Alois Schöpf
Wie die Finanz
die Almgastronomie ruiniert.
Notizen

Weshalb bleibt der allgemeine Aufschrei aus und reduziert sich nur auf einen Protest des Heimatschutzsprechers der FPÖ, was üblicherweise die politische Konkurrenz zum Anlass nimmt, ein Problem, da von der FPÖ benannt, zu ignorieren?

Wo sind eigentlich all die Tirol WerberInnen und GeschäftsführerInnen der Tourismusverbände geblieben, die von den Abgaben ihrer Gäste und Hoteliers leben? Wo ist ihr Protest, wenn der Staat ein Alleinstellungsmerkmal des Tiroler Sommers zu ruinieren versucht? Gilt für die Genannten die Zugehörigkeit zu den zehrenden Berufsständen mehr als die Realitäten jener, die über 1000 Höhenmetern eine Almwirtschaft zu betreiben versuchen?

Diese Realitäten scheint auch unser honoriger, aber aufgrund seiner Berufslaufbahn doch eher aus der Theorie in die Politik hereingeschneiter Finanzminister aus dem Auge verloren oder nie darin gehabt zu haben. Sonst hätte er wohl nicht auf den kategorischen Imperativ von Kant angespielt, wenn er sagt:

Null Toleranz bei Betrugsbekämpfung gilt überall, in der Stadt und am Land, am Berg und im Tal.

Dass er mit solchen Aussagen im Höchststeuerland Österreich mit einer Abgabenquote von 43,6 Prozent auf die Schadenfreude der meisten vom Staat Ausgeplünderten zählen kann, ist dabei menschlich verständlich wie es typisch für einen weltfremden Bürokraten ist, wenn er auf Restaurants, in denen hochmögende Politiker ihren Mittagshunger stillen oder ihre abendlichen Netzwerke spinnen, denselben Gleichheitsgrundsatz anwendet wie auf ärmliche Almwirtschaften. 

Letztere wurden dieser Tage nämlich von der Finanzpolizei geprüft, wozu das Ministerium in einer Aussendung feststellte: Im Rahmen einer gezielten Schwerpunktaktion nahm die Finanzpolizei im Amt für Betrugsbekämpfung im September 2025 die Almhüttenbetriebe in Tirol und Vorarlberg unter die Lupe. Im Fokus der Kontrollen standen insbesondere die ordnungsgemäße Anmeldung von Dienstnehmern zur Sozialversicherung, die Einhaltung arbeitsrechtlicher Vorschriften sowie steuerliche Pflichten. In insgesamt 32 Betrieben wurden 128 Beschäftigte kontrolliert. Die Höhe der zu erwartenden Strafen beläuft sich insgesamt auf rund 100.000 Euro.


Die Realität

Als begeisterter Wanderer kenne ich an die 20 Almen, die ich regelmäßig besuche und in denen ich einkehre. Allen gemeinsam ist, dass sie, um es auf neuhochdeutsch zu sagen, von Freaks betrieben werden, von Menschen also, die ihrem Job nicht aus finanziellem Gewinnstreben nachgehen, sondern weil sie die Natur, die Stille, die Einsamkeit oder einfach nur das Archaische und Individuelle lieben. Oft sind es Hobby-Gastronomen, die früher in anderen Berufen tätig waren, meist sind es Idealisten, die sich eine Art Traum erfüllen oder sich in den Dienst einer familiären Tradition stellen, die es ihnen gebietet, auch dieses grenzrentable Eigentum weiterhin zu pflegen und für die Nachwelt bzw. für ihre Zeitgenossen zu erhalten.

Oft sind es Menschen, für die die alpinen Landschaften eine intensive Schönheit ausstrahlen, die man, wie alles Erhebende und Heilige, mit anderen teilen möchte.



Zugleich zeichnet sich der Arbeitsalltag auf einer Alm dadurch aus, dass bei schlechtem Wetter niemand kommt. Bei schönem Wetter kommen jedoch sehr viele, was es notwendig macht, sämtliche gehfähigen Verwandten und Bekannten zu mobilisieren, damit sie im Service, in der Küche oder beim Abwaschen mithelfen.

Trotz solch wetterbedingter Unsicherheiten müssen Almhütten hygienisch und feuerpolizeilich gesetzlich vorgeschriebenen Standards entsprechen, was für die Wanderer gut ist, andererseits aber auch schon dazu geführt hat, dass etwa einer neu erbauten Almhütte die Konzession zur Almwirtschaft verweigert wurde, weil die Türen in die falsche Richtung aufgingen und die Küchenflächen nicht aus Nirosta-Stahl bestanden.

Die Belastung für Almwirtschaften aus diesen im Hinblick auf Gesundheit und Sicherheit zurecht bestehenden Vorschriften ist bereits so streng, dass viele potentielle Interessenten schon allein deswegen die Lust verlieren, sich neben Pachtzahlungen auf das Abenteuer einer Almgastronomie einzulassen.

Dass unter solchen Bedingungen dann der Staat auch noch die Anmeldeprozeduren für 4 Stunden Küchenhilfe für die Tante, 6 Stunden Aufräumarbeiten für den Onkel und 4 Stunden Service für die Freundin des Jungwirts und dazu genaue Zeitpläne unter Berücksichtigung von Überstundenzuschlägen und der Einhaltung von Ruhezeiten verlangt, und das für die Dauer des ganzen Sommers, ist eine Schikane, die eine eigene Bürokraft erfordern würde, im Dirndl natürlich.

Zum grotesken ärarischen Glasperlenspiel wird die Sache endgültig, wenn man berechnet, wie viel die in der Regel zu dritt auftauchenden Finanzpolizisten kosten und was sie, wenn sie geprüft haben, dem Staat bringen. Hunderttausend Euro Strafe für den Einsatz von je drei Beamten bei 32 Betrieben inklusive Hin- und Rückfahrt zum und vom Tatort werden da nicht ausreichen, sodass zum Schaden an der Marke Herz der Alpen bzw. Wanderbares Österreich auch noch ein finanzieller Verlust kommt. Aber wann hätte dies je eine Bürokratie gekümmert, wenn es doch gilt, den Bürgern den Gleichheitsgrundsatz beizubringen?

Weshalb wohl ist Tirol eine führende Tourismusdestination in den Alpen? Und das seit Jahrzehnten? Weil sowohl Einheimische als auch Gäste in den Sommermonaten auf den Almen oft besser und billiger essen und trinken können als im Tal, ein Angebot also, das bei gleichzeitiger Schonung der Umwelt der einheimischen Bevölkerung und den Gästen die Möglichkeit zu einer sanften sportlichen Betätigung bietet, deren Effekt unter anderem darin besteht, dass die Daten in Bezug auf die Gesundheit und durchschnittliche Lebenserwartung in Tirol und Vorarlberg zu den Besten in Österreich gehören.



Wenn es trotz alledem immer schwieriger wird, Pächter für Almwirtschaften zu finden, so ergibt sich daraus die klare Forderung: Sosehr es richtig ist, dass Gesetze für alle in gleicher Weise zu gelten haben, so ist es auch richtig, dass sich diese Gesetze auf Gleiche beziehen müssen. Es ist die typische Arroganz der Bürokratie, Unvergleichbares, nur weil es einen ähnlichen Namen hat, über einen Kamm zu scheren. Dabei wären gerade hier die Gesetze den spezifischen, da für die Allgemeinheit so wichtigen Rahmenbedingungen anzupassen.

Besonders schikanös wird das Verhalten des Staates, wenn etwa drei bestens gelaunte Herrn eine Alm besuchen, dort gut essen und trinken und mit dem Wirt ein freundschaftliches Gespräch pflegen, um eine Woche später wieder aufzutauchen, sich als Finanzpolizei auszuweisen und dem Seniorchef zu verkünden, dass ihm die Pension aberkannt werden soll, weil man ihn dabei erwischt habe, dass er seinem Sohn bei der Bewirtung der Gäste geholfen hat. So geschehen im Navistal.

PS:
Nicht minder schikanös ist es, in diesem Fall trifft es nicht die Finanz, wenn es einem Wallfahrtsgasthaus oberhalb von Innsbruck vonseiten des vermietenden Ordens untersagt wird, während der Wintermonate zu schließen, zugleich jedoch den Betreibern einer Skipiste die Erlaubnis erteilt wird, die durch ein Servitut geschützte Zufahrt zum Gasthaus meterhoch mit Kunstschnee zu bedecken, sodass ein Besuch desselben de facto ausgeschlossen ist und der Pächter all das, was er im Sommer verdient hat, im Winter aufgrund von Personal- und Heizkosten bei ausbleibenden Gästen wieder verliert. 

Inzwischen schmeißt binnen weniger Jahre schon der vierte in dieser Art Betrogene in Heiligwasser oberhalb von Igls das Handtuch! Man nennt das dann: Angewandte christliche Nächstenliebe.

Fotorechte: Hannes Holzmeister

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Hannes

    ……. nach dem Motto, „denn sie wissen nicht was sie tun“! Wie recht Du hast, guter Alois Schöpf!

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