Alois Schöpf
Wer soll sich da noch auskennen?
Apropos
Manchmal passieren durch Zufall mehrere an sich unbedeutende Ereignisse gleichzeitig und ermöglichen so eine Zeitdiagnose. In diesem Fall: Schmerzhafte Ratlosigkeit!
Zum einen waren es letztes Wochenende die Kommentare fast sämtlicher journalistischer Kolleginnen und Kollegen, aber auch von Politikern, eingeladenen Fachleuten oder Interessenvertretern: Österreich stehe am Abgrund, tiefgreifende Reformen seien notwendig und, wie der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz es in Anlehnung an Churchill für die Seinen ausdrückte: Ich habe hier für euch nur Blut, Schweiß und Tränen.
Mitten in dieses düstere Szenario fiel anlässlich einer Familienfeier dann das Statement eines jüngeren, berufstätigen Zeitgenossen, der selbstbewusst verkündete, dass er den täglichen Nachrichtenkonsum längst eingestellt habe. Er verspüre keine Lust, sich täglich das ganze Leid der Welt aufzuhalsen. Er hat das natürlich wesentlich drastischer ausgedrückt und hinzugefügt: Wenn ich in den Fernsehkasten schau, dann zieh ich mir eine Serie von Netflix rein.
Ergänzt wurden beide Beobachtungen durch ein Essay von Jakob Pallinger im Der Standard mit dem Titel Warum die Welt (vor allem in Österreich) nicht so verloren ist, wie viele denken.
Dazu kam die Nachricht im Mitteilungsblatt der Jesuitenkollegien, von denen ich eines in meiner Schulzeit besucht habe. Abgebildet war darin die fast vollständig versammelte Klasse einer 65-Jahre Maturafeier. Womit die 83-Jährigen den Beweis für die erfreulichste Revolution unserer Epoche lieferten: dass wir im Schnitt viel älter werden und länger das Leben genießen können.
Welche Befindlichkeit resultiert aus diesen Beispielen der Sorge, der Verweigerung oder der Freude? Es ist derzeit ziemlich schwer, zwischen der Gleichzeitigkeit solcher Widersprüche den klaren Kopf zu bewahren und nicht das Heil in zu einfachen Antworten zu suchen.
Erschienen in der Tiroler Tageszeitung am 27.09.2025
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