Alois Schöpf
Die Dienstmusik und das Lächeln
Das 5. Symphoniekonzert
des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck
mit Werken von
Felix Mendelssohn-Bartholdy und Joseph Haydn
Ganz erschließt es sich mir nicht, weshalb die Konzerte des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck, offensichtlich im Dienste verzweifelten Marketings, neuerdings unter ein Motto gestellt werden müssen. Im vorliegenden Fall lautete es Eine feste Burg, was nur am Rande etwas mit dem gestrigen Konzert zu tun hatte und in Wirklichkeit von der an sich attraktiven Dramaturgie des Abends ablenkte.
So bezieht sich zwar Felix Mendelssohn-Bartholdys Reformationssymphonie, die als Hauptwerk nach der Pause erklang, auf den Luther-Choral Eine feste Burg ist unser Gott, das erste Stück des Programms hingegen, Meeresstille und glückliche Fahrt ist zwei Gedichten Johann Wolfgang von Goethes gewidmet und gibt auch die persönlichen Meeres-Erlebnisse Felix Mendelssohn-Bartholdys anlässlich einer Reise nach Schottland und Wales wieder.
Rein gar nichts hatte das Trompetenkonzert von Joseph Haydn mit einer festen Burg zu tun, geht es doch hier um eine wahre Revolution im Instrumentenbau, die Haydn mit einem der schönsten Trompetenkonzerte überhaupt krönte.
So war es von Beginn der Instrumentalmusik an immer schon ein Problem, dass die Attraktivität des Trompetenklangs nur auf Basis der Naturtonreihe zur Verfügung stand. Diese Beschränkung wurde durch den Trompetenvirtuosen und Instrumentenbauer Anton Weidinger im Jahre 1770 durch den Bau einer ersten Klappentrompete beseitigt. Haydns Werk kam dabei die Aufgabe zu, konkret die Einsatzfähigkeit der neuen Trompete unter Beweis zu stellen. Das ist ihm genial gelungen.

Felix Mendelssohn-Bartholdy vereinigte in seiner Persönlichkeit viele hochinteressante Elemente: zuallererst einmal war er ein musikalisches Wunderkind, stammte aus reichem Haus, war jüdischer Herkunft und evangelischen Glaubens, Wiederentdecker Bachs und zu alledem ein Enkel von Moses Mendelssohn, ohne den die Deutsche Aufklärung nicht zu denken ist. Vor diesem Hintergrund ist Felix Mendelssohn-Bartholdy neben Carl Maria von Weber als Vertreter jener hellen, freundlichen und klaren musikalischen deutschen Romantik einzustufen, mit der der mythisierende Konkurrent und Neidhammel Richard Wagner ein Leben lang seine Probleme hatte.
Helligkeit, Durchsichtigkeit und Klarheit sind aber auch die Eigenschaften des, wie die Bezeichnung andeutet, Klassikers Joseph Haydn, dessen auf den ersten Blick oft einfache und übersichtliche Partituren viele Orchester dazu verleitet, sie mehr oder weniger prima vista zu spielen, was unweigerlich zu langweiligen Aufführungen einer in Wirklichkeit äußerst spannenden Musik führt.

Bei den Werken Mendelssohn-Bartholdys sind die Folgen zu geringer Probezeit und eines Dirigenten, der aus dem Programmheft als Jüngling blickt und sich in der Realität dann als freundlichst lächelnder alter Herr erweist, wesentlich dramatischer: Da wirken angesichts einer äußerst fordernden Partitur das Heruntergenudel der Streicher und die verschiedenen Tempi von Bläsern und Streichern geradezu peinlich, womit wir leider beim 5. Symphoniekonzert des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck unter der Leitung des 77-jährigen Mario Venzago am 19. und 20. März 2026 im Saal Tirol des Congress Innsbruck angelangt wären.
Ausgenommen von diesen zumindest für mich persönlich fragwürdigen Hörerlebnissen (ich kann nur hoffen, dass die Mehrzahl der Besucher eine andere Wahrnehmung des Konzerts hatte) waren lediglich die beiden letzten Sätze der Reformationssymphonie, die offenbar gut geprobt worden waren und demzufolge klar ausformuliert wurden, wobei besonders ein Flötensolo und eine längere Passage des Holzbläsersatzes ans Herz rührten.

Bleibt noch der Trompetensolist Simon Höfele zu erwähnen, der in lockerer Woodstock-der-Blasmusik-Gewandung auftrat, das Trompetenkonzert von Haydn mit sensiblem und modulationsfähigem Ton perfekt ablieferte, aber zu der ihn begleitenden lieblos herunter gespielten TSOI Dienstmusik nie den richtigen Zugang fand. Entsprechend überzeugte denn auch seine Zugabe, das jazzoide Bravourstück eines zeitgenössischen Komponisten, am nachhaltigsten.
Resümee des Abends: Bitte mehr Proben, bitte mehr Engagement, bitte einen weniger lachenden Dirigenten und im Verhältnis zum möglichen Zeitaufwand bewältigbarere Kompositionen.
PS: Das Konzert wird heute am 20.03.2026 im Saal Tirol des Congress Innsbruck um 20.00 wiederholt.
Fotorechte: WE FEE
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