Alois Schöpf
Wenn das Dorf bestimmt,
was im Land passiert.
Apropos

Von meinem Schriftstellerkollegen Helmuth Schönauer stammt die These, wonach man, wenn man ein Projekt verhindern oder verzögern möchte, nur ein tolles Foto braucht. 

Das ist inzwischen so geschehen beim geplanten Gewerbegebiet in St. Johann, wo der einsam in einer Waldbucht stehende Bauernhof umgehend archaische Antipathien gegen den zerstörerischen Kapitalismus tirolerisch mittelständischer Provenienz mobilisierte.

Bei solch emotionalen Debatten haben rationale Argumente weder im Hinblick auf die Wirtschaft, noch im Hinblick auf die nötige Bewältigung des Klimawandels eine Chance. 

Anders ist das deutliche Nein der Pfonser gegen das geplante Pumpwasser-Speicherkraftwerk im Platzertal nicht zu erklären. Die Bilder, die uns auch in diesem Fall von einer Gegend und ihrem angeblichen Hochmoor erreichten, waren einfach zu schön.

Wobei hier der Tourismus eine entscheidende Rolle spielt: Er vermarktet seit Jahren das Land als eine Ansammlung von sakralen Naturikonen, vor denen wie vor einem biologischen Tabernakel das ohnehin zur Frömmigkeit neigende Volk der Tiroler kniet und jeden kleinen Kratzer an den verinnerlichten Marketingklischees als Gotteslästerung interpretiert.

Dass sich zu diesem Missverständnis dann noch eine Politik gesellt, die sich in vorauseilender Bürokratie selbst gelähmt hat und nur noch durch die Wählerstimmen der Landbevölkerung an der Macht geblieben ist, weshalb ihr bis zum Abwinken gehuldigt wird, führt zu einer neuen Mode, aufgrund derer die Demokratie auf den Kopf gestellt wird.

Dörfer, und da nicht einmal der Gemeinderat, sondern Bürgerinitiativen, möchten über Angelegenheiten bestimmen, für die der Landtag oder die Bundesregierung zuständig sind. Und zu Fanatismus neigende Einzelkämpfer treiben eine Politik vor sich her, die ihnen durch die Unfähigkeit, zu entscheiden, erst zu dieser Macht verholfen hat.

Erschienen in der Tiroler Tageszeitung am 21.06.2025

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Manfred Malli

    Gratuliere!
    Sie sprechen mir und wahrscheinlich vielen anderen Menschen aus der Seele.
    Aber Nichtstun ist sehr in Mode gekommen, man will ja nix falsch machen…
    Es wird sich wohl nichts ändern, aber es ist erfrischend, wie Sie immer wieder den Kern der Sache treffen.
    Weiter so!

    Mit freundlichen Grüßen
    KommR Ing Manfred Malli

  2. Hansjörg Hagspiel

    Sehr geehrter Hr. Schöpf,
    Ich lese schon viele Jahre Ihre Kolumne. Ich bin mit vielen – nicht mit allen – Ihren Berichten einverstanden. Doch heute haben Sie wirklich ins Schwarze getroffen. Sie recherchieren offensichtlich viel und auch gut.
    Haben Sie sich auch nach der Ursache gefragt, warum einfache Dorfgemeinschaften die Politik vor sich hertreiben können ?
    Warum sind kleine Minderheiten in der Lage, wichtige Einrichtungen für die Allgemeinheit zu verhindern? Warum können politische Ränder gefährlich für die Demokratie werden?
    Meine Antwort ist: Die Medien stellen diesen Menschen in verantwortungsloser Weise das Instrument eines Marktmultiplikators, auch noch kostenfrei, zur Verfügung.
    Umkehrschluss: Sind es die Medien, die helfen zu radikalisieren? Sind es auch Printmedien, die den Spaltern der Gesellschaft helfend die Hand halten? Sorry für meinen Verdacht „es gilt die Unschuldsvermutung“.
    Ich werde mit Interesse verfolgen, ob Sie in Zukunft Ihre eigene Zunft ins Visier nehmen…..können.
    Ihr aufmerksamer Leser.

  3. walter plasil

    Bin ganz der selben Meinung. Mit fragmentarischen Infos und Dauerberieselung über die Unzahl von erbosten Bürgern, die schützen müssen, was ist, geraten neue Projekte fast schon reflexartig in die Kritik. Die vornehmeren Bedenkenträger umrahmen diese Negativ-Aura mit Kommentaren, und so geht das eine oder andere Projekt baden.

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