Alois Schöpf:
Die Anonymität schadet mehr
als sie nützt.
Apropos

Bundeskanzler Christian Stocker hat in einer Grundsatzrede viele Themen angerissen. Leider schafften es nur zwei davon, öffentlich diskutiert zu werden: die Wehrdienstverlängerung und die Altersbeschränkung für Jugendliche bei der Verwendung von Instagram, TikTok, Facebook und Co.

Untergegangen ist leider Stockers Vorschlag, eine „Klarnamenpflicht“ einzuführen, also sowohl in den sozialen Medien, als auch in den digitalen Ablegern der klassischen Medien bei Meinungsäußerungen seinen richtigen bürgerlichen Namen anführen zu müssen.

Die bisherigen Argumente, dem Bürger durch sogenannte Nicknamen (Spitznamen) den Schutz der Anonymität zu ermöglichen, beruhen auf der Angst, dass jemandem, der seine Meinung frei äußert, daraus beruflicher und privater Schaden erwachsen könne. Dies wiederum habe zur Folge, dass für eine Demokratie dringend notwendige Meinungen aus Angst vor Selbstbeschädigung nicht mehr offen die Debatte bereichern würden.

So schwer diese Argumente wiegen, so sehr sollte in Erinnerung gerufen werden, dass die Meinungsfreiheit eines unserer höchsten, von der Verfassung geschützten Güter ist. Die Selbstverständlichkeit jedoch, mit der heute in vielen Foren gewütet wird, lässt geradezu den gegenteiligen Eindruck entstehen: dass nichts gesagt werden kann, wenn es nicht anonym gesagt wird.

Dass diese Anonymität so nebenbei die guten Sitten der öffentlichen Debatte ruiniert hat, ist ein weiterer schlimmer Effekt: Wer nämlich mit seinem bürgerlichen Namen für seine Posts geradestehen muss, bemüht sich automatisch um korrekte Orthographie, grammatikalisch richtig gebaute Sätze und vor allem um nachvollziehbare Argumente.

Die Forderung des Bundeskanzlers nach Klarnamenpflicht ist also längst überfällig. Denn nicht Hass, Gemeinheit, Geifer und Geschimpfe bringen uns weiter, sondern nur der korrekte öffentliche Vernunftgebrauch.

Erschienen in der Tiroler Tageszeitung am 07.02.2026

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

Dieser Beitrag hat 6 Kommentare

  1. Frizzey Greif

    Lieber Alois Schöpf!

    Ich bitte darum, in der Hoffnung,
    dass diese Worte auch die „Führung“ erreichen –,
    dass das eintönige Programm
    endlich wieder lebendiger wird,
    für alle Schichten zugänglich
    und offen für Vielfalt.

    Zugleich wünsche ich mir,
    dass auch Journalistinnen und Journalisten
    mit medialem Tunnelblick erkennen,
    dass Österreich weder ein Parteien-
    noch ein bloßer Traditionsnachrichtensender ist,
    sondern ein Land mit vielen Stimmen
    und Perspektiven.

    Die besten Schwingungen

  2. Andreas Niedermann

    Ich bin nicht der Meinung, dass es eine „Klarnamenpflicht“ braucht. Ich halte es auch für einen Irrtum anzunehmen, dass es in „Souschelmidias“ um den Austausch von Argumenten geht, wie wir „Alten“ es noch herbeiwünschen, sondern um eine Art „Triebabfuhr“. Die meisten Medien haben eine „Nettikette“, die Entgleisungen aussondert, und /oder nicht genehme Ansichten von vornherein als unzulässig cancelt.
    Die Anonymität ist ein durchaus demokratisches Recht, wie die Stimmabgabe, die ebenfalls anonym ist. Und das Argument, dass unter Klarnamen publizierte Texte – um einen Euphemismus zu gebrauchen – „Nachteile“ provozieren können, ist nicht von der Hand zu weisen. Womöglich nicht für Rentenbezieher, Künstler, Autoren, und andere Unabhängige, denen es einfach wurscht ist.

  3. Heinz Auer

    Lieber Herr Schöpf!
    Danke für den guten Artikel unter Apropos. Ich bin grundsätzlich Ihrer Meinung. Ich bin aber auch etwa in Ihrer Altersklasse, habe aber als Unternehmer laufend genau mit diesem Thema zu tun und darüber hinaus vor allem mit dem völlig geänderten Verhalten der jüngeren Generationen.

    Ich möchte nur darauf verweisen, dass es fast normal geworden ist, dass meist jüngere Bewerber, trotz Zusage am Tag x mit der Arbeit zu beginnen, an diesem Tage nicht erscheinen! Ohne Entschuldigung, ohne SMS oder Anruf oder sonstigen Möglichkeiten der Kommunikation. Wenn man es sich dann noch antut anzurufen und zu fragen, warum… dann bekommt man höchstens die Info, „Ach, da hab ich nicht mehr daran gedacht.“ Diese Antwort ist noch das Höflichste.

    Oder wenn man Bewerber einlädt, kommen die Leute einfach nicht, ohne Anruf, Entschuldigung…..!
    Dass dadurch Unternehmer dann auch entsprechend reagieren, ist irgendwie verständlich, obwohl es der Anstand und die Würde erfordern würden. Es braucht eben Zwei dazu. Früher hat diese Wertschätzung gepasst – von beiden Seiten.

    Dasselbe gilt in der Früh, einen guten Morgen zu wünschen oder ein Grüss Gott, guten Tag, einen schönen Abend zu wünschen, wenn man die Firma verlässt. Dies ließe sich noch bei vielen täglichen Aktionen fortsetzen.

    Der Egoismus hat sich durchgesetzt. Die Sozialindustrie fordert auch nur mehr und bittet nicht mehr. Das ist ein großer Unterschied!! Die Gewerkschaft fordert, die Unternehmer fordern, die Beamten fordern,Politiker fordern usw.…..fast niemand denkt daran, dass Geld auch verdient werden muss und dass alles eine Balance braucht.

    Wenn wir so weitermachen, dann wissen wir genau, dass das System dies nicht mehr aushält. Die Geschichte hat gezeigt, was dann passiert. Nur verantwortlich wird niemand gemacht werden, denn dann sind immer die anderen Schuld daran…… warten wir ab. Beeinflussen können wir nichts mehr, weil diejenigen, die darauf verweisen, meist – wenn sie überhaupt wahrgenommen werden -ignoriert werden.
    Liebe Grüße

  4. Burgi Tötsch

    Lieber Alois Schöpf!
    Sie haben mir aus der Seele gesprochen. Danke! Ich würde hinzufügen, eine Nicht-Antwort ist Ausdruck nicht nur von Arroganz, sondern auch von Ignoranz, mithin eine subtile Ausgrenzung. Die Menschen resignieren und werden wohl oft auch wütend und aggressiv, weil sie sich ohnmächtig fühlen, denn ihre Bemühungen, ihre Bereitschaft, ihre Ideen und Gedanken sind für die Adressaten offenbar vollkommen belanglos. So jedenfalls muss die Nichtbeantwortung interpretiert werden. Ich halte es nicht nur für unsittlich, wenn eine Antwort verweigert wird, sondern für feige und niederträchtig!
    Herzlichst

  5. Johanna Rotter

    Sehr geehrter Herr Schöpf!
    Wieder vielen, vielen Dank für Ihre Kolumne in der TT vom 07.02.26 – „ Die Anonymität schadet mehr als sie nützt“!
    Ich stimme Ihnen bei all Ihren Argumenten vollkommen zu!
    ABER leider ist aus meiner Sicht das Verbot der Verwendung von „Nicknames“ (wie jedes andere auch) nur dann durchsetzbar, wenn dessen Nichtbefolgung auch von Strafen bedroht ist. Dabei werden halt wieder Kosten – u.a. für Bürokratie – verursacht. Ob diese Kosten durch Strafen hereingebracht werden können, weiß ich nicht ….

  6. Ernst Maier

    Sehr geehrter Herr Schöpf
    Ihrem Kommentar zu einer leider viel zu oberflächlich geführten Diskussion um die Einführung einer Klarnamenpflicht kann man nur uneingeschränkt beipflichten. Zu wahrscheinlich meistgenutzten Medien wie Facebook, Instagram etc kann und will ich mich nicht äußern, zumal ich sie ganz bewusst auch nicht nutze. Doch alleine, was sich auch in bereitgestellten Diskussionsforen bekannter Tageszeitungen (TT ausgenommen) unter dem Deckmantel der Anonymität so alles tummelt, gibt Anlass zu berechtigter Sorge.
    Nun einmal ganz abgesehen von mangelndem Respekt anderen Lesern gegenüber scheuen viele Kommentatoren nicht vor herabwürdigenden und beleidigenden Anwürfen zurück. Anonymität wächst sich hier allmählich zu willkommenem Missbrauch von ursprünglich gutgemeintem Schutz uneingeschränkter Meinungsfreiheit aus. Kritische Auseinandersetzung mit politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ereignissen bzw. Vorgängen ist wichtig. Doch wer sich außerstande fühlt, dies unter Klarnamen-Verpflichtung zu tun, sollte es besser bleiben lassen.

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