Alois Schöpf
Die Demokratie braucht
unabhängige Medien.
Doch wo sind sie?
Essay

Letzte Woche hat sich Anton Mattle (Elektrounternehmer, Landeshauptmann, Finanzreferent, Gemeindereferent, zuständig für Personal, Kunst und Kultur, Europa- und Außenbeziehungen, Ehrenamt und freiwilliges Engagement) nun auch zur Medienpolitik geäußert und voraussehbar jene Phrasen abgesondert, die man von jemandem erwarten kann, der sich für ein Genie hält, aber keines ist.


Landesstudios und Vertriebsförderung

So möchte der Landeshauptmann naturgemäß die ORF-Landesstudios erhalten wissen, auf dass die Bundesländer sich weiterhin im Kitsch ihrer Nicht-Ereignisse sonnen dürfen und dabei nicht Gefahr laufen, von eventuell innovativen Ideen anderer Bundesländer zu profitieren. Allein die Reduktion dieser neunfältigen, großteils äußerst bequem agierenden Hundertschaften von Mitarbeitern auf bescheidene ORF-Bundesländerbüros, die gemeinsam einen einzigen Radio- und TV-Regionalsender zu beliefern hätten, würde viele Millionen einsparen.

Natürlich fehlt in Mattles Wunschliste auch nicht die Forderung nach einer staatlichen Subventionierung der frühmorgendlichen Hauszustellung. Offenbar ist es seinen Galtürern nicht zuzumuten, dass sie auf die Post warten oder auf digital umsteigen. Das Frühstück mit Papierzeitung ist ihnen, vergleichbar dem Landesüblichen Empfang, zu einem inhaltsbefreiten Ritual geworden, dessen Wert höher einzuschätzen ist als der Nutzen des Mediums selbst, weshalb ohne Frühstückszustellung ruinable Abokündigungen befürchtet werden.

Hier sei nur zusätzlich angemerkt, dass es ausgerechnet der Staat, der wieder einmal fördern soll, selbst ist, der durch gigantische Lohnnebenkosten sogar den Zeitungsausträger zum unfinanzierbaren Luxus werden lässt, indem noch der kleinste Nebenjob Objekt abgabenrechtlicher Wegelagerei wird.


Journalisten als Angestellte

Womit wir uns dem Kern der Mattle´schen Phrasenabsonderung widmen können, seinem Bekenntnis: Wenn wir die freien Medien als eine der Säulen unserer Demokratie ansehen, müssen wir uns diesem Thema stellen. Gemeint ist damit das Abfließen der Werbeeinnahmen an Tech-Giganten in den USA.

Und: Wenn es um Medienförderung geht, dann sprechen wir über die freien Medien. Ihre Aufgabe ist es, das gesamte Spektrum politischer Meinungen abzubilden. Parteimedien kommunizieren ein bestimmtes Weltbild. Das ist ein fundamentaler Unterschied. Klassische Medien mit angestellten Journalistinnen und Journalisten müssen tiefgehender recherchieren.

Interessant an diesen beiden Statements ist, dies nur nebenbei, welche Liebe der Unternehmer Anton Mattle plötzlich zu angestellten Journalistinnen und Journalisten entwickelt. Möchte er sich damit etwa von nichtangestellten, sprich freien, unabhängigen bzw. in der Pension befindlichen und daher niemandem Rechenschaft schuldigen Autoren distanzieren, wie sie im vorliegenden schoepfblog veröffentlichen, ein digitales Medium, dem der Landeshauptmann in seiner Manifestation als Kulturreferent von einer untergeordneten Absagebeamtin ausrichten ließ, dass man Blogs nicht fördere. Ist dem hochmögenden Herrn Landeshauptmann oder zumindest einigen seiner Beamten nicht aufgefallen, dass es in jüngster Zeit auch in Tirol ausgerechnet nicht klassische Medien, sondern Blogs waren, welche die Politik vor sich hertrieben: es seien hier nur die Namen Markus Wilhelm (TIWAG) oder Ulrich Stern (Agrargemeinschaften) genannt.

Man kann die Ablehnung einer Förderung durch das Land somit sogar als Glücksfall bezeichnen: Denn tatsächlich ist es im Umkehrschluss und in Anbetracht auch der vor dem Hintergrund der jüngsten ORF-Intrigen nach Korruption riechenden Beziehungen zwischen Politik und Medien längst so weit gekommen, dass ein Blog wie der vorliegende seine Reputation bei den Leserinnen und Lesern verlieren würde, wenn auf seiner Titelseite die geradezu vernichtende Feststellung getätigt werden müsste: Gefördert vom Land Tirol.


Werbung

Die den klassischen Medien entschwundenen Werbeeinnahmen fließen in mediale Internet-Netzwerke, von denen auf Basis konkreter Erfahrungen und Verkaufszahlen immer mehr Unternehmen entscheiden, dass ihre Mittel dort effizienter eingesetzt werden. Und diese Netzwerke gehören nun einmal zu jenen verteufelten Tech-Giganten aus den USA, die durch die raffinierte Konstruktion von Algorithmen und das Bedienen eines genau eingrenzbaren Zielpublikums Werbung zu wesentlich günstigeren finanziellen Bedingungen anbieten können.

Wenn daher die Forderung, die klassischen Medien als Säulen einer funktionierenden Demokratie zu subventionieren, genau mit dem Beginn dieser neuen Werbemöglichkeiten einsetzt, läuft dies zugleich auf die Behauptung hinaus, dass bis zu diesem Zeitpunkt sogenannter freier, für die Demokratie förderlicher Journalismus existiert habe und erst durch das Abfließen der Werbegelder in die Krise geraten sei. Eine für jeden unvoreingenommenen Beobachter doch eher kühne Behauptung!

Viel eher dürfte es der Realität entsprechen, dass vor der Einführung des Internet, der Digitalen Revolution und der damit einhergehenden Globalisierung der Werbemärkte Politik, Wirtschaft und Medien in einem ungestörten regionalen Kreislauf gegenseitiger Verhaberung im Schutze abgeschotteter Märkte ihren je eigenen, oftmals sehr lukrativen Geschäften nachgehen konnten, deren erfolgreicher Verlauf dann alljährlich bei Neujahrsempfängen gefeiert wurde, bei denen sich Politik, aber auch hohe Geistlichkeit und Medienangestellte in von Alkohol illuminierter Stimmung verbrüdern und verschwestern durften.


Globalisierung

Durch ein schnelleres, gezielteres und den Publikumsgeschmack besser entsprechendes Angebot wurde diesen abendlichen Feierstunden nicht nur die Laune verdorben, sondern durch unendlich viele neue Medien, unter denen die sogenannten Sozialen Medien nur ein Teil sind, wurde der Politik auch ein Glaubwürdigkeitsverlust beschert, der Wirtschaft globale Konkurrenz aufgebrummt, dem Handel durch Versandhäuser wie Amazon oft sogar die Existenzgrundlage entzogen und dem Journalismus die priesterliche Würde geraubt, als Gatekeeper unter Vorspiegelung von Demokratie den regionalen Geld-, Posten- und Machtkreislauf dem Publikum als gottgegebene Ordnung mit vom Bischof zu Ostern und zu Weihnachten per Feiertagsinterview oder Artikel abgesegnetem Ewigkeitswert zu verkaufen.

Diesen fragwürdigen Zustand von Gestern durch staatliche Gelder wieder herzustellen ist denn auch in Wahrheit das Ziel hinter der allgegenwärtigen und auch von Mattle verwendeten Phrase von den Medien als Säule der Demokratie.


Der Weg in die Meinungsdiktatur

Ob es die Forderung nach Erhalt der Landesstudios ist, die Forderung nach Vertriebsförderung oder die Forderung nach dem Angestelltenstatus im Beruf des Journalisten: alles, was da der konservative, aus dem hintersten Tal in die Landeshauptstadt hereingeschneite Landeshauptmann fordert, läuft auf eine nostalgische Sehnsucht hinaus, die Zustände, wie sie bisher waren, durch öffentliche Gelder aufrecht zu erhalten.

Was dies konkret bedeutet, ist am derzeitigen Zustand des ORF, dessen mangelnder Output im Hinblick auf die Landesstudios bereits angemahnt wurde, bestens zu beurteilen. Der staatliche Rundfunk hat nämlich dort, wo er sich nicht im Kampf um das niedrigste mögliche Niveau beim Publikum anbiedert, sondern versucht, tatsächlich Journalismus zu betreiben, längst die Predigerkanzel des linksliberalen, woken, feministischen und postmarxistischen Missionsauftrags übernommen und dies, zumindest in den Führungsetagen, mit geradezu obszönen Bereicherungsmöglichkeiten aufgrund seiner de facto Monopolstellung verbunden.

Statt sich also, wie es der Geschichte und der ursprünglichen Aufgabe des Journalismus entspräche, dem Dienste der europäischen Aufklärung zu widmen und dafür zu sorgen, dass Bürgerinnen und Bürger nicht nur in die Lage, sondern durch die faszinierende Darstellung verschiedenster Standpunkte gleichsam in intellektuelle Lust versetzt werden, ihren Vernunftgebrauch einzuüben, wird ganz im Sinne einer Meinungsdiktatur, nur eben besser kaschiert als in tatsächlichen Diktaturen, dem zu Haushaltsabgaben verpflichteten Volk genau jene Weltanschauung übergestülpt, welche die ideale Basis für den Wohlstand und den zunehmenden Reichtum der im Marsch durch die Institutionen erfolgreichen Eliten garantiert.

Eine staatliche Förderung der Medien würde diesen für die Demokratie wenig förderlichen, ja geradezu zerstörerischen, weil die Gesellschaft immer weiter auseinandertreibenden Zustand auch auf die privaten Medien ausdehnen und somit das gescheiterte und nur noch skandalöse Modell ORF zur vierten Säule der Österreichischen Demokratie erklären. 

Von einem Landeshauptmann sollte man erwarten können, dass er sich bei einem verschriftlichten Interview solcher Implikationen bewusst ist und die Tiroler nicht durch toxische öffentliche Phrasen unterfordert und verhöhnt.

Literatur: Tiroler Tageszeitung, Freitag 22. Mai 2026, Seite 9 „Müssen über den Wert der Medien reden“, Interview mit Marco Witting

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

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