Alois Schöpf
Was ist los mit uns im Westen?
Apropos

Die Zölle des Herrn Trump passen bestens in das eigenartige Bild, das der hedonistische Westen derzeit abgibt: Sich abschotten, autark sein, nur mit seinesgleichen verkehren, andere Meinungen als Beleidigung auffassen und ausschließlich mit Leuten zusammenarbeiten, die einem Respekt – man beachte das Wort – zollen.

Ob Deutschland mit seiner Brandmauer, das vollständig in sich gespaltene Amerika oder das kleine Österreich mit seinem Problem, zu einer Regierung zu kommen: die Unfähigkeit der Politik, tragfähige Brücken zu bauen, ist lediglich der repräsentative Ausdruck von Gesellschaften, die verlernt haben, miteinander zu reden.

Als ein diesbezüglich aus der Zeit Gefallener kann ich ein Lied davon singen. In Folge der Entwicklung der sogenannten 1968er-Revolution entwickelte sich der Grundsatz, dass alles schonungslos ausdiskutiert werden muss, weil nur dadurch Probleme gelöst und alle dadurch gescheiter würden. Ich hab mich weitgehend an diesen Grundsatz gehalten und musste mir dafür von einem nächsten Verwandten den Vorwurf gefallen lassen, ich sei sozial verwahrlost.

Gleichsam als Verteidigung stell ich die Frage, ob an der derzeitigen Sprachlosigkeit nicht auch der Umstand Schuld trägt, dass inzwischen vom Kindergarten über die Schulen bis hin zum Erwachsenenleben ganze Generationen derart mit Samthandschuhen angefasst wurden, dass sie beim geringsten Gegenwind einknicken. Und dass sie, statt ihre Schwäche einzugestehen, als Erwachsene von den Medien, der Wirtschaft mit ihrem Marketing und der Politik – weniger von ihren Arbeitgebern – ununterbrochen umschmeichelt werden, damit sie fleißig konsumieren und die Partei mit der besten Werbung wählen. Und dass diese Art der narzisstischen Dauerüberhöhung in den wasserdichten Blasen der sozialen Medien vor der bösen Realität geschützt werden muss.

Da ist ein Gespräch mit dem Anderen nicht mehr drinnen!

Erschienen in der Tiroler Tageszeitung am 08.02.2025

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor, Journalist, Veranstalter, geb. 1950, lebt bei Innsbruck, schreibt seit 41 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 34 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Nach seiner Tätigkeit als ORF-Fernsehredakteur für Fernsehspiel und Unterhaltung verfasste Schöpf Romane, Erzählungen, Märchenbücher und in den letzten Jahren vor allem Essays zu relevanten gesellschaftlichen Themen. Daneben schrieb er Theaterstücke und vier Opernlibretti. Schöpf war auch als Blasmusikdirigent tätig und ist Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte, die er 25 Jahre lang bis 2019 leitete. Zuletzt gründete er 2020 das Online-Magazin schoepfblog, an dem 40 renommierte Autorinnen und Autoren mitarbeiten.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Johanna Rotter

    Sehr geehrter Herr Schöpf!
    Wieder einmal ein „Apropos“ von Ihnen „Was ist los mit dem Westen“ in der TT vom 08.02.25, für welches ich mich bedanke, da Sie mir wieder aus der Seele gesprochen/geschrieben haben.
    Ich möchte allerdings eine Anmerkung dazu machen: „Miteinander reden“ und „schonungslos ausdiskutieren“ ist meines Erachtens nur dann zielführend und bringt Zufriedenheit, wenn auch zugehört und auf die Argumente des Partners eingegangen wird! Eine Fähigkeit, die ich leider allgemein vermisse – lediglich Psychiater im weitesten Sinn haben das – meistens – gelernt und setzen diese Fähigkeit zum Wohl ihrer Patienten ein!

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