Alois Schöpf bespricht:
Staatsklamotte zum Jahresende
“Die Fledermaus” von Johann Strauss
am Tiroler Landestheater

Man kann Johann Strauss nicht ohne Jacques Offenbach denken. Nicht nur dass der nach Paris ausgewanderte lustige Kölner den österreichischen Walzerkönig persönlich dazu animierte, doch auch einmal ein Stück im Geiste seiner Opera Bouffe zu schreiben, woraus dann Straussens Erstlingswerk Indigo und die 40 Räuber entstand. Trotz solcher Kollegialität und gegenseitiger Wertschätzung waren sie auch Konkurrenten und als solche die Stars der, wenn man es so sagen darf, Popmusik der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Neben all diesen Gemeinsamkeiten gibt es jedoch einen gravierenden Unterschied: Offenbach schrieb seine Werke im postrevolutionären Frankreich, das ihm bei allen immer noch vorhandenen, meist indirekten Beschränkungen die Möglichkeit bot, sich mittels exzellenter Libretti mit beißendem Spott unter Zuhilfenahme etwa des griechischen Götterhimmels über die Mächtigen, die verlogene Moral, die wankelmütige öffentliche Meinung oder das Militär lustig zu machen.

von l.n.r.: Annina Wachter, Susanne Langbein, Florian Stern


Solches war Johann Strauss, der sich seinen Aufstieg zum K.k. Hofball-Musikdirektor durch die Komposition eines Revolutions-Marsches 1848 auf Jahre hinaus, um es auf gut wienerisch auszudrücken, versemmelt hatte, nicht möglich. Er musste sich als Boss einer umsatzstarken Musikfabrik anpassen und sich etwa mithilfe eines Kaiser Franz Josef Rettungsjubelmarsches dem Hause Habsburg geradezu anbiedern. Nie und nimmer hätte er es sich leisten können, im Stile Offenbachs den österreichischen oder deutschen Kaiser, gar den russischen Zaren, auf dessen Landgütern in Petrowsk er sich mehrere Sommer lang aufhielt, und mit ihnen den Adel insgesamt, aber auch die neureichen Aufsteiger der Gründerzeit und den parasitären Lebensstil der Eliten der Lächerlichkeit preiszugeben.

Und genau das, diese Distanzlosigkeit einer Gesellschaft gegenüber, die von 1914 bis 1945 dann durch zwei Weltkriege, eine kommunistische und faschistische Revolution mehr oder weniger ausgelöscht wurde, ist es denn auch, was Die Fledermaus aus den Jahren 1873/74 so unverdaulich macht, ein Umstand, den Wikipedia elegant auf den Punkt bringt, wenn vermerkt wird, dass Strauss und seine Librettisten die Satire Offenbachs durch Wiener Charme ersetzt hätten.

Das Ensemle, in der Mitte singend: Bernarda Klinar als Orlofsky

Nun gibt es zwei Methoden mit diesem Phänomen der Wiener Selbstverliebtheit, die unter der Beschönigung Wiener Charme firmiert, umzugehen: Sie als verlogene, politisch abgründige Eitelkeit zu dekonstruieren, wie es bei den Inszenierungen im Rahmen der Salzburger Festspiele 2001 durch Hans Neuenfels geschah und derzeit am Theater an der Wien durch den Regietheaterunhold Stefan Herheim geschieht.

Oder man kann ihn einfach akzeptieren und seine Hohlheit mit den Millionen der Staatsoper und dem Humor eines Otto Schenk zu unterfüttern versuchen. Das Ergebnis wird dann als die Fledermaus-Inszenierung schlechthin am 31.12. jeden Jahres vom ORF ausgestrahlt und entwickelte sich inzwischen zum festen Bestandteil österreichischer Identität, für die im Übrigen Ähnliches gilt wie für den Wiener Charme.

Martin Leutgeb als „Frosch“

Für die Klamotten-Variante à la Schenk hat sich nun auch das Tiroler Landestheater entschieden, mit dem eklatanten Unterschied allerdings, dass dem Haus am Rennweg die Millionen des Hauses am Opernring fehlen und die Regisseurin Jasmina Hadziahmetovic, die hierorts bereits kluge Inszenierungen abgeliefert hat, nicht gerade in der Blödelei, der Farce und dem Lustspiel ihre besonderen Stärken zu haben scheint.

So schlägt sich der Mangel an Geld in kargen Kulissen nieder, was ja auch ein Vorteil sein kann, aber in diesem Fall nicht zu einer Stimmung beiträgt, um deren Hebung sich ein peinlich sparsames Ballett aus sechs eigenartig kostümierten Damen bemüht. Wie überhaupt die Kostüme, die eigentlich das ganze Bühnenbild ausmachen, aus Anbiederung an den Zeitgeist mit einer Loveparade mehr zu tun haben als mit einem Stück aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Was andererseits den Mangel an Humor betrifft, so schleppt sich diese Fledermaus mit beträchtlichem Ernst über die Distanz und wird auch durch den Volksschauspieler Martin Leutgeb nicht aufgeheitert. Er bemüht sich als Frosch zwar mit allen Mitteln der Übertreibung, Lacher zu produzieren, scheitert aber an einem Text, der sich über die Corona-Katastrophe in Ischgl lustig macht, wo die Politik, auch wenn es ein Tiroler Kabarettist aus der Wiener Bobo-Szene immer noch nicht glauben kann, tatsächlich alles richtig gemacht hat.

Das Ensemble beim finalen Fest

Oje oje, ich hab ganz vergessen, dass es sich um eine Operette handelt, wie rührt mich dies! Daher im Eiltempo: Orchester und Dirigent Ingmar Beck herzhaft, Frau Langbein als Rosalinde und Frau Wachter als Adele beeindruckend, Florian Stern als Eisenstein, Jacob Phillips als Dr. Falke und Bernarda Klinar als Orlofsky tadellos, ebenso der Chor und die Gastronomie.

Wer es aushält, sollte hingehen und die Musik genießen, mit der der Schlawiner und geniale Melodiker Johann Strauss den Unsinn des Librettos übergossen hat. Wahrscheinlich hätte er bei entsprechendem Auftrag von ganz oben auch noch das Telefonbuch vertont.

Fotorechte: Barbara Palffy


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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

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