstand natürlich auch auf die dramatisch mangelnde musikalische Bildung der Musiklehrerinnen und Musiklehrer zurückzuführen ist, gilt als weiterer Kritikpunkt an den dafür verantwortlichen Konservatorien und Musikhochschulen.

2 Werke aus dem klassischen Repertoire

Wer die vorliegende Analyse übertrieben findet, möge sich zumindest die Mühe machen, die in diesen Artikel einkopierten Konzertprogramme zu studieren und sich dabei die Frage zu stellen, welches Konzert tatsächlich interessant genug wäre, um es zu besuchen.

Vorbildliches Programm

In den allermeisten Fällen werden die Säle bei Frühjahrskonzerten nämlich nicht von einem anonymen Publikum, das wegen der Musik kommt, sondern von Freunden, Freundinnen, Verwandten und Bekannten der Musikerinnen und Musiker gefüllt. Abgesehen von solchen persönlichen Beziehungen ist der künstlerische Wert der allermeisten Konzerte nämlich, wie bereits festgestellt, zu vernachlässigen.

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Heinrich Poberschnigg

    Evolution, natürliche Auslese, Angebot und Nachfrage und Senf!

    Ja Senf, denn das ist auch ein Klassiker, der schon seit Jahrhunderten als Gewürz das Essen verfeinert. „Seinen Senf dazugeben“ gab ihm (Senf) eine steile Karriere abwärts.

    Ist das bei den heimischen Musikkapellen auch so, dass die „Reste der großen österreichischen Musik- und Blasmusiktradition“ grad eine steile Karriere abwärts liefern? Gar – unpopulär sind?
    Ja es mag stimmen. Die Aufgabe der Blasmusik im 19. Jahrhundert war, die Werke der Kunst- und Unterhaltungsmusik einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Die Blasmusik hat sich aber auch erst formen und finden müssen. Komponisten und Bearbeitungen fanden sicher nicht immer sofort ihren Anklang in jener Zeit.

    Ohne eine Evolution in der Musik gäbe es im Musikunterricht und Studium nicht viel über Musikepochen zu erzählen!?
    Leben braucht Veränderung und auch in der Musik gibt es eine natürliche Auslese, die seit Jahrtausenden funktioniert.
    Wie überall wird Angebot und Nachfrage in den Musikkapellen und beim Publikum Veränderungen erwirken. Das wird einige(n) Liebhaber:innen vielleicht nicht ganz so gefallen.

    Es scheint mir schon so, dass hier gerade eine gewisse Evolution/Findung in der Szene stattfindet. Und das sehe ich durchaus positiv. Ich würde niemanden als konservativ beschreiben, der sich mit den vielen Frühjahrkonzerten, die derzeit auf und ab im ganzen Land gespielt werden, nicht finden kann nur weil zu wenig klassische Blasmusik vorkommt. Die Schönheit der Musik schallt im Ohr des Hörers und der geht ja schließlich freiwillig ins Konzert.

    Bei der Aussage des Landeskapellmeisters mache ich den Punkt früher. „Bezüglich der Programme gibt es keinen Grund sich einzumischen.“
    Jeder Kapellmeister weiß, dass es ist viel Arbeit ist, passende Stücke für seinen Klangkörper zu finden. Sämtliche Stücke sollten ja die eierlegende Wollmilchsau abgeben, die jedem gefällt, und in der vorhandenen Besetzung spielbar ist, etc. Aus allen möglichen Gründen ergibt sich dadurch eine sehr große Bandbreite bei den Amateuren in der Blasmusik die ihr bestes geben, Freude am musizieren haben. In den genannten Programmen finde ich sehr viel Interessantes für mich.

    Dass nichts von den „Musikschulwerken geleistet wird und offensichtlich nichts dabei herauskommt“ oder der Nachwuchs mit „kompositorischem Müll abgefüttert wird durch den Umstand dramatisch mangelnder musikalischer Bildung der Musiklehrerinnen und Musiklehrer“? Harte Worte an eine Berufsgruppe und meiner Meinung nach „Erfolgsmodell“ um das uns andere beneiden.

    Ein paar Worte zu Kompositionen und Arrangements. Natürlich gibt es sie. Die schlechten Arrangements. Ich für meinen Teil habe meine Vorstellungen von einem Original und sortiere passend für mich aus. Es macht mir aber keinen Unterschied ob ein gutes oder schlechtes Arrangement schlecht gespielt wird. Umgekehrt macht es einen Unterschied. Seit Jahrhunderten, ja Jahrtausenden wird komponiert, mal besser mal schlechter. Namen bleiben. Andere nicht.

    Ich hab mal einen „Profi“ gefragt warum heute keiner mehr wie Mozart schreibt? Schließlich ist die Musikwelt ja der Meinung, dass es geniale Werke sind. Er meinte wohl sinngemäß „irgendwann war alles in seinem Stil geschrieben“. Gott sei dank haben sich bis heute weitere Epochen aufgetan! Wir sind grad auf einem Findungstrip, mal sehen wo die Reise hingeht.

    Zu mir und meinen Ängsten.
    Ich bin offen für alle möglichen Richtungen der Musik. Egal aus welchem Erdteil und welcher Zeit. Mein Liebling ist die Filmmusik. Auch so ein neuartiger Stil der seit nun 100 Jahren alle möglichen Triebe sprießen lässt. Bewegten Bildern Leben einhauchen. Wow. Tolle Sache! Kann so großartig sein, dass ganze Kinosäle tränengetränkt verlassen werden. Erich Wolfgang Korngold, Miklós Rózsa, John Williams und Hans Zimmer haben AUCH Klassiker geschrieben. Hans Zimmer leider neuerdings nur noch am PC. So wird’s dann modern auch gelehrt. Waves, Samples, Soundscapes. Atmosphärische Musik halt. Finde ich jetzt auch nicht immer toll. Vor allem kann ich so was nicht mehr mit meinem Instrument spielen. Ich verschließe mich nicht davor. Will ja nicht beim Holzrad bleiben das man vor tausenden Jahren erfunden hat. Die Zeit zeigt, ob ein musikalisches Thema aus einem Film oder nur die Geräuschkulisse in Erinnerung bleibt. Hoffe Ersteres.

  2. Paul Kaiser

    Welche Titel würden Sie in einem zeitgemäßen Frühjahrskonzert-Programm verwenden?

    1. schoepfblog

      Geschätzter Herr Kaiser!
      Ich führe in meinem Artikel als letztes Programm jenes der Swarovski-Musik an und halte es für vorbildlich.
      Mit besten Grüßen
      Alois Schöpf

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