Alois Schöpf
Die Dorfbewohnenden
Oder:
Die feministische Revolution vom Schreibtisch aus
Notizen

In den 1970-er-Jahren, als mit dem Salzburger Residenz-Verlag eine Riege neuer Autoren die österreichische Nachkriegsliteratur begründete, war man der festen Überzeugung, dass man die Übelstände des sich ausbreitenden Massenwohlstands und der Konsumverblödung des durchschnittlichen, vom Wirtschaftswunder begeisterten, spießigen und immer noch nationalsozialistischen Österreichers samt Gattin am besten durch den mittels staatlicher Subventionen ermöglichten Zweifel an der Sprache und durch die Veränderung der Sprache selbst herbeiführen könne.

Diese maßlose Selbstüberschätzung, die allerdings mit dem unvergleichlichen Komfort einherging, den Hintern nicht aus dem Bürosessel heben zu müssen, führte zu unlesbaren Büchern, in denen die Autoren ganz bewusst ihre Unfähigkeit ausdrückten, etwas zu sagen, weshalb sie es, wenn sie es dann doch sagten, um die Seiten zu füllen, im Konjunktiv taten.

Inzwischen sind die meisten dieser einstmals berühmten Damen und Herren nur noch für die Bachelor-Arbeit eines zukünftigen Deutschlehrers geeignet. Gelesen werden sie nicht mehr. Übrig geblieben sind aus dieser Epoche zwei Marketinggenies, die schon von Jugend an das neueste Lüftchen des Zeitgeists zu erschnuppern in der Lage waren. Der einstmals freche und inzwischen dauerhaft grantige Esoteriker und Serbenfreund Peter Handke und die einstmals mit ihrer Schönheit prunkende und nunmehr nur noch logorrhötische Produzentin von Textflächen Elfriede Jelinek. 

Beide wurden mit dem Nobelpreis ausgezeichnet und sind somit erneut an der vordersten Front des Geisteslebens Zeitzeugen für die Verblasenheit einer intriganten schwedischen Akademie, welche die Preise vergibt, und für die inzwischen flächendeckende Bedeutungslosigkeit des gedruckten oder von wahnsinnigen Regisseuren beliebig verhunzbaren Dichterworts.

Einer der Gründe für diesen Niedergang ist der Umstand, dass sich in den letzten acht Jahrzehnten seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges unglaublich vieles geändert hat, ganz bestimmt jedoch nicht dadurch, dass unsere Dichter an der Sprache zweifelten und im Konjunktiv schrieben. Trotz dieses unbestreitbaren Misserfolgs blieb jedoch die These, man könne die Welt verändern, indem man die Sprache über sie verändert, aufgrund ihres attraktiven Komfortversprechens ungebrochen beliebt, ein Umstand, der ja auch aus dem anhaltenden Erfolg der katholischen Kirche und ihres wirklichkeitsfernen Versprechens eines ewigen Lebens hinlänglich bekannt ist.

Vor allem in den letzten Jahren hat nun ein militanter Feminismus diesen Glauben an die Veränderbarkeit der Welt durch Sprache wieder aufgenommen. Auch hier geht es darum, sich den mühsamen politischen Kampf um die Gleichberechtigung der Geschlechter, zum Beispiel in Form einer verbesserten Pensionsvorsorge zur Verhinderung von Altersarmut der Frauen, zu ersparen und stattdessen, wiederum vom Bürosessel aus, durch die Einführung von Gendersonderzeichen, Sternchen, Binnen I und Doppelpunkt, die Revolution in Gang zu setzen.

Über den arroganten Unsinn, die Sprache zusätzlich zur Information, die sie zu transportieren hat, in einer zweiten, nicht nachgefragten Ebene als Propagandainstrument zu missbrauchen, wurde in diesem Blog bereits ausführlich referiert. Inzwischen kann davon ausgegangen werden, dass die so offensichtliche Zerstörung jeglicher Lesbarkeit, die sich bestenfalls noch staatlich alimentierte Universitätsinstitute im Verkehr miteinander leisten können, dazu geführt hat, dass selbst die der Wokeness gewogensten Medien, um nicht noch die letzten ihrer Abonnenten zu verlieren, auf solche Sonderzeichen verzichten und selbst der zu besonderer Belehrung neigende staatliche österreichische Rundfunk nach einer Umfrage unter seinen Konsumenten, die sich zu 80 % dagegen aussprachen, vom sogenannten Glottisschlag bei den Moderationen seiner sich dem Zeitgeist anbiedernden Nachrichtensprecher absieht.

Interessant ist dabei zu beobachten, dass die, wie schon gesagt, komfortable und damit äußerst billige Methode, sich durch Sonderzeichen als fortschrittlich zu gebärden, noch immer beharrlich von Publikationen besonders konservativer Natur gepflegt wird. So wurde etwa ohne meine Einwilligung einer meiner Artikel, den ich in meiner Eigenschaft als Blasmusikfachmann der Österreichischen Blasmusikzeitung zur Verfügung stellte, durch Doppelpunkte gegendert. Ein Satz in meinem Text lautete: „Nach ihrem Dienst in den Garnisonen der Donaumonarchie kehrten die Musiker in ihre Heimatdörfer zurück und übernahmen dort sehr oft die dörfliche Musikkapelle als Kapellmeister.“ Daraus wurde: „Nach ihrem Dienst in den Garnisonen der Donaumonarchie kehrten die Musiker:innen in ihre Heimatdörfer zurück und übernahmen dort sehr oft die dörfliche Musikkapelle als Kapellmeister:innen.“

Der Redaktion scheint aufgrund ihres Wahns, unbedingt als auf der Höhe der Zeit erscheinen zu wollen, die Tatsache entgangen zu sein, dass im 19. Jahrhundert bei den Militärmusikkapellen keine Frauen mitwirkten und auch in den Dörfern, in die sie zurückkehrten, keine weibliche Person jemals das Amt eines Kapellmeisters innehatte.

Es ist also nicht dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder oder der niederösterreichischen Landeshauptfrau Mikl-Leitner, die sie per Erlass verboten haben, zu verdanken, dass die Gendersonderzeichen mehr oder weniger der Vergangenheit angehören, sondern schlicht der Tatsache, dass sie Sinn, Sprachbild, Lesbarkeit und (Welch ein Ehrgeiz!) die Schönheit der deutschen Sprache verunstalten.

Selbstverständlich war nicht zu erwarten, dass damit all jene, die nach wie vor an die Veränderbarkeit der Welt durch die Veränderung der Sprache über sie glauben, klein beigeben würden. Sie haben längst den nächsten Angriff gestartet und gehen es jetzt lediglich diskreter an, indem sie das die Männerherrschaft begründende und weiterhin bestärkende generische Maskulinum durch ein substantiviertes Partizip (auch nominalisiertes Partizip genannt) ersetzen, das als Substantiv verwendet wird.

So wird aus dem Studenten der Studierende oder aus den Forschern die Forschenden, aus dem Wähler der Wählende, aus den Denkern die Denkenden und aus den Köchen die Kochenden. Allerdings bislang noch nicht aus der Studentenzeitung die Studierendenzeitung oder aus den Gläubigern die Glaubenden. Ziel ist es jedenfalls, zuerst die Geschlechterneutralität in der Sprache und sodann die Erkenntnis in der Welt durchzusetzen, dass das Geschlecht ein kulturelles Konstrukt ist, aus der sich die fortschrittlichen, toleranten, weltoffenen Zeitgenießenden durch einen fortschrittlichen, toleranten, weltoffenen Sprachgebrauch herauszuhalten haben.

Dies führt in Vollendung zu Wortungetümen, wie es beispielhaft einem Bericht des ORF über einen Bergsturz in einem Schweizer Hochgebirgstal zu entnehmen war und das auch zu den vorliegenden Überlegungen Anlass gab. Es wurde berichtet, dass die Bevölkerung aus dem Gefahrengebiet abgesiedelt werden müsse, was die Kommentatorin dazu veranlasste, doch tatsächlich von den „Dorfbewohnenden“ zu sprechen. Auch hier scheint nicht aufgefallen zu sein, dass vom Erlass der Gemeinde nicht nur jene betroffen waren, die sich zu diesem Zeitpunkt im Dorf aufhielten, sondern auch jene, die sich zum Beispiel im Ausland befanden: die aktuell nicht im Dorf wohnenden Dorfbewohner also!

Wem in all den vergangenen Jahrzehnten nicht aufgefallen ist, dass man durch Sprache zwar agitieren, aber die Welt nur marginal verändern kann, dem muss Dummheit unterstellt werden. Da jedoch die allermeisten, die gendern, eher zu den Intelligenten oder zumindest zu den gut Ausgebildeten gehören, kann der Befund nur lauten: Wer gendert, – ob besonders blödsinnig mit Genderzeichen oder etwas sensibler mit substantiviertem Partizip – möchte sich unter dem Vorwand, die Welt zu retten, dem Leser als fortschrittlich präsentieren. Eine solche Präsentation sollte sich jedoch, wenn sie denn schon sein muss, nicht aus einer dem eigentlichen Text aufgesetzten moralischen Belehrung erfolgen, sondern aus der Schlüssigkeit von Argumenten.

Woraus folgt: Wer gendert, sodass es auffällt, will eitel blenden und beweist zugleich einen Mangel an schriftstellerischem und journalistischem Können. Es empfiehlt sich daher, schon in der Buchhandlung in einem Buch zu blättern, um zu sehen, wie ein Autor oder eine Autorin mit ihrer Eitelkeit umgeht, und im Falle auf den Kauf zu verzichten. Was im Geschäft möglich ist, ist leider beim täglichen Medienkonsum schwieriger. Man wird nicht eine ganze Zeitung verwerfen oder ein ganzes Fernsehprogramm verweigern, nur weil einige Beiträge ideologisch infiziert sind. In diesen Medien werden wir uns leider an das Übel, da es diskreter daherkommt, noch länger gewöhnen und es als eine unangenehme Duftmarke im Rinnstein der Debattenkultur ertragen müssen.

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

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