Alois Schöpf
Wer kann dieses Land
noch regieren?
Apropos

In den letzten Wochen wurde ausführlich darüber diskutiert, ob das Abendland untergeht, wenn man in Gymnasien, in denen Latein unterrichtet wird, davon eine Stunde streicht. Ich werde dazu meine Meinung nicht auch noch abgeben, aber dennoch beim Thema bleiben.

Denn so viel dürfte angesichts der momentanen Weltlage klar sein: dass es sich bei diesem Thema, das übrigens nur einen kleinen Teil der Schulen betrifft und sich lediglich auf die Kürzung einer einzigen Stunde bezieht, wahrlich um ein geradezu esoterisches Problem handelt. 

Dennoch sind die Widerstände so mächtig, dass es fraglich ist, ob der Unterrichtsminister, dem inzwischen sogar die Expertenrunde davongelaufen ist, seinen winzigen Reformplan durchsetzen wird.

Daraus jedoch ergibt sich die Frage, wie ein Land überhaupt noch regiert werden oder gar nach Jahrzehnten der Verhärtung und Erstarrung Reformen unterzogen werden kann, wenn schon solche Winzigkeiten wie die Kürzung einer Lateinstunde ein Ding der Unmöglichkeit zu sein scheinen. Wie soll da jemals ein wirkliche Entbürokratisierung, Deregulierung oder gar Beschleunigung von Genehmigungsverfahren gelingen? 

Etwa für den dringend erforderlichen Bau von Pumpwasserspeicherkraftwerken.

In den vielen Medien wird das Verlangen eines immer größeren Teils der Bevölkerung nach einem starken Mann als rechtsradikale Gefahr denunziert. Ist die Einschätzung realistisch? Wobei sicher Bedenken angebracht sind, ob jene, die derzeit den starken Mann markieren, tatsächlich befähigt sein werden, das Land besser zu regieren.

Ausdruck für die Verzweiflung, dass zu wenig weitergeht, ist aber auch die jüngste Ausgabe der hochseriösen Zeitschrift Pragmaticus, die als Beilage zur Tiroler Tageszeitung eine vom argentinischen Präsidenten Milei zum Symbol erhobene Kettensäge abgebildet hat, um auf die nötige Verschlankung des Staates hinzuweisen.

Erschienen in der Tiroler Tageszeitung am 07.03.2026

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Heidrun Strasser

    1,2 Mio. Schüler in Österreich. 280.000 davon an AHS (Gymnasien sind nicht gesondert erfasst). 2000 Schüler, die in Latein maturiert haben. Das sind 0,71% aller AHS-Schüler. Dafür die Aufregung?!
    Andererseits verwenden 94 Prozent der 11- bis 17-Jährigen Chatbots. Die Kids macht man nicht mit Latein lebenstauglich, und auch nicht mit Wiederkehrs KI-Appendix (wiewohl das Bemühen in die richtige Richtung geht).
    Wir brauchen ein zeitgemäßes Bildungssystem und einen vehementen Aufschrei, dass es dafür allerhöchste Zeit ist!

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