Alois Schöpf
Wir haben’s ja!
Oder:
25.000 Euro für 90 Minuten Geschwätz
Notizen
Diese Meldung flutschte in die Tiroler Tageszeitung ohne ein Flunserl von Bedenken. Ungeniert dürfen sich darin – inklusive Abbildung – die Herrn Klaus Reitberger, Kulturreferent und Selbstverwirklicher der Stadt Kufstein, TVB-Geschäftsführer Michael Weiß, Otto Dialer von der Sparkasse Kufstein und TVB-Obmann Georg Hörhager darüber freuen, dass es ihnen gelungen ist, wie es in der Meldung heißt, den renommierten Poeten, Liedermacher, Schriftsteller, Regisseur, Schauspieler und Multimedia-Künstler André Heller am 16. Oktober 2026 im Stadtsaal Kufstein zu einem Abend voller persönlicher Reflexionen und Geschichten zu begrüßen.
So spricht Herr Reitberger von einem großartigen Gast, Herr Weiß von seiner Freude, den berühmten Mann endlich live zu erleben, und der Tourismusverband insgesamt von Schönheit, Glück und Inspiration.

Daraus ergibt sich allerdings die Frage, welche Poesie, welche von Heller gemachten Lieder, welche von Heller geschriebenen Bücher, welche Regiearbeiten, schauspielerischen und multimedialen Hervorbringungen dermaßen ins kollektive Gedächtnis eingegangen sind, dass sie die Freude der obgenannten Herren rechtfertigen.
Gerade im Hinblick auf das nächstes Wochenende in Kufstein stattfindende internationale Literaturfestival sprachsalz, bei dem unter anderen auch die aus Südkorea stammende Nobelpreisträgerin Han Kang auftreten wird, fällt die Ausbeute in den Punkten eins bis drei äußerst mager aus.
Abgesehen von sehr empathisch gesungenen Wiener Liedern fremder Provenienz sind Hellers Eigenproduktionen in Sachen Poesie und Liedermacherei längst der Vergessenheit anheimgefallen. Sein Roman Das Buch vom Süden wiederum wurde mit Ausnahme einer Besprechung, deren Rezensent gleich zu Beginn seine Befangenheit erklärt, durchwegs als mäßig gelungen bewertet. Nicht einmal im literarischen Bewusstsein der heimischen Szene ist Heller als Dichter und Schriftsteller präsent, was ebenso für seine schauspielerischen Leistungen gilt, die angeblich im Film Merry Christmas, Mr. Lawrence gegipfelt haben sollen.
Was man zuletzt von ihm vernommen hat, gehört eher in den Bereich des schweren Betrugs, wobei er einer Anklage nur dadurch entgangen ist, weil er den Schaden von 800.000 Euro in Gestalt eines gefälschten Bilderrahmens vor seiner Gerichtsanhängigkeit noch rechtzeitig gut gemacht hat.
André Heller ist kein Künstler, so gern er dies sein möchte, sondern, wie gar manche andere Österreicher, ein unfassbar von sich eingenommener Selbstdarsteller, der allerdings als Hans-Dampf-in-allen-Gassen und hauptberuflicher Netzwerker verschiedene Menschen aus verschiedenen Genres um sich zu scharen verstand und, teilweise mit erheblichen finanziellen Risiken, daraus Programme, Gärten und Animations-Gelände wie die Swarovski Kristallwelten entwickelte. Letztere natürlich ohne finanzielles Risiko.
Er ist also, wenn er wirklich etwas ist, ein Projektentwickler, mit der unangenehmen Eigenschaft allerdings, sich für den wesentlichen Urheber jener Ergebnisse zu halten, die von anderen etwa im Rahmen einer Show, einer Zirkusvorstellung oder eines Gartens real erbracht werden müssen.
Da bei der Einladung nach Kufstein aus dem bereits zitierten Jubelartikel nicht hervorging, wie die Verantwortlichen ihren Wiener Gast abseits üblichen Marketing-Geschwätzes tatsächlich einschätzen, ersuchte ich den für die Veranstaltung zuständigen Tourismusverband, mir das Honorar bekannt zu geben, das Heller dafür erhalten soll, dass er 90 Minuten lang aus seinem Leben plaudert und die Tiroler an seiner Weisheit teilhaben lässt.
Dieses Unterfangen erwies sich erwartungsgemäß als kompliziert. Zuerst wurde ich auf eine Dame verwiesen, die sich noch im Urlaub befand. Auf meine Antwort hin, dass ich so lange nicht warten wolle, wurde mir mitgeteilt, man werde ehebaldigst den Geschäftsführer des TVB damit befassen, worauf mir eine weitere Dame mitteilte, ich möge ein wenig Geduld haben. Das veranlasste mich wiederum, mich direkt mit Verweis auf einen gemeinsamen Bekannten an den TVB-Geschäftsführer Michael Weiß zu wenden, der sich endlich zu einer persönlichen Nachricht des Inhalts herbei ließ, meine Frage müsse noch rechtlich geprüft werden. Das wird sie bis jetzt, da ich den Artikel schreibe, immer noch.
Durch diese Wartezeit gleichsam beschäftigungslos erkundigte ich mich nach den Honoraren, die üblicherweise an Autoren bzw. Künstler bezahlt werden, wenn sie zu einer Veranstaltung eingeladen werden. Die Honorarsätze betragen dabei bei kleineren Kulturveranstaltungen 300 bis 600 Euro und bei Literaturfestivals 500 bis 1500 Euro. Dies dürfte in etwa auch auf das Internationale Literaturfestival sprachsalz zutreffen, das im Budget für alle 12 eingeladenen Autoren, unter denen sich eben auch eine Nobelpreisträgerin für Literatur befindet, 21.000 Euro veranschlagt.
Als viel mit Musik befasster ehemaliger Veranstalter interessierte mich nebenbei auch die Frage, wieviel eigentlich Weltstars wie Christian Thielemann oder Franz Welser-Möst erhalten würden, wenn sie als Dirigenten etwa in der Wiener Staatsoper bei einer Aufführung der Meistersinger von Nürnberg von Richard Wagner das Kraftzentrum von ca. 300 meist hochprofessionellen, exzellenten Musikerinnen und Musikern, aber auch von Bühnenarbeitern und Technikern zu bilden haben: Da an vielen Opernhäusern, auch aufgrund der massiven öffentlichen Zuschüsse, die Spitzenhonorare gedeckelt sind, was wahrscheinlich auch auf die Wiener Staatsoper zutrifft, dürfte sich aufgrund einer Recherche des ORF aus dem Jahr 2024 der Betrag auf etwa 15.000 Euro belaufen.
Und da ich diesen Artikel nicht geschrieben hätte, wenn es nicht doch noch Menschen gäbe, die sich einen Blick für einen gewissen Anstand und damit für eine gewisse Verhältnismäßigkeit bewahrt haben, wurde mir die Gage des Herrn Heller inoffiziell und schon vor längerer Zeit, natürlich ohne letzte Gewähr, mit 20.000 Euro übermittelt, wobei aller Wahrscheinlichkeit nach nicht nur die Reise- und Aufenthaltskosten dazu kommen, sondern auch die Mehrwertsteuer, sodass sich der Gesamtbetrag auf 25.000 erhöhen dürfte.
Das bereits mehrfach erwähnte internationale Literaturfestival sprachsalz erhält übrigens seitens des TVB Kufsteinerland einen Zuschuss von 7.000 Euro. Jeder soll sich selbst seinen Reim auf diese Provinzposse machen, die verdächtig an Nikolai Gogols Der Revisor erinnert.
Illustration: KI-generiert
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Hallo Alois!
Inhaltlich stimme ich ganz mit dir überein. Für mich ist A. Heller kulturell überholt, eine Provinzgröße der Vergangenheit, der Kitsch der Kristallwelten stößt mich ab. Das Verteilen des Artikels in Deutschland macht keinen Sinn. Die unter 60-jährigen Deutschen kennen Heller gar nicht und würden sich auch nicht für sein Werk interessieren. Staunen bewirken solche Werke wie jene Hellers kaum noch. Wen interessiert es, was er über sein Leben zu sagen hat? Niemanden außer vielleicht jemanden in Kufstein, welcher selbst aus der Zeit gefallen ist.
Ein Vergleich, was die Honorare betrifft. Das Erfurter Stadtschreiberstipendium beträgt 1250 € monatlich, und das viermal.. Auch wenn es ein wirklich kleines Stipendium ist, eher eine Grundsicherung, zumindest ist es ein Programm, welches noch im Leben stehenden Autoren zugutekommt. Beachtlich bis ausbeuterisch, welche Leistungen vom Stadtschreiber erwartet werden. Unter anderen das Veröffentlichen eines wöchentlichen Artikels, angeführt als Führung eines literarischen Tagebuchs. Dafür gibt es noch einmal 250 €, ein schlechter Scherz: die Arbeit dafür fällt unter den Stunden-Mindestlohn in Deutschland.
Grüße nach Tirol
Das vermute ich auch. Wenngleich ein Kratzen an so von der High Society liebgewonnenen Ikonen meistens oder fast immer eine Neiddebatte hervorrufen mag, wage ich mich doch hier auch der Kritik des Autors anzuschließen, was die Qualität der Heller’schen Poesie und seiner ganzen Kunst- und Künstlich-Welten anbelangt, auch wenn es natürlich jedem/r Kulturveranstalter/-in belassen sein muss, wen er einlädt, und von wem er sich am meisten Einnahmen verspricht.
Hallo Helmut!
Jetzt ist schon zweimal das Wort „Neid“ gefallen. Du kannst mir glauben, ich beneide Herrn Heller nicht einmal wegen seines Honorars. Und möchte zugleich darauf hinweisen, dass das Phänomen des Neids eine gewisse Nähe zum Phänomen des Gerechtigkeitssinns hat. Ich bin überzeugt, dass die Adeligen im Jahre 1789 den Bürgerlichen ununterbrochen Neid unterstellt haben. Ebenso wird es auch heute noch bei den Blaublütigen in England sein, wenn gewöhnliche britische Bürger sich die Frage stellen, wie sie eigentlich dazu kommen, eine solch parasitäre Klasse erhalten zu müssen.
Und was schließlich das Honorar selbst betrifft: der TVB Kufsteinerland ist eine öffentliche Einrichtung, die von den Zwangsgebühren der Touristiker und noch vieler anderer Berufszweige lebt, auch ich zahle Tourismusabgabe als Schriftsteller. Insofern ist es durchaus von allgemeinem Interesse, wenn ein solcher Verband für 90 Minuten hohlen Geschwätzes das Vielfache dessen bezahlt, was eine Nobelpreisträgerin als Honorar bei sprachsalz bekommt.
Mit herzlichen Grüßen
Alois
Ja ich hab das mit der Neiddebatte auch gar nicht als Kritik gemeint, sondern eben auch als ein Phänomen, das man da natürlich gleich mal erntet, wenn man etwa einen berühmten Autor oder Autorin ans Zeug flickt, so als wäre alles, was die sagen und schreiben, schon von vornherein sakrosankt. Natürlich war und ist ein gewisser Neid auch immer wieder Triebfeder für geschichtliche Veränderungen wie etwa eben Revolutionen. Bei André Heller ist es einfach eine kritische Sicht seiner Texte und seiner Auftritte, wohl auch seiner Selbstinszenierung, wo man sich sicher zu Recht fragen kann, ist es das wirklich wert? .
Ein bisschen besser recherchieren, Herr Schöpf:
€ 25.000 entspricht – wie in den Kulturförderberichten der Stadt Kufstein transparent aufgelistet und von jedermann nachlesbar – der jährlichen Subvention der Stadt für die Literaturtage Sprachsalz.
Und was Herrn Heller betrifft: sehen Sie sich mal seinen online verfügbaren Auftritt bei den Wiener Stadtgesprächen an. Der Mensch ist grandios. Es ist eine Ehre, ihn in Kufstein begrüßen zu dürfen. Viele freuen sich sehr darüber.
Die 7000 beziehen sich, wenn Sie genau lesen, auf den TVB, nicht auf die Stadt.
Die Mehrheit der Kufsteiner hält von André Heller genau so wenig wie von deinen Theaterproduktionen oder der Umbenennung der Kufsteiner Brücken.
andre heller das prädikat künstler abzusprechen ist sehr gewagt, lieber alois. er ists in vieler hinsicht! natürlich ist er auch ein lebenskünstler, aber eben nicht nur. über die höhe seiner gage in kufstein kann man natürlich streiten, doch irgendwie passt deine kritik in dieser form zum thema neidpartie, sage ich.
Na ja, laut Joseph Beuys ist jeder Mensch ein Künstler: der Bauer, der sein Feld pflegt, die Kindergartenpädagogin, die die Kinder erzieht und formt… Von daher ist sicher auch Heller ein Künstler, nur darf schon die Frage gestellt werden, ob Heller wirklich ausreichend gesellschaftlichen und zeitüberspannenden Wert schafft, der ihn überdauert, oder ob er als überschätztes Gegenwartsphänomen nicht doch in den Mühlen der Zukunft verschwinden wird wie so manch einer vor ihm.