Alois Schöpf
Wohlstand ist der beste Friedensstifter.
Apropos

Die Teilung Tirols nach dem Untergang der Donaumonarchie und einer chaotischen Kapitulation der österreichischen Truppen verursachte fast hundert Jahre lang ein politisches und geistiges Trauma, wie junge Leute es sich nur vorstellen können, wenn sie sich sehr für Geschichte, Tradition und die Präambel der Tiroler Landesverfassung interessieren. In der steht nämlich etwas von kultureller und geistiger Einheit. Zumindest auf diese Weise wollte man die Katastrophe der realen Landesteilung überwinden.

Wer nun gemeint hat, durch das Verschwinden der Grenzkontrollen als Folge des Beitritts Österreichs zur EU werde, vergleichbar der Wiedervereinigung in Deutschland, die Stunde einer kulturellen und geistigen Wiedervereinigung schlagen, muss Irritierendes feststellen: eine solche Wiedervereinigung ist nicht einmal ein Randthema. 

Speziell die jüngeren Generationen im Süden können mit IKEA oder der Klinik im Norden mehr anfangen, und ebenso die jüngeren Generationen im Norden mit Törggelen und der italienischen Mode im Süden mehr als mit dem Schmerz über das geteilte Land.

Die Südtiroler Landesregierung steht vielmehr in Sachen Transit eher auf der Seite Matteo Salvinis als auf der Seite ihrer Brüder im Norden. Und sie hat gerade dieser Tage mit der Regierung Meloni, die von Österreich aus gern als rechtspopulistisch abqualifiziert wird, eine Autonomie ausgehandelt, die für viele Konfliktregionen der Welt Vorbild sein könnte.

Aus einem einzigen Land wurden also Nachbarn mit ihren eigenen Interessen. Und zwar, weil im Gegensatz zu Deutschland, wo eine bankrotte DDR übernommen wurde, die Geschichte hierzulande in dem Ausmaß an Bedeutung verlor, in dem sich auf beiden Seiten des Brenners ein Wohlstand ausbreitete, der die Wunden der Vergangenheit durch das gute Leben der Gegenwart vergessen ließ.

Wohlstand ist offenbar der beste Friedensstifter.

Erschienen in der Tiroler Tageszeitung am 23.05.2026

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Monika Vandory

    Hallo Alois,
    habe gerade Deinen heutigen Beitrag gelesen! Vollkommen richtig! Was mich besonders ärgert, die gemeinsame Geschichte Tirols-Südtirols wird, außer in entbehrlichen Reden der Politiker, nicht mehr zur Kenntnis genommen oder in Schulen besprochen! Sogar in der HAK war das ein selbstverständliches Thema!
    Heute wird Geschichte insgesamt in den Schulen sehr locker gehalten! Dafür mussten im Gym in der letzte Woche mehr als einen halben Tag die Schüler mit Vorträgen oder sonstigem Geschwurbel von 2 Damen in Sachen „Diversität“ informiert werden! Eine natürlich lesbisch und die andere binär! Ich bin fast ausgeflippt als mir mein Enkel das beim Mittagessen erzählte!
    Diese unnötige Veranstaltung wurde von der Schule initiiert!! Unfassbar, der eigentliche Bildungsauftrag wird dafür mehr als lässig behandelt!
    Dafür hat meine Enkelin bei den Barmherzigen Schwestern einen Unterricht, der ungefähr dem früheren und guten entspricht!
    Sicher sind Schwestern erzkonservativ, aber hier befürworte ich das sehr!
    Liebe Grüße und feine Feiertage!

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