Alois Schöpf
Auf Bezos schimpfen und Amazon benützen
Apropos

Es sind nicht wenige fortschrittliche Zeitgenossen, die sich vor historischen Bauten, die von nachgewiesenermaßen verbrecherischen Herrschern errichtet wurden, vor Begeisterung halb zu Tode knipsen. 

Wenn sie aber den Namen Jeff Bezos hören, werden sie gleich kritisch. Vor allem ärgert sie, dass man überhaupt so reich werden kann. Sodann, dass der Herr kaum Steuern zahlt und dass er seine Mitarbeiter bei Amazon angeblich ausbeutet.

Was letzteren Vorwurf betrifft, sei daran erinnert, dass es Gewerkschaften gibt, die zumindest im freien Westen dazu da wären, Ausbeutung zu verhindern. Leider haben sie aber aufgrund ihrer Erfolge in der Vergangenheit die wirtschaftlichen Veränderungen der Gegenwart etwas verschlafen. 

Und was die Steuern betrifft, hat doch jeder, der sich auch nur die geringste Chance ausrechnet, einen Steuerberater, um nicht wie Bezos mehr zu bezahlen als per Gesetz notwendig ist.

Womit wir beim Reichtum angelangt wären. Herr Bezos hat nämlich anders als viele Herrscher der Vergangenheit, die sich das Geld durch Ausrauben eigener oder fremder Völker geholt haben, ein globales Handelsnetzwerk aufgebaut, das sowohl Produzenten als auch Konsumenten unglaubliche Vorteile bringt.

Keine Buchhandlung kann etwa alle Werke eines noch so wichtigen Autors im Sortiment haben. Amazon kann es. Einer meiner Freunde hat ein Nahrungsergänzungsmittel entwickelt. Ohne Amazon hätte er keine Chance gehabt, mit Amazon exportiert er, unter strenger Qualitätskontrolle, in die ganze EU. Aber auch der Konsument lässt sich weniger verführen, denkt länger nach und kauft dann zielgerichtet das genau Passende, das er vor Ort nie bekommen hätte.

Herr Bezos hat also eine Revolution angezettelt, die noch lange nicht zu Ende ist. Und da wir von dieser Revolution alle massiv profitieren, ist es auch nicht verwunderlich, dass er damit sagenhaft reich wurde.

Erschienen in der Tiroler Tageszeitung am 05.07.2025

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

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