Alois Schöpf
Die Blockade am Brenner ist
eine vernunftbefreite patriotische Eucharistiefeier
in der Nachfolge Andreas Hofers.
Notizen

Bekanntlich beruht der Stolz der Tiroler, unter den vielen Völkern der Erde ein auserwähltes zu sein, auf der Tatsache, dass sich Andreas Hofer mit seinen Mannen als einer der wenigen gegen Napoleon erhob und nach anfänglichen Erfolgen und zuletzt Misserfolgen eine mögliche Flucht in habsburgisch verwaltete Gebiete durch die Aushändigung eines Passes ablehnte, ein letztes Aufgebot organisierte, sich verstecken musste und in Folge von einem Tirolerischen Judas namens Raffl verraten und mittels Gnadenschusses in Mantua liquidiert wurde.

Die Ähnlichkeit der Erzählung, wie sie von den Hagiographen Karl Paulin und, etwas wissenschaftlicher, Joseph Hirn verfasst wurde, ähnelt frappant der Passion Christi, wie sie sich das Volk der Tiroler bis heute aus den vor Rührung bebenden Mündern ihrer gläubigsten Vorleser anlässlich des Osterfestes zu Gemüte führt. Dadurch erfährt der Nationalheld Hofer, wie es bei Nationalhelden auch sonst geübte Praxis ist, eine durch die Verwechselbarkeit der Dramaturgie christologische Erhöhung und die Widerständigkeit und beschränkte Rationalität eines von Thron und Altar jahrhundertelang unterdrückten agrarischen Volkes ihre Verklärung.



Weniger denn als Nachfolge Christi im Sinne des Augustinermönchs Thomas a Kempis als vielmehr in verquerer Weise in Nachfolge der Erhebung von 1809 ist daher auch der Aufstand der Tiroler gegen den internationalen Transitverkehr als religiöser Akt zu definieren, der gegen Ansprüche der Vernunft auch dann immun bleibt, wenn solche vom Mobilitätsminister der Republik Österreich Peter Hanke und vom letzten nicht im Dienst der Wähleranbiederung heimischen Politiker Franz Hörl eingefordert werden.

Alle anderen hüten sich davor, ein Selbstverständnis zu irritieren, das zeitgeistig nicht dem Kampf gegen Napoleon und seinem europäischen Einigungsversuch gewidmet ist, sondern dem gleichsam den Bewohnern Kleinbonums aus Asterix und Obelix abgeschauten Widerstand gegen die EU und ihre Frächter-Lobby. Wie einst bei den Altvorderen, auch wenn diesmal die Brüder im Süden, durch den emanzipativen Kontakt mit Italien zu mehr folgerichtigem Denken genötigt, nicht mitmachen und sich gegen die Blockade der Autobahn aussprechen, weil sie außer blöder Provokation nichts bringt, soll statt mit Sichel und Sense nunmehr mittels Demonstration und der Waffe des dialektalen Gemaules Brüssel schon heute davor gewarnt werden, dass die absehbare Niederlage vor dem Europäischen Gerichtshof weiterhin am Widerstand der Tiroler nichts ändern wird.

Keiner unserer Volksvertreter hat, oftmals wider besseres Wissen, den Mut, die heimische Wählerschaft auf ihren seit Jahrzehnten zum Zweck der Selbsterhöhung betriebenen Selbstbetrug hinzuweisen. Wie sollten sie es auch wagen, wenn die letzten noch übrig gebliebenen klassischen Medien, denen ohne staatliche Hilfe der Untergang drohen würde, ihre Aufgabe nur noch darin sehen, zwecks Anbiederung an das Publikum der Produktion provinzieller Heimatgefühle zu dienen, mit der man sich gegen die Konkurrenz internationaler Konzerne zu wehren meint. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist die journalistische wie politisch-demokratische Urpflicht, der Aufklärung, der wissenschaftlich abgesicherten Analyse und der ergebnisoffenen Debatte zu dienen und ein alt- und neureligiös infiziertes Publikum zum Vernunftgebrauch zu animieren.

Stattdessen darf Tirol sich wieder einmal ungestört und behördlich bewilligt, angeführt von einem kleinen Bürgermeisterlein mit Hang zur Profilierung und Volkserhebung, am 30. Mai von 11.00 bis 19.00 acht Stunden lang in seiner Opferrolle baden, seine Nachbarn verärgern und sich lächerlich machen, weil abseits dieser Eucharistiefeier des transitorischen Kreuzestodes bzw. Gnadenschusses ohnehin alle die Wahrheit und ihre eigene Lebenspraxis kennen: dass die Automobilität eine unserer höchsten Errungenschaften ist, die Beamten der jeweiligen Staatsbahnen seit Jahrzehnten an der ihnen zugedachten Aufgabe, eine paneuropäische Kontainerfracht zu organisieren, scheitern, wohingegen die Fahrzeugindustrie nicht nur die Elektromobilität entdeckt hat, sondern auch die Benzin- und Dieselmotoren in einer Weise verfeinern konnte, dass die Schadstoffgrenzwerte inzwischen eingehalten werden, weshalb man dringend nach noch strengeren verlangt, damit der freien Tiroler Religionsausübung nicht die theologisch-umweltalarmistischen Grundlagen entzogen werden.

Grundlagen übrigens, mit denen es schon heute nicht gut ausschaut, wenn man bedenkt, dass in einer Gegend, die eigentlich von lungenkranken und vergifteten Siechen bewohnt werden müsste, die Lebenserwartung österreichweit die höchste mit 81,1 Jahren bei Männern und 85,5 Jahren bei den Frauen ist. Ebenso ist die Zahl der gesunden Lebensjahre im Durchschnitt mit 69–70 Jahren österreichweit in Tirol ebenso am höchsten, wohingegen die Burgenländer nur 62–63 Jahre erwarten können. Und dies vor dem Hintergrund der Tatsache, dass ca. 75 Prozent der Tiroler Bevölkerung in Gegenden wohnen, durch die eine Autobahn führt, womit sich endgültig die Frage stellt, welche Berechtigung die Blockade am 30. Mai haben soll.

Tatsächlich erinnert sie daran, dass eine vor Jahrzehnten fertiggestellte Autobahn niemals dem aktuellen Verkehrsaufkommen entsprechend ausgebaut wurde, dass man sich diese Investition durch die viel billigere Tiroler Widerständigkeit und nationalistische Selbstberauschung erspart hat, und es heute weder Staus, noch das flagrant in Kauf genommene Arbeitsleid der LKW-Fahrer und -Fahrerinnen gäbe, wenn Tirol seine Funktion als europäisches Passland, dessen Wohlstand auf dieser Rolle aufbaut, nicht nur durch den Bau von Lärmschutzwänden, Blockabfertigungen und Geschwindigkeitsbeschränkungen, sondern durch den Ausbau der Autobahn auf drei und vier Spuren zwischen zwei wirtschaftlichen Boom-Regionen im Norden und im Süden wahrgenommen hätte.

Fotorechte: Transit KI-generiert / Hofers Erschießung Tiroler Landesmuseum

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Christoph Schmarl

    Lieber Herr Schöpf,
    ich schätze Ihre Beiträge und die Bereitschaft, pointierte Debatten anzustoßen. Viele Ihrer Beobachtungen zur regionalen Identität, zur symbolischen Wirkung von Protesten und zur europäischen Bedeutung des Brennerkorridors sind durchaus nachvollziehbar. Gerade deshalb lohnt es sich, an einigen zentralen Punkten Ihrer Argumentation genauer hinzusehen.
    Ihr Kommentar lässt sich als bewusst provokantes, sozialkritisches Meinungsstück einordnen. Die Bewertung der Brenner-Blockade berührt dabei zwei Seiten einer intensiven Debatte. Einerseits spricht Ihre Kritik bestehende Widersprüche der Tiroler Verkehrspolitik an. Der Transitverkehr wird häufig ausschließlich als externes Problem dargestellt, während hausgemachter Tourismus- und Freizeitverkehr politisch oft weit weniger konsequent thematisiert wird. Auch Ihre polemische Formulierung einer „patriotischen Eucharistiefeier“ trifft einen sensiblen Punkt einer politischen Kultur, in der Verkehrsfragen vielfach emotional, historisch aufgeladen und medienwirksam geführt werden.
    Gerade deshalb erscheint es jedoch wichtig, die Situation nicht allein über symbolische oder statistische Betrachtungen zu bewerten, sondern die tatsächliche Belastung vor Ort stärker in den Blick zu nehmen.
    Die Bezugnahme auf die hohe Lebenserwartung in Tirol beziehungsweise Österreich, um daraus eine geringe gesundheitliche Relevanz des Transitverkehrs abzuleiten, greift aus meiner Sicht zu kurz. Die Lebenserwartung ist kein geeigneter Indikator, um regionale Umwelt- und Verkehrsbelastungen differenziert abzubilden. Sie stellt einen statistischen Gesamtwert dar, der eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Einflussfaktoren umfasst – insbesondere medizinische Versorgung, soziale Rahmenbedingungen, Lebensstil und Ernährung. Daher erlaubt sie nur sehr eingeschränkt Rückschlüsse auf die konkrete Belastungssituation in einzelnen Regionen.
    In der Gesundheitsforschung wird deshalb zunehmend zwischen Lebenserwartung und gesunden Lebensjahren unterschieden. Entscheidend ist nicht nur die Dauer des Lebens, sondern die Anzahl der Jahre in guter gesundheitlicher Verfassung. Gerade chronische Erkrankungen im Zusammenhang mit Umweltbelastungen können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen, ohne sich unmittelbar in der durchschnittlichen Lebenserwartung niederzuschlagen.
    Für stark belastete Verkehrsachsen wie den Brennerkorridor weisen zahlreiche umweltmedizinische Untersuchungen auf Zusammenhänge zwischen Verkehrsexposition und gesundheitlichen Auswirkungen hin. Dazu zählen unter anderem:
    – eine erhöhte Häufigkeit von Atemwegsbeschwerden bei Kindern in verkehrsnahen Gebieten,
    – Zusammenhänge zwischen dauerhafter Lärmbelastung und Schlafstörungen sowie erhöhtem Stressniveau,
    – sowie ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen bei langfristiger Feinstaub- und Stickoxidbelastung.
    Diese Befunde relativieren die Aussagekraft nationaler Durchschnittswerte, wenn es um die Bewertung konkreter Belastungssituationen entlang einzelner Transitachsen geht.
    Hinzu kommt ein weiterer zentraler Punkt: Die Bevölkerung entlang des Brennerkorridors lebt seit Generationen in diesen Regionen – lange bevor die heutige Verkehrsdichte und der Ausbau der Transitinfrastruktur dieses Ausmaß erreicht haben. Die Belastungen durch Lärm, Abgase und Schwerverkehr haben sich über Jahrzehnte hinweg schrittweise verstärkt und prägen den Alltag vieler Menschen nachhaltig.
    Auch der Hinweis auf insgesamt hohe Werte in Tirol, etwa bei der Lebenserwartung, bildet diese regionale Differenzierung nur unzureichend ab. Innerhalb des Landes bestehen deutliche Unterschiede zwischen weniger belasteten Regionen und stark frequentierten Transitachsen. Durchschnittswerte können diese lokalen Belastungsschwerpunkte naturgemäß nur begrenzt sichtbar machen.
    Vor diesem Hintergrund erscheint es wichtig, die Situation nicht allein über statistische Gesamtwerte zu bewerten, sondern die tatsächliche Belastung vor Ort stärker in den Blick zu nehmen.
    Vor diesem Hintergrund ist auch nachvollziehbar, dass die wiederkehrenden Proteste entlang des Brennerkorridors bei vielen Menschen vor Ort nicht aus einer abstrakten politischen Haltung entstehen, sondern aus einer konkreten Belastungserfahrung im Alltag. Aus Sicht der betroffenen Anrainer ist es verständlich, dass der Eindruck entsteht, nur durch sichtbaren und spürbaren Protest überhaupt noch Gehör zu finden. Auch wenn über einzelne Protestformen unterschiedlich gedacht werden kann, erklärt sich ihre Entstehung wesentlich aus der anhaltenden Belastungssituation in der Region.
    Natürlich kann man über einzelne Protestformen diskutieren. Ebenso ist nachvollziehbar, dass Einschränkungen im Alltag kritisch gesehen werden. Dennoch sollte eine sachliche Auseinandersetzung die Ursachen solcher Proteste ebenso ernst nehmen wie ihre Ausprägungen.
    Eine ausgewogene Debatte muss daher beide Perspektiven berücksichtigen: die wirtschaftliche Bedeutung des europäischen Transitverkehrs ebenso wie die gesundheitlichen und sozialen Belastungen der Menschen im Inntal und Wipptal.
    Das Grundproblem bleibt ein struktureller Zielkonflikt: zwischen dem Anspruch auf freien Warenverkehr in Europa und der realen Lebensqualität der Menschen entlang stark belasteter Transitachsen.
    Umso entscheidender ist es, Lösungen nicht bloß im politischen Interessenausgleich zu suchen, sondern in einer spürbaren Entlastung der betroffenen Lebensräume. Denn, sobald die konkreten Auswirkungen auf Gesundheit, Lebensqualität und den Alltag der Menschen in den Hintergrund treten, wirkt eine rein polemische oder zynische Betrachtungsweise schnell empathielos und letztlich wenig humanistisch durchdacht.
    „Eine verantwortungsvolle Verkehrspolitik misst ihren Fortschritt nicht allein an der Effizienz von Warenströmen, sondern daran, wie sehr sie die Gesundheit und Zukunft der Kinder in den betroffenen Lebensräumen schützt.“

    Mit freundlichen Grüßen
    Christoph Schmarl

  2. Kraiser Peter

    Sehr geehrter Herr Schöpf,
    der obige Artikel beinhaltet starke Worte, die sich jeder, speziell der Tiroler, einmal eindringlich durch den Kopf gehen lassen sollte.
    Anstatt stets „zurück zur Natur“ zu fordern, sollte man zeitgemäße, in die Zukunft zeigende Projekte und Lösungen andenken und umsetzen. Zurück zur Natur bedeutet Steinzeit und Höhle……wer will das? Auch wir Tiroler verursachen Verkehr und das nicht ganz wenig, im Inland und im Ausland, berufs- und natürlich auch urlaubsbedingt (siehe die Vielzahl der Tiroler Privatpkw`s am Gardasee und Norditalien an jedem Wochenende und speziell in der Sommerzeit)
    Mit besten Grüßen

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