Alois Schöpf
Wenn eine Bewerbung zur Rufschädigung wird.
Apropos

Die Ernennung des Generaldirektors des ORF war in mehrfacher Hinsicht fragwürdig. Im Bemühen, durch Transparenz die Autorität des Stiftungsrates zu retten, wurde seine Sinnhaftigkeit nicht nur endgültig in Frage gestellt, sondern auch der gute Ruf derer beschädigt, die sich beworben haben.

Denn so klug und kompetent Clemens Pig auch sein mag: Er war von allem Anfang der Favorit der ÖVP und muss nun, da er es tatsächlich geschafft hat, mit der Punze der Parteibuchwirtschaft herumlaufen. Immerhin hat er die nächsten Jahre die Chance, diesen Verdacht durch kompetente Entscheidungen als falsches Vorurteil auszuräumen.

Eine solche Chance haben all jene nicht, die sich mit ihm beworben haben, teilweise von weit her angereist kamen, kiloweise Konzepte niederschrieben und mehrere auch öffentliche Befragungen über sich ergehen lassen mussten. Nun stehen sie da und müssen mit einem dicken, fetten gescheitert in ihrer bislang stolzen Karriere zurechtkommen.

Gescheitert vor einem Stiftungsrat, der nie darüber hinauskam, die Verantwortung der Regierenden zu verschleiern. Wer diese Einschätzung als ungerecht empfindet, dem bleibt als Rechtfertigung nur der Glaube an die Schwarmintelligenz, der besagt, dass 35 Leute besser entscheiden können als eins, zwei oder drei. Jeder, der etwas von Wirtschaft versteht, wird darüber lachen.

In erfolgreichen Unternehmen werden Spitzenkräfte meist proaktiv gesucht und angeworben. Und zwar von den Chefs persönlich und nicht von irgendwelchen Komitees.

Demnächst bestellt der ORF-Stiftungsrat weitere Leitungspositionen, auch in den Landesstudios. Im Herbst wiederum findet die große ORF-Enquete der Regierung statt. Wäre es vor diesem Hintergrund nicht vernünftig, wenn man sich in Zukunft mehr an den Gepflogenheiten erfolgreicher Unternehmen orientieren würde? Immerhin ist der ORF auch ein Großunternehmen.

Erschienen in der Tiroler Tageszeitung am 27.06.2026

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

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